Heimische Musikindustrie beklagt "dramatisches Minus" bei CD-Verkäufen

7. April 2003, 21:25
126 Postings

Schuld tragen "eindeutig" Online-Tauschbörsen und CD-Brenner - Erstmals wurden in Österreich mehr CDs selbst gebrannt, als im Handel erworben

"Die Rückgänge sind dramatisch", sagt Bogdan Roscic, Österreich-Chef des Musikkonzerns Universal, am Montag bei der Präsentation der CD-Verkaufszahlen auf dem heimischen Musikmarkt: Minus acht Prozent errechnete der Industrieverband Ifpi für 2002, nach minus zehn Prozent ein Jahr zuvor. Und: Erstmals seien hierzulande mit 24 Millionen Stück mehr Silberscheiben am Heimcomputer selbst gebrannt worden als über die Ladentische des Handels gingen (19 Millionen Stück). Einziger Lichtblick aus Industriesicht: Der Absatz der Musik-DVDs verdoppelte sich auf 225.000 Stück.

Weiter zurück

"Und im ersten Quartal 2003 geht's weiter zurück - sechs Prozent Umsatzminus. Würde man ,Starmania' rausrechnen, wäre der Rückgang zweistellig", so Roscic, auch für die Vermarktung der vom ORF gemachten Nachwuchssänger verantwortlich.

"Und in den Medien wird diese Piraterie dann immer als nett und cool dargestellt"

Wer schuld daran ist? Für die Industrie seit Jahren eindeutig: Musiktauschbörsen im Internet, über die Abermillionen von Musikdateien im MP3-Format von Rechner zu Rechner kopiert werden - ohne einen Cent dafür zu bezahlen. "Und in den Medien wird diese Piraterie dann immer als nett und cool dargestellt", ereifert sich der Universal-Chef.

Die Antwort der internationalen Musikindustrie auf die Tauschplattformen wie früher Napster und heute Kazaa: Klagen und Kopierschutz sowie eigene Onlinedienste.

"Natürlich ist das noch nicht perfekt, aber es ist eine Antwort auf die Situation."

Vor allem Zweiterer sorgt für Kontroversen, da legal gekaufte Tonträger nicht nur für den Heim-PC gesperrt sind, um Kopieren und Versenden zu verhindern. Auch in vielen Audioanlagen in Autos wird das unmöglich, da dort kompakte Computer-CD-Laufwerke eingebaut sind. Manfred Lappe, Warner-Music-Austria-Boss: "Natürlich ist das noch nicht perfekt, aber es ist eine Antwort auf die Situation." An besseren Digital-Rights-Management-Systemen "wird gearbeitet". Roscic dementiert Verärgerungen bei Käufern: "Wir haben bisher nur eine einzige Beschwerde wegen einer Kopierschutz-CD gehabt." Es sei auf jeder CD auf dem Cover vermerkt, wenn ein Kopierschutz eingebaut ist, so Franz Medwenitsch, Ifpi-Geschäftsführer. Auf den Hinweis, dass dies beispielsweise in Internetshops wie Amazon nicht gesehen werden kann, erwidert Roscic: "Bringen Sie das dort vor."

Urheberrechtsnovelle

In Österreich geht man indessen die Novelle des Urheberrechtsgesetzes mit einem halben Jahr Verspätung an: Dienstag befasst sich der Justizausschuss des Parlaments damit, per 1. Juli 2003 wird es geltendes Recht sein. Neu ist unter anderem, dass die Nutzung von geschützten Werken im Internet geregelt wird. Außerdem sind nun Unterlassungsklagen vorgesehen, falls "technische Schutzmaßnahmen" - wie ein Kopierschutz - umgangen werden. Bei den Bestimmungen zur "freien Werknutzung" ("Jedermann darf von einem Werk einzelne Vervielfältigungsstücke . . . zum eigenen Gebrauch herstellen") bleibt das Gesetz vorerst noch vage, inwieweit technische Maßnahmen dies verhindern oder beeinträchtigen dürfen. Aus dem Justizministerium heißt es dazu: "Wir warten einmal ab, in welche Richtung sich das technisch bewegt." (szem, DER STANDARD Printausgabe, 8. April 2003)

  • Artikelbild
Share if you care.