"Eine US-Militärregierung ist vom Tisch"

7. April 2003, 17:26
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Burhan Jaf, Vertreter der kurdischen Regionalregierung bei der EU im STANDARD-Interview

Standard: Welche Rolle werden die Kurden bei der Bildung der irakischen Übergangsregierung spielen?

Jaf: Über diese Übergangsregierung wird alles Mögliche geschrieben und geredet. Was sich abzeichnet, glaube ich, ist zunächst mehr eine irakische Verwaltung als eine Regierung. Das Problem stellt sich im Süden und im Zentrum des Irak. Im kurdischen Gebiet im Norden gibt es schon seit zehn Jahren eine Regierung. Der Plan einer Militärregierung ist jedenfalls vom Tisch, darüber wird nicht mehr gesprochen.

Standard: In Washington schon. Jay Garner, ein US-General im Ruhestand, soll als eine Art "ziviler Arm" der US- Armee die Übergangsverwaltung führen.

Jaf: Das sind alles Spekulationen. Die irakische Opposition hat das abgelehnt. Eine Militärregierung würde ein Rückschlag für die Amerikaner werden, ein Schuss, der nach hinten losgeht. Niemand im Irak akzeptiert eine solche Regierung. Es gibt ernsthafte politische Parteien, die Saddam Hussein nicht seit 30 Jahren bekämpfen, damit jetzt eine Militärregierung der Amerikaner und Briten kommt.

Standard: Sie würden also nicht mit Garner zusammenarbeiten wollen?

Jaf: Die Amerikaner werden sicher für einige Zeit dableiben. Die Armee wird für die Sicherheit im Land sorgen müssen. Doch das Erste, was die Opposition mit den Alliierten verhandeln wird, ist ein Zeitplan über den Abzug der Truppen.

Standard: Das ist vermutlich nicht die erste Sorge der USA.

Jaf: Die Amerikaner haben die Selbstbestimmung der Iraker zum Ziel erklärt. Offiziell haben sie noch nicht mit der irakischen Opposition über eine Übergangsregierung gesprochen. Wir warten, bis Saddam gestürzt ist. Wir sehen aber jetzt, dass im Süden und im Zentrum des Irak viele Gebiete befreit sind, was zu einem Machtvakuum führt. Entweder die Amerikaner bauen dort rasch eine Verwaltung auf, dann hätten wir eine dezentralisierte Regierung im Irak mit Verwaltungen im Süden, in der Mitte - und im Norden mit der kurdischen Regierung; damit wären wir auch einverstanden. Oder es gibt eine Verwaltung für das ganze Land, was auf längere Sicht für alle Iraker besser wäre. Die dann folgende Übergangsregierung wird wohl 18 Monate oder zwei Jahre im Amt bleiben.

Standard: Wer wird die Regierung führen? Adnan Pachachi soll schon mit der Bildung eines "Souveränitätsrates" beauftragt worden sein.

Jaf: Wer ist Pachachi? Er ist kein Oppositioneller. Er war Außenminister in den 60er- Jahren, und in den 50ern war er in der UNO. Come on. Pachachi ist ein Nationalist, der Kuwait als irakisches Gebiet bezeichnet hatte. Er hat keine Chancen.

Standard: Nennen Sie einen anderen Namen.

Jaf: Es gibt Persönlichkeiten. Es muss auch keineswegs ein Araber sein. Die Kurden zum Beispiel verhandeln jetzt die Struktur des Irak. Sie wollen keine Unabhängigkeit, sie haben zwölf Jahre lang (seit Ende des Golfkrieges 1991, Anm.) die Einheit des Irak aufrechterhalten. Die Amerikaner könnten Massud Barzani nehmen, den Führer der Demokratischen Partei Kurdistans. Er ist immer für eine Demokratie im Irak eingetreten, die Leute vertrauen ihm.

Standard: Was lässt Sie denken, dass die Amerikaner im Irak nicht wie in Afghanistan verfahren und einen Mann des Exil-Establishments wie Hamid Karsai installieren?

Jaf: Der Irak ist nicht Afghanistan oder die Karibik. Der Irak ist ein sehr entwickeltes Land mit einer Geschichte und einer bedeutenden Wirtschaft - den Erdölvorkommen. Und die irakische Opposition ist kein loser Haufen. Sie hat Widerstand gegen Saddam Hussein geleistet.

Standard: Wie viel vom Erdöl im Irak wollen die Kurden?

Jaf: Die gesamten Ölressourcen sollten von der Zentralregierung in Bagdad verwaltet werden. Aber es wird je nach Bevölkerungszahl Zuweisungen an die Regionen geben. Den Kurden stehen derzeit nach dem UN-Programm "Öl gegen Nahrung" 13,5 Prozent zu, wir werden mehr verlangen, 28 Prozent, um genau zu sein. So viel macht die kurdische Bevölkerung nach der letzten gültigen Volkszählung von 1957 aus.

Standard: Wie weit wird das irakische Kurdistan reichen?

Jaf: Wir werden Kirkuk einnehmen, unsere historische Hauptstadt. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2003)

Die Kurden im Irak wollen bei der Bildung der Übergangsregierung ein gewichtiges Wort mitreden. Mit Burhan Jaf, dem Vertreter der kurdischen Regionalregierung bei der EU, sprach Markus Bernath.
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