"Das Buch ist das Grundnahrungsmittel"

7. April 2003, 18:30
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Wien - Das letzte Buch ist in die Regale geräumt: Heute, um 11.00 Uhr, eröffnet die Hauptbücherei ihr neues Gebäude am Urban-Loritz-Platz (ausführlicher Bericht zu dem Bau von Ernst Mayer im letzten STANDARD-ALBUM) für das Publikum und erfindet unter der 2000 Quadratmeter großen Dachterrasse auf zwei Geschoßen ein in Österreich bis dato unbekanntes Bibliotheksgefühl: die Bücherei als Wohlfühl- und Aufenthaltsort. Mit Schmöker- und Studienecken, Aus- und Durchblicken, viel Glas und hellem Holz. Doch auch jenseits des Ambientes hat sich einiges bewegt in den letzten Jahren.

Parallel zum Umzug organisierte Hauptbücherei-Leiter Alfred Pfoser mit seinem gut hundertköpfigen Team eine Rundum-Modernisierung der größten öffentlichen Entlehnbibliothek Österreichs.

STANDARD: Gratulation! Das neue Haus ist wunderschön. Was aber sind, abgesehen vom sagenhaften Panoramablick auf den Kahlenberg und guter Verkehrsanbindung, die wesentlichen Neuerungen für die Benutzer der Hauptbücherei?
Pfoser: Zum einen die Freihandaufstellung nahezu aller unserer Bestände. Insgesamt 300.000 Bücher und Medien sind in den Regalen offen zugänglich. Womit wir die größte Freihandbibliothek Österreichs darstellen. In der Skodagasse hatten wir lediglich 80.000 Bände aufgestellt, weitere 70.000 befanden sich dort im Magazin.

STANDARD: Moment - 80.000 und 70.000 ergibt zusammen aber nur einen Bestand von 150.000 Büchern?
Pfoser: Ja, seit 1998 haben wir unseren Bestand, parallel zum Bau der neuen Bücherei, um 100 Prozent aufgestockt, vor allem im naturwissenschaftlich-technisch-medizinischen Bereich und bei den neuen Medien, CD-ROMs, DVDs.

STANDARD: Also eine Verschiebung weg von der Literatur und dem Buch?
Pfoser: Nein. Das Buch ist das Grundnahrungsmittel. Schon dank seiner vielen Vorteile. Und die Belletristik stand immer im Zentrum unserer Bücherei. Hier hatten wir aber bereits eine starke Sammlung von 70.000 Werken der Weltliteratur. Die gilt es auf dem erworbenen Niveau zu erhalten und weiterzuführen.

STANDARD: Kehren wir zu den Neuerungen zurück. Der vergrößerte Freihandbestand, . . .
Pfoser: . . . der erfahrungsgemäß eine weit größere Ausleihfrequenz garantiert. Das Schöne an einer Freihandbibliothek ist ja die Möglichkeit der Entdeckungen im Regal. Weshalb rund dreißig Prozent unserer Bücher, achtzig Prozent der Videos und nun vermutlich bald hundert Prozent der DVDs permanent verliehen sind. Die kommen zurück und sind schon wieder weg.

Zweitens aber werden wir von nun an nicht nur eine Entlehnbibliothek sein, sondern auch eine Studienbibliothek. Während wir in der Skodagasse nur sehr wenige Sitzplätze hatten, verfügen wir nun über rund 350 Plätze, 100 davon mit PCs. Man kann dort schmökern, studieren, kann den ganzen Tag in der Bücherei verbringen.

STANDARD: Die PCs verfügen über Flachbildschirm und Internetanschluss.
Pfoser: Ja, und zusätzlich haben wir auf jedem PC Linklisten eingerichtet, abgestimmt auf den Wissensbereich, bei dem er steht. Wie in der neuen Bücherei überhaupt einige neue Technologien zum Einsatz kommen. Eine neue Buchtransportanlage. Die automatisierte Transponder-Selbstverbuchung.

STANDARD: Dennoch hat Österreich bis heute nicht gerade den Ruf eines Bibliotheken-Eldorados.
Pfoser: Im europäischen Konzert spielen wir bibliotheksmäßig eine ähnlich wichtige Rolle wie im Fußball. Was auch die Pisa-Studie bestätigte. In Finnland etwa, das europaweit, was Bibliotheken angeht, an erster Stelle liegt, nutzen 80 Prozent der Bevölkerung regelmäßig öffentliche Büchereien - in Österreich gerade mal acht Prozent.

STANDARD: Woran liegt das?
Pfoser: Aufgrund einer seltsamen Tradition sind öffentliche Bibliotheken in Österreich immer vernachlässigt worden. In nahezu allen anderen europäischen Ländern werden sie gleichrangig behandelt mit Theatern und Museen. Schließlich sorgen sie, wie auch Schulen, für die Bildungsgrundversorgung eines Staates. Selbst unser neues Haus ist im europäischen Vergleich sehr bescheiden.

Ein Beispiel: In Oslo plant man derzeit eine Bibliothek in zentraler Lage, am Meer gelegen, mit einer Fläche von 50.000 Quadratmetern - wir haben jetzt 6000 Quadratmeter, insgesamt, das Verwaltungsgeschoß mitgerechnet. Oslo ist aber erheblich kleiner als Wien. Oder Frankreich: In den Achtzigern, unter Mitterrand, startete man dort ein fulminantes Bibliotheken-Baupogramm im ganzen Land. Der Bund schoss jeder Stadt, die in dieser Zeit eine Bücherei gebaut hat, fünfzig Prozent ihrer Kosten zu.

STANDARD: Für eine höhere Attraktivität sorgen sicher auch öffentliche Veranstaltungen. Sie verfügen nun ja über einen Veranstaltungssaal und die attraktive Sitzecke vor dem Panoramafenster, die geradezu ein Traumort wäre für Lesungen.
Pfoser: Dieser Ort hat einen Zauber, den nur wenige Plätze in Wien aufweisen können. Wir werden sehen, wie wir alle diese neuen Möglichkeiten nutzen. Wir müssen uns das Gebäude nach und nach erarbeiten. Ein Haus entwickelt sich ja mit seinen Bewohnern. Das ist alles sehr spannend.

Heute eröffnet die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz in Wien die Pforten für das Publikum. Über die wesentlichen Neuerungen und Österreichs schwach ausgebildetes Interesse an Bibliotheken sprach ihr Leiter Alfred Pfoser mit Cornelia Niedermeier.
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