Der Informatiker als Arzt der Systeme

7. April 2003, 11:10
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Manfred Tscheligi ist einer der profiliertesten Vertreter der Usability-Forschung

Usability-Probleme sind, auch wenn es angesichts dieses Namens nicht so klingen mag, Alltag. Überall können sie auftreten. Ein neues Handy, dessen Bedienung für den Besitzer unlogisch ist. Ein Online-shop, in dem nicht klar wird, wie der User die angebotenen Produkte kaufen kann. Das Gerät, die Website oder, wie es in der Fachsprache heißt, das System wird für den Benutzer zu einer undurchdringlichen Wand, über die er nicht mehr drüberblicken kann.

Der Wirtschaftsinformatiker Manfred Tscheligi (Jahrgang 1962) beschäftigt sich schon lange mit Usability - und sieht Analysebedarf nicht nur im Internet, einem zentralen Element der Forschung, oder bei mobilen Endgeräten. Auch eine Freisprechanlage, die so umständlich aufzusetzen ist, dass man Angst haben muss, sie zu zerstören, sei ein Problemfall, sagt er. Von ersten Fahrscheinautomaten, mit denen sich Öffibenutzer verzweifelt abmühten, ganz zu schweigen.

Begonnen hat alles Anfang der 90er, als der Kärntner mit slowenischen Wurzeln erkannte, dass die Bedeutung der Interaktion Mensch und Objekt (Computer) immer wichtiger wird. Am Institut für angewandte Informatik an der Uni Wien, wo er damals Assistent war, wurden zehn Semesterstunden für Human Computer Interacting eingeführt. Der Erfolg war durchschlagend. Tscheligi gründete schließlich 1996 gemeinsam mit der Psychologin Verena Giller das Center for Usability Research & Engineering, doppeldeutig Cure (dt.: heilen) genannt. Seit vier Jahren ist es ein außeruniversitäres Zentrum. Wissenschafter wurden Unternehmer - und blieben dennoch Wissenschafter.

Im Labor

Cure führt Benutzbarkeitstests von Systemen durch, wie Tscheligi betont, "idealerweise schon während der Entwicklung". Es gibt ein Laboratorium, in dem Bürosituationen nachgestellt werden, und eines, in dem Unterhaltungselektronik getestet wird. Je nach Angaben des Auftraggebers über das Zielpublikum des zu testenden Systems werden Testpersonen ausgewählt, die für eine Versuchsfolge infrage kommen. "Die beobachten wir dann wie Big Brother. Wir sehen, was passiert, wie sich die Testperson mit dem Objekt zurechtfindet", erzählt Tscheligi. Dabei spiele auch angewandte Psychologie und Soziologie eine große Rolle, was ihn sowieso fasziniere. "Ich bin ja ein Interdisziplinaritätsfanatiker."

In einem Nebenraum sitzen Testleiter und die Auftraggeber. Bis zu 20 Stunden Videomaterial werden pro Auftrag für die Analyse aufgezeichnet. Kostenpunkt: etwa acht bis 15.000 Euro. "Das mag viel klingen, ist aber durch umfassende Vorbereitungen und tiefer gehende Detailarbeiten begründet." Eine Arbeit, die nach Präsentation der Ergebnisse nicht beendet ist: "Wir müssen unsere Kritik diplomatisch in Verbesserungsvorschläge verpacken." Niemand sei gewillt, nur Negatives zu hören. Unternehmen, die nur den Usability-Stempel abholen wollen, lässt er aber auch abblitzen. "Wir stehen für bestellte Ergebnisse nicht zur Verfügung." Die Aufgabe des Zentrums sei es, konstruktive Kritik zu üben und den Auftraggeber zu motivieren, die Vorschläge auch wirklich umzusetzen. "Das ist oft noch ein langer Weg."

Die Grundlagenforschung geht Tscheligi bei Cure nicht ab. "Weil wir versuchen, auch neue Methoden zu entwickeln." Das Zentrum ist außerdem an insgesamt fünf EU-Forschungsprojekten beteiligt. Beispiel: Consensus. Hier wird noch bis März nächsten Jahres nach einer effizienten Entwicklung benutzerfreundlicher Mobilanwendungen gesucht. Die Übersetzung des englischen Akronyms des Zentrums, Cure, erhält damit eine zweite, fast medizinische Bedeutung: vorbeugen. Der Usability-Forscher wird zum Arzt der Systeme. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 4. 2003)

Jeder ist Benutzer, und jeder hat mit Geräten, ob PC oder Handy, schon seine liebe Not gehabt, das heißt, ihre Funktionsweise nicht verstanden. Mit dem Ziel, das zu vermeiden, wurde die Usability-Forschung entwickelt. Der Kärntner Manfred Tscheligi ist einer ihrer profiliertesten Vertreter.

Cure.at
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