Erst das Sperrige, dann der Zucker

8. April 2003, 14:56
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Premiere von "Choreographische Welten" an der Staatsoper

Wien - Der Ballettabend, der unter dem berückenden Titel Choreographische Welten am Sonntag in der Staatsoper Premiere hatte, kam sehr wienerisch daher. Als Vorspeise etwas Ernstes, als Supperl etwas Abgehobenes, die Hauptspeise delikat und zum Schluß ein ordentlicher G'spaß.

Koch der vollmundigen Teile in diesem Menü ist der 1947 in Prag geborene Barockfürst des neueren Balletts, Jiri Kylián, bis 1999 Chef des Nederlands Dans Theater (NDT). Sein Hauptgericht für das Dinner heißt Petite Mort, ein Stück für zwölf Tänzerinnen und Tänzer, in dem der Meister vieler Bewegungsflüsse seine exquisiten choreografischen Fähigkeiten unter Beweis stellte. Zu Mozarts Konzerten für Klavier und Orchester Nr. 23 und und Nr. 21 elegante, ausladende Pas de deux, wohlkalkuliertes Timing, gekonnte Linien, darüber gestreuselt einige zierliche Gags mit Degen und Krinolinenkleidern auf Rollen. Der "Kleine Tod" kam mit einem Lächeln daher.

Und schon war man vorbereitet auf das Dessert, Sechs Tänze zu Mozarts "Deutschen Tänzen", KV 571. Weißgeschminkte Gesichter, Puderstaub auf Barockperücken, die bei jeder Bewegung kleine Wölkchen verursachten. Burleskes Parodieren und Charmieren auf der Bühne wurden vom Premierenpublikum mit dankbarem Lachen und viel Applaus belohnt.

Die vielen flachen Klischees, die schlichten Tricks und die inhaltliche Platitüde blieben darunter verborgen. Denn über den Kunst-Wolken, und da schwebt Kylián seit Jahren, ist die Freiheit deshalb grenzenlos, weil der Meister nie wirklich zu einem schlüssigen künstlerischen Konzept fand. Er bestrickt einfach durch die Buntheit seiner choreografischen Kleider.

Die kleine Suppe vor Kyliáns Werken, ein Pas de deux aus William Forsythes vierteiligem Werk Slingerland, das Ende der 80er uraufgeführt wurde. Der Pas de deux zur Musik von Gavin Bryars stammt aus dem ersten Akt und zeigt die unglaubliche Fähigkeit Forsythes, mit Raum-und Zeitstrukturen umzugehen. Simona Noja und Giuseppe Picone versuchten redlich, die tänzerische Präzision und Atmosphäre des Frankfurter Choreografie-Giganten wiederzugeben. In weiteren Aufführungen der Choreografischen Welten könnte ihnen das auch gelingen, die Premiere ließ noch nicht viel von dem Potential, das in dieser tänzerischen Petisse liegt, spüren.

Der interessanteste Teil des Abends, die Vorspeise, ist etwas sperrig. In seiner Silence sans reproche für das Wiener Ballett thematisiert der 1960 geborene Patrick C. Delcroix die Janusköpfigkeit des menschlichen Wesens. Ein Blick in Innenwelten fördert Monstren zutage. Zwischen den Musikstücken, dem Geigenquartett Patrol von Steve Martland und dem elektroakustischen CRI/ME von Glyn Perrin, tut sich ein Abgrund der Stille auf. Die zehn Tänzer, darunter die sich immer mehr zu einer der interessantesten Figuren im Ballett der Wiener Staatsoper mausernden Shoko Nakamua, geraten in ein Gefängnis aus Gitterstäben. Aus den harmonischen Bewegungen im ersten Teil des Stücks werden groteske Verrenkungen, spastisches Gezappel, Wiederholungen. Die Welt gerät aus den Fu- gen.

Das Menü der Choreographischen Welten ist sehr auf den Wiener Geschmack abgestimmt. Erst das Sperrige und zum Schluss der Zucker. Das macht das Dinner künstlerisch doch etwas schal. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2003)

Von Helmut Plöbst
  • Artikelbild
    foto: wiener staatsoper
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