Rein zufällig als Mensch geboren

7. April 2003, 11:16
posten

Intelligente Maschinen sind die Herren der Welt ...ein faszinierendes Gedankenexperiment

Für den Kybernetikpionier Kevin Warwick von der University of Reading hat die Zukunft bereits begonnen. Bereits 1998 ließ er sich einen Silikonchip in seinen Arm implantieren, der es einem Computer erlaubte, auf alle Aktionen des Professors in seinem Institut zu reagieren. "Ich wurde als Mensch geboren", schrieb er damals in Wired, "aber dies war reiner Zufall." Wäre er irgendwann in der Zukunft geboren, wollte Warwick damit sagen, dann würde er wohl als Cyborg leben, als ein Wesen, das halb Mensch, halb Maschine ist.

Einige Versuche später verband Warwick ein 100-Pin-Port mit seinem Nervensystem: "Ich befand mich in New York. Signale aus meinem Gehirn wurden über das Internet nach England übertragen, wo sie eine Roboterhand steuerten." Was aber würde passieren, wenn man einen solchen Versuch umdreht und eine Maschine plötzlich den Menschen steuert? Ihm Handlungen und vielleicht sogar Gefühle diktiert?

In dem spektakulären Scifi-Thriller Matrix entwarfen die beiden Wachowski-Brüder 1999 ein Endzeitszenario, in dem eine solche Fremdbestimmung durch intelligente Maschinen Wirklichkeit wird. Die in einer Matrix gefangene Menschheit dient den Maschinen als bloßer Energiespender. Diese Grundkonstellation ist auch der Ausgangspunkt für die Fortsetzung Matrix Reloaded, in der die Maschinen Zion, die letzte Stadt der Menschheit tief im Inneren der Erde, vernichten wollen.

"Geht man vom heutigen Stand der Technik aus", erklärt der Wiener Artificial-Intelligence-Forscher Robert Trappl, "ist die Entwicklung intelligenter Maschinen, die mit dem Menschen in eine Art existenzielle Konkurrenz treten, natürlich noch in weiter Ferne." Vorstellbar aber ist ein Szenario, in dem durch die Vernetzung intelligenter Computer Systeme immer undurchschaubarer werden und deswegen außer Kontrolle geraten: "Der Grad an Komplexität, auch die rein quantitative Anhäufung von intelligenten Systemen, nimmt immer weiter zu. Da könnte es schon einmal zu Unregelmäßigkeiten kommen."

Evident ist, dass Computer dem Menschen in manchen Bereichen bereits jetzt haushoch überlegen sind. "Ein Beispiel aus der Artificial-Intelligence-Forschung ist etwa Data-Mining", erklärt Trappl: "Wie schaffen wir es, aus großen Datenbanken, etwa jener von Versicherungen, genau jene Daten herauszubekommen, die wir brauchen? Hier gibt es Systeme, die intelligenter als der Mensch sind, da sie Informationen besser verknüpfen können und die Zukunft prognostizieren."

In Hinblick auf den technischen Fortschritt modifiziert sich die menschliche Erbinformation schlicht zu langsam. Manch ein Wissenschafter prognostiziert bereits, dass eine Robotergeneration mit Prozessoren, die alle 18 Monate ihre Leistungsfähigkeit verdoppeln, den Menschen ablösen wird. Stephen Hawking, der Popstar unter den Wissenschaftern, erklärte kürzlich, dass die Technologien der Verbindung des menschlichen Gehirns mit dem Computer so schnell wie möglich weiterentwickelt werden müssten, "damit künstliche Hirne die menschliche Intelligenz unterstützen könnten und ihr nicht irgendwann entgegenstehen."

Ein hehres Ziel, bei dem Robert Trappl unzählige Schwierigkeiten sieht: Er fände es für den Anfang schon einmal "bemerkenswert", wenn die Verbindung zwischen Nervenzellen und Computer besser funktionieren würde. Die Schwierigkeit bestehe darin, einen Chip so zu bauen, dass er eine Impulsfolge abgibt, der von den Nervenzellen auch verstanden werden kann. Den Fall Warwick wischt er beiseite: "Einen ähnlichen Chip, wie ihn sich dieser begnadete Selbstdarsteller implantieren ließ, tragen bereits die Kühe auf der Alm." (Stephan Hilpold/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 4. 2003) (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 4. 2003)

Intelligente Maschinen sind die Herren der Welt: Ein Szenario, wie es "Matrix Reloaded", die Fortsetzung des spektakulären Scifi-Thrillers der Wachowski-Brüder entwirft (ab 22. Mai im Kino), ist für Wissenschafter zwar noch in weiter Ferne, aber dennoch ein faszinierendes Gedankenexperiment.
Share if you care.