Travnicek und die neue Hauptbücherei

Kommentar der anderen7. April 2003, 18:30
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ANTONIO FIAN - In Vertretung der Herren Qualtinger und Bronner

(Wien. Urban-Loritz-Platz. Travnicek und sein Freund.)
FREUND: Was, Travnicek, halten Sie von der neuen Hauptbücherei?
TRAVNICEK: Mit den Freiheitlichen will ich nichts zu tun haben.
FREUND: Wie kommen Sie auf die Freiheitlichen? Die neue Hauptbücherei gehört der Gemeinde Wien, und Wien ist eine rote Stadt.
TRAVNICEK: Warum heißt sie dann Haupt-Bücherei und nicht Häupl-Bücherei?
FREUND: Sie missverstehen das, Travnicek. Sie heißt Hauptbücherei, weil sie die größte ist und weil die ganze Büchereiverwaltung in ihr untergebracht ist.
TRAVNICEK: Und was habe ich davon?
FREUND: Sie können das enorme Bücherangebot nützen! 240.000 Printmedien! 60.000 elektronische Medien!
TRAVNICEK: Wann i a Biachl siach, hob i scho gfressn.
FREUND: Aber irgendein Buch werden doch sogar Sie gelesen haben. Karl May. "Der Schatz im Silbersee".
TRAVNICEK: Schau ich aus wie ein Landeshauptmann?
FREUND: Es ist ein großer Fehler, Travnicek, nichts zu lesen. In Büchern steckt die Weisheit von Jahrtausenden.
TRAVNICEK: Und warum lasst man s' nicht raus?
FREUND: Ich sehe schon, es ist hoffnungslos. Lassen Sie uns wenigstens die Architektur betrachten.
TRAVNICEK: Habe ich schon im Fernsehen gesehen.
FREUND: Das Fernsehen kann die Wirklichkeit nicht ersetzen. Betrachten Sie diese kolossale Freitreppe, die an aztekische Tempelbauten gemahnt.
TRAVNICEK: Sehr altmodisch, wenn man bedenkt, wie lang es schon keine Azteken mehr gibt.
FREUND (unbeirrt): Diese kühne Stützkonstruktion, die das "Bücherschiff" über der U-Bahn-Station und dem Gürtel förmlich schweben lässt!
TRAVNICEK: Ein Schiff hat nicht zum Schweben, ein Schiff hat zum Schwimmen. Und zwar nicht am Gürtel, sondern am Donaukanal. Und von dort in die Donau und ins Schwarze Meer.
FREUND (kopfschüttelnd): Ich geb's auf. Kommen Sie, gehen wir was essen.
TRAVNICEK: Gern. Wohin?
FREUND (zeigt auf das obere Ende der Freitreppe): In das Café da oben.
TRAVNICEK (nach kurzem Überlegen): Meinetwegen. Kriegt man wenigstens einen Hunger.
(Sie beginnen, die Freitreppe hinaufzusteigen.)
FREUND: Vielleicht sollten Sie doch einmal in die neue Hauptbücherei gehen, Travnicek, und sich ein Buch ausborgen und es lesen. Wissen ist Macht!
TRAVNICEK: Das sagen sie im Fernsehen auch immer.
FREUND: Na, bitte, sogar im Fernsehen!
TRAVNICEK: Man darf nicht alles glauben, was s' im Fernsehen sagen.
(Vorhang)

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