Politologe Bozoki: Ungarn wirtschaftlich attraktiver

7. April 2003, 12:31
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Die EU-Perspektive des EU-Beitritts hat die Wirtschaftsentwicklung Ungarns stark beeinflusst.

Budapest - Die Perspektive des EU-Beitrittes hat die wirtschaftliche Entwicklung Ungarns in den letzten Jahren sehr stark beeinflusst, meinte der Politologe Andras Bozoki im Gespräch mit der APA in Budapest. Diese Aussicht habe "disziplinierend" auf die Akteure der Wirtschaft gewirkt, und habe verhindert, "dass Regeln und Gebräuche Wurzeln schlagen, mit denen man später hätte brechen müssen". Ungarn sei deshalb wirtschaftlich immer attraktiver geworden. Mit dem voraussichtlichen Beitritt zur europäischen Währungsunion in den kommenden Jahren sei "finanzielle Stabilität und eine niedrige Inflation" für das Land zu erwarten, meint Bozoki.

Rümanien, Bulgarien und Kroatien sollen so schnell wie möglich in EU

Durch den EU-Beitritt könnte Ungarn zwar kurzfristig einige seiner wirtschaftlichen Vorteile verlieren, etwa das niedrige Lohnniveau, gab Bozoki zu bedenken. Dafür erwartet der Politologe an der Central European University (CEU) eine "stabile und garantierte wirtschaftliche Entwicklung". Es werde auch einen "Ausgleichsprozess" auf dem Gebiet der Wirtschaft und der Löhne geben, der jedoch "sehr lange dauern" wird. Die Tatsache, dass Ungarn mit dem Beitritt zur EU-Außengrenze wird und gegenüber einigen Nachbarländern die Visumpflicht einführen muss, hält Bozoki für "vorübergehend negativ". Deshalb sei es besonders wichtig, dass "Rumänien, Bulgarien und Kroatien so schnell wie möglich in die EU aufgenommen werden, dass nicht wir die letzte Bastion sind, dass die Schengen-Grenze nicht bei uns verläuft". Die Gesamtheit des EU-Beitrittes ist für ihn jedoch "weit überwiegend positiv".

Ein Europa der Einheit und Vielfalt

Bozoki erwartet eine sehr hohen Anteil an Ja-Stimmen für den EU-Beitritt Ungarns. Er weist darauf hin, dass Ungarn "bereits in der Revolution 1956 gezeigt hat, dass seine Gesellschaft sich an Europa anschließen will". Die Teilung Europas sei nur "ein vorübergehender Störfaktor" gewesen. Der Politologe bevorzugt übrigens ein anderes EU-Bild, als jenes, das seiner Meinung nach heute von den Medien und der Politik präsentiert wird. Dieses ist seiner Meinung nach "zu sehr auf den materiellen Profit ausgerichtet". Die Union erscheine darin "als Geldverteilermaschine, die von den Brüsseler Bürokratie dirigiert wird". Bozoki würde eher eine Informationskampagne bevorzugen, die vom kulturellen Erbe Europas, von seinen großen Persönlichkeiten, aber auch etwa von der kulinarischen Vielfalt handeln würde. "Damit man auch auf ästhetischer Ebene begreifen kann, dass Europa die Einheit aus der Vielfalt ist."

Osteuropäer in USA gleichberechtigter als in Westeuropa

Zur Kritik des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac an der Unterstützung von einigen Beitrittsstaaten gegenüber der Irak-Politik der USA meinte Bozoki, dass "diese Bemerkung (die Beitrittsstaaten hätten besser daran getan, zu schweigen) die EU nicht gerade populär macht, wenn Chirac denkt, er kann diktieren, was die kleineren Länder zu machen haben". Gleichzeitig betont der Politologe, dass die ungarische Gesellschaft grundsätzlich "auf der Seite des Friedens" sei und dem Krieg im Irak kritisch gegenüberstehe. Er glaubt auch nicht, dass die Konflikte innerhalb Europas lange anhalten werden. "Grundsätzlich sind die Osteuropäer nicht gegen Westeuropa." Es müsse aber auch gesagt werden, dass die Osteuropäer "sich in Amerika mehr als Europäer fühlen". Der Grund dafür ist laut Bozoki: "In Westeuropa sind die Osteuropäer die von oben herab behandelten armen Verwandten. In Amerika sind sie gleichberechtigte Europäer."(APA)

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