Wenn Träume in der Wüste enden

8. April 2003, 15:22
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Im Flüchtlingslager Ruweishid blicken die Verlierer des Irak-Kriegs in eine ungewisse Zukunft - Eine Reportage von Till Mayer

Ruweishid - Ein Tag kann sich unendlich lang hinziehen. Hayat blickt aus dem Zelt über die staubigen Planen der folgenden Reihen. Hinter dem Camp B in Ruweishid gibt es nur noch Sand und Steine soweit das Auge reicht. Vom Himmel brennt die Sonne. Keine Wolke am Horizont, kein Baum, der Schatten gibt. Die 22-Jährige lernt eine bittere Lektion in ihrem jungen Leben. Lernt, was es heißt, ein Flüchtling zu sein.

Bis die Bomben fielen, schien alles so fern. Hayat will in Bagdad nicht daran denken, was Krieg bedeutet. Übersieht so gut es geht die ernsten Gesichter der anderen Studenten. Will nicht hören, worüber alle sprechen. "Krieg": Das Wort hämmert sich in die Köpfe aller. Verdrängt Stück für Stück all das Wissen, dass der Professor im Hörsaal an die schwarze Tafel schreibt.

Bagdad bedeutet für Hayat eine Chance. Mit ihrem Stipendium kann die junge Somalin Medizin studieren. Kostenlos. "Und die Ausbildung ist gut", so Hayat. Ihre Eltern hätten ihr kein Studium finanzieren können, trotz der guten Noten. Der Vater arbeitet als Fahrer in den Arabischen Emiraten, die Mutter als Hauswirtschafterin. Der Lohn reicht nicht, um allen Kindern eine gute Ausbildung zu sichern.

Die Heimat Somalia hat ein jahrelanger Bürgerkrieg in den Abgrund getrieben. In weiten Teilen des Landes haben Warlords das Sagen. Hier sind Kalaschnikows das Gesetz. "Wir brauchen dringend Ärzte in Somalia. Keine Kämpfer", erklärt Hayat. Erzählt von ihrer Tante, die bei der Geburt ihres Kindes starb. Niemand war da, der die Blutungen stoppen konnte: "Für die ganze Familie war das ein Alptraum. Damals entschloss ich mich Medizin zu studieren". Drei Jahre paukt Hayat an der Universität. Halbzeit im Studium, Endzeit in Bagdad. Raketen detonieren. Einmal spürt Hayat, wie der Boden unter ihr wankt.

Mit anderen Freunden flieht sie. Ein alter Bus bringt sie bis zur jordanischen Grenze. Dort wird sie ins Flüchtlingslager Ruweishid des Jordanischen Roten Halbmonds überwiesen. Rund 250 Männer, Frauen und Kinder aus sogenannten Drittländern sind hier untergebracht: Ein Transit für Gestrandete. Gastarbeiter und Studenten aus Somalia, Eritrea, Sudan oder Ägypten finden hier eine erste Zuflucht. Es ist ein Kommen und Gehen von Hunderten. Viele bleiben nur kurz. Andere warten, dass der Krieg endet. Vor allem dann, wenn in der eigenen Heimat Chaos herrscht.

Die Hoffnung nicht verlieren

"Ich weiß nicht, was ich hier tun soll. Seit über zwei Wochen bin ich jetzt hier. Und die Zeit zieht sich so langsam dahin. Wir werden gut versorgt. Aber Hoffnung kann mir keiner geben. Ich werde nach Somalia zurückkehren. Aber wem kann ich da helfen mit meinem halbfertigen Studium. Ein Doktor versorgt in meiner Heimat Zehntausende."

Helfer wie Rania versuchen den Flüchtlingen Hoffnung zu geben. Im Spielzelt tollt die 30-Jährige mit den vielen Kindern herum, malt mit ihnen Bilder. An der Zeltwand hängen bunte Poster, Kinderhände formen aus Knetmasse fabelhafte Tiere. Rania und ihr Mann hatten sich beim Jordanischen Roten Halbmond als Freiwillige gemeldet. Seit das Lager steht, leisten die beiden Dienst.

Kraft geben

Die gelernte Krankenschwester gibt Kraft, das haben die Menschen im Camp schnell erkannt. Eine hochschwangere Sudanesin wechselt ein paar Worte mit der Helferin. Ein kurzer Witz, zwei Frauen lachen. Die Afrikanerin trägt zerschlissene Turnschuhe, das Kleid ist ausgebleicht und abgetragen. Als sie weitergeht blickt Rania nachdenklich auf den staubigen Boden: "Manchmal bin ich traurig, wenn ich über die ungewissen Schicksale der Menschen im Camp nachdenke. Viele besitzen nur noch das, was sie am Leib tragen".

Das Lager ist für 5.000 Menschen angelegt. Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) hat Spezialisten geschickt, um die Nationalorganisation in der Krisensituation zu unterstützen. Mächtige Wassertanks stehen im Lager bereit, Toiletten und Duschen ziehen sich in langer Reihe hin. "Das Camp ist erweiterbar. Bis zu 25.000 Menschen könnten aufgenommen werden”, erklärt Wolfgang Stöckl. Der 42-Jährige Österreicher aus Steyr hat Erfahrung im Aufbau von Wasserversorgung- und Sanitätssystemen: Ob in Konfliktländern wie dem Sudan und Afghanistan oder bei Naturkatastrophen wie in Honduras oder 1999 in der Türkei. Die Liste der Rotkreuz-Einsätze Stöckls ist lang.

Die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung hat sich auf mögliche Flüchtlingsbewegungen vorbereitet. In einem Lagerhaus in Amman türmen sich verpackte Zelte, Decken, Kochsets und andere Hilfsgüter für 40.000 Flüchtlinge auf. Bis jetzt sind die großen Flüchtlingsströme ausgeblieben. Trotz der Bombardements. Die Helfer stehen bereit. Denn eines ist sicher: Der Krieg im Irak hat unzählige Verlierer. Menschen wie Hayat, denen die Kämpfe ein Stück Zukunft geraubt haben.

Der Autor arbeitet derzeit als Informations- Delegierter der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond- Gesellschaften in der Regionaldelegation in Amman (Jordanien).

In Kooperation mit www.roteskreuz.at berichtet Till Mayer regelmäßig exklusiv für derStandard.at.

Der Autor arbeitet derzeit als Informations- Delegierter des Roten Kreuzes in den Nachbarländern des Irak.



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Kennwort: Irakkrise
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