Einnahme Bagdads "enormer Schock für arabisches Bewusstsein"

7. April 2003, 12:31
35 Postings

Vergleich mit Mongolen-Invasion von 1258

Kairo - Mit fünf Millionen Einwohnern ist Bagdad die mit Abstand bedeutendste arabische Metropole Vorderasiens. Die Eroberung der einstigen Kalifenstadt am Tigris durch amerikanische Truppen könnte nach Einschätzung arabischer Historiker und Publizisten eine islamistische "Sturmflut" auslösen. Wenn Bagdad unter die Herrschaft eines US-Militärgouverneurs komme, bedeute das einen "enormen Schock für das arabische und moslemische kollektive Bewusstsein", warnte der renommierte tunesische Kulturphilosoph Ahmed Kedidi im März.

Bagdad wurde im Jahr 762 vom Kalifen Al Mansur gegründet und erlebte seine Blütezeit im 9. Jahrhundert unter dem Kalifen Harun al Raschid, bekannt aus den "Märchen aus 1001 Nacht". Die jetzige Eroberung Bagdads durch US-Truppen lasse sich nur mit 1258 vergleichen - als die Residenz der Abbasiden von den Mongolen niedergebrannt wurde, schrieb die von Saudiarabien finanzierte arabische Zeitung "Asharq al Awsat". "Die Besetzung einer so altehrwürdigen und prestigereichen Metropole mit unermesslicher symbolischer Bedeutung für die ganze arabische Welt wird langfristig die arabischen Regime erschüttern", prophezeite der Kommentator des Blattes, Abu Shakra.

Saddam Hussein hatte am 17. Jänner, dem Jahrestag des Mongolen-Überfalls, in einer Rede erklärt: "Bagdad - sein Volk und seine Führung - ist entschlossen, die Mongolen unseres Zeitalters an seinen Toren zum Selbstmord zu zwingen". Die "neuen Mongolen" würden nicht in der Lage sein, einen "mobilisierten und entschlossenen Irak" niederzuringen.

"Die Armee von Hulagu (dem Enkel Dschingis Khans und Mongolen-Führer von 1258) kommt wieder, um das wiedergeborene Bagdad zu zerstören. Sie wird vor den Mauern Bagdads und der anderen irakischen Städte Selbstmord begehen", hatte der Diktator gesagt. Hulagus Heer soll mehr als 100.000 Menschen niedergemetzelt haben. Der letzte abbasidische Kalif, Al Mutassim, wurde in einen Sack gesteckt und von Pferden zu Tode getrampelt. Bis 1335 setzte sich die Mongolen-Fremdherrschaft fort. Ab 1534 gehörte die Stadt zum Osmanischen Reich. Im März 1917 eroberten die Briten Bagdad im Kampf gegen die mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündeten Türken und machten es drei Jahre später zur Hauptstadt des neu geschaffenen arabischen Königreichs Irak.

Die konservative Islamische Weltliga mit Sitz in Saudiarabien hatte die USA davor gewarnt, mit der Eroberung Bagdads einen Konflikt zwischen Zivilisationen und Religionen zu provozieren. Die Okkupation der ehemaligen Kalifenstadt werde eine "islamistische Springflut" und eine allgemeine Konfrontation mit Amerikanern und Briten zur Folge habe, meinte der ägyptische Politologe und Journalist Talaat Roumaih.

Mit der Beseitigung eines totalitären Regimes, das über drei Jahrzehnte Bestand hatte, werden die USA nach Auffassung von Jamal Abdel Jawad vom ägyptischen "Strategischen Zentrum Al Ahram" in Kairo den Irak "afghanisieren". Der Widerstand der Bevölkerung werde den islamistischen Kräften Auftrieb geben und "die Sterbeglocke für viele arabische Regime läuten." (APA/dpa)

Share if you care.