Der Mitesser

14. April 2003, 13:59
1 Posting

Bei manchen Menschen bemerkt man erst, dass man sie vermisst hat, wenn sie plötzlich wieder auftauchen ...

... Er ist so einer. Nicht, dass er nicht immer da gewesen wäre - aber unmittelbar vor mir hatte er halt nicht gestanden. Vergangene Woche war es so weit. Und man hätte auch vorhersagen können, dass er genau dort einen Auftritt hinlegen würde. Schließlich sind Veranstaltungen, wo es Essbares umsonst gibt seine Spezialität. Und als Vernissagenesser und –trinker wird er irgendwann einmal in die Kunst- und Galleriengeschichtebücher der Stadt Eingang finden.

Vergangene Woche also stand er vor mir. Bei der Eröffnung des Ausstellungsraumes Ecke Eschenbachgasse/Ring. Ein auf die Darstellung des Garungsprozesses von Speisen spezialisierter Fotograf hatte - passend zu seiner Hühnerbruzzelfotoserie - eine Hendlgrillstation aufgestellt. Er stand da. In jeder Hand ein Glas. So positioniert, dass er den kürzesten Weg zu den Hendln hätte. Immer in Bewegung. Auf Überblick bedacht: Gegner ausspähen, ihnen den Weg versperren. Er – der Mitesser - war wieder da.

Der Meister

Sicher, er ist nicht der Einzige. Es gibt rund 20, die ich mittlerweile kenne. Plus jener Figuren, deren Gesichter ich mir nicht merke, die aber offensichtlich nur aus einem Grund zu Vernissagen, Produktpräsentationen oder Pressekonferenzen kommen. Manche sind gut. Viele sind Meister – aber ihm kann keiner das Häppchen reichen. Oder aus dem Mund nehmen. Außerdem hat er es aussehenstechnisch schwerer: Man sieht ihm die Gier an. Aber weder das, noch sein ungepflegtes Auftreten – mit Anzug oder Bandshirt - noch die zum losen Zopf gebundenen Haare oder die extrem unsaubere (fast nach Absicht aussehende) Gesichtshaut, haben ihn je gehindert, mit der größten Beute von dannen zu ziehen.

Bei den Hendln fiel er mir auf, weil er mich tatsächlich mit einem Bodycheck aus der Reihe schubste. Da kam die Erinnerung: Ich hatte ihn schon einmal als Hauptact erlebt. Ein Schnellschnitzelpalast hatte zum Wettessen geladen. Und zwischen Full-Defense-Footballern, Bierfassweitwerfern und Freistilringern wirkte der nicht gerade große und sicher nicht dicke Junge wie ein Scherz. Er hat trotzdem gewonnen. Mit zwei oder drei Cordon-Bleus Vorsprung. Der Zweitplazierte war auf, glaube ich, vier Megasize-Fleischschwarten gekommen. Aber der Mitesser hörte nicht auf, zu stopfen, als das Rennen längst gelaufen war. Gratis ist gratis. Hätte ihn der – leicht angeekelte – Moderator nicht aufgehalten, äße er heute noch.

Semper et ubique

Ob ich den hässlichen Kerl mit dem Pferdeschwanz gesehen hätte, der da gerade eine Mutter mit Kind am Arm zur Seite gedrängt habe, fragte mich M. Den, sagte M., habe er schon lange nicht mehr bemerkt. Das letzte Mal auf einer Wohnungseinweihungsfeier. Plötzlich sei er da gewesen. Er habe nicht geredet, aber gefuttert. Und als man ihn bat zu gehen, habe er zwei Weinkartons mitgenommen. Alle, sagt M., wären so perplex gewesen, dass keiner etwas gesagt hätte.

Wir waren uns wieder mal alle einig. Nur A. nicht. Als M. und ich bei unserer dritten Portion Huhn waren, platze ihr der Kragen. Wir wären, meinte sie, in Wirklichkeit nur neidig, dass der Mitesser das bessere Informationsnetz habe. Wir wären nicht besser als er. Nur hätten wir – jobbedingt – die bessere Ausrede.

Nachlese

--> Gratis parken
--> Sternmarsch
--> Wie bei Oma
--> Indien

--> Ein Geschenk
--> Speckgürtel
--> Valentinsdebakel
--> Die Mulde
--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege

--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby

--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Dienstags auf derStandard.at/
Panorama
  • Artikelbild
Share if you care.