Pressestimmen: "Neokonservative Weltbeglücker"

7. April 2003, 09:35
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Eine Zäsur in den Beziehungen zwischen dem Okzident und den Orient konstatieren am Montag führende europäische Zeitungen

München/Frankfurt/Zürich - Dass der amerikanisch-britische Feldzug durch ein Kerngebiet der arabischen Zivilisation eine Zäsur in den Beziehungen zwischen dem Okzident und den nichtwestlichen Kulturen bedeutet, konstatieren am Montag führende europäische Zeitungen.

"Süddeutsche Zeitung":

"Die Amerikaner fühlen sich unter Zeitdruck. Sie wollen verhindern, dass sich, wie einst in den Zeiten des Vietnamkrieges, eine Heimatfront gegen den Krieg bildet. Bagdad, das oberste Kriegsziel, soll sehr schnell erobert werden - obwohl das Risiko einer hohen Zahl ziviler Opfer sehr groß ist. 'Die Amerikaner schießen in Bagdad auf alles, was sich bewegt', so äußerte sich ein Kommentator der britischen BBC (...) Durch ihr brutales Vorgehen wollen die Amerikaner nicht nur den militärischen Widerstand der Verbände brechen, die noch immer loyal zu Saddam Hussein stehen. Sie wollen auch den mentalen Widerstand bekämpfen, den viele Menschen den Invasoren entgegen bringen. Zwar mögen manche der bewaffneten Zivilisten in der Hauptstadt vom Kampf abgehalten werden. Doch das Ergebnis dieser Strategie wie des ganzen Feldzuges wird die Entstehung einer politischen und militärischen Resistance sein, mit der Amerikaner, Briten und der westliche Kulturkreis noch viele Jahre zu kämpfen haben werden. Die Menschen in der Region haben ein langes historisches Gedächtnis. (...) Wie die Nachkriegsregelung von 1918 trägt auch das von Richard Perle, Paul Wolfowitz und Richard Cheney avisierte neue 'amerikanische Jahrhundert' mit der für den Nahen Osten vorgesehenen - besonders Israel nützenden - 'Pax Americana' bereits die Keime für neue Kriege in sich..."

"Neue Zürcher Zeitung" (NZZ):

"Im scheinbaren Zenit seiner Macht leitet der amerikanische Hegemon, wie vor einem Jahrhundert die Briten, den Anfang vom Ende der von ihm angestrebten Weltordnung ein. Das 19. Jahrhundert war das Säkulum des britischen Imperialismus, das 20. Jahrhundert wurde durch die zwei Weltkriege, die in massgeblichem Sinne auch europäische Bürgerkriege waren, zum amerikanischen Zeitalter. Erst wenige Jahre alt, kündigt sich das 21. Jahrhundert bereits machtvoll als das Zeitalter der nichtwestlichen Zivilisationen an. Die dramatischen Ereignisse der letzten Wochen scheinen den Kassandren Recht zu geben, die schon seit längerem vor einem Krieg der Kulturen warnen. (...) Wie immer Washingtons geopolitische Ziele von den Politikern und Generälen beschrieben werden, als Krieg gegen den Terrorismus, als Feldzug gegen Tyrannen oder als präventive Warnung an die Exponenten der 'Achse des Bösen', Tatsache ist, dass die USA seit dem Ende der Supermachtrivalität mit unterschiedlichen Strategien und einer breiten Palette von Instrumenten, die von der Wirtschaft über die Medien bis zur Diplomatie und Militärmacht reichen, an der Konsolidierung einer Pax Americana arbeiten. Es ist dieses Verhalten in der Geschichte nichts Neues und auch nichts spezifisch Amerikanisches. Jeder Hegemon strebt danach, die Welt nach seinen Vorstellungen und zu seinen Gunsten zu gestalten. (...) Woran wird die Pax Americana scheitern? Zwei Faktoren, die aus dem Untergang von früheren unilateralen Weltordnungen bekannt sind, stehen im Vordergrund: die Maßlosigkeit des Machthungers und die unendliche Komplexität der Welt. (...) Dem Irak-Krieg zum Opfer gefallen sind die außenpolitische Kompetenz und das internationale Ansehen der Europäischen Union. Die EU hätte eigentlich die Voraussetzung, dank ihrer inneren Vielfalt eine Alternative zum klassischen nationalstaatlichen Hegemonen zu sein. Sie hat diese Chance verpasst."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Am Ende wird wieder Präsident Bush selbst entscheiden, was die UN im Irak tun sollen - und im Augenblick spricht alles dafür, dass das jedenfalls keine 'zentrale' und schon gar keine 'führende' Rolle sein wird. Was man dann als 'bedeutende Rolle' auslegen kann, ist der Interpretation der Beteiligten überlassen. Die Erinnerung bei Bush an das jüngste diplomatische Desaster mit den Vereinten Nationen ist jedenfalls noch jung. Vor Monaten schon hat der Präsident eine Direktive unterzeichnet, wonach das vom Pentagon überwachte 'Amt für Wiederaufbau und humanitäre Hilfe' (ORHA) mit dem 64 Jahre alten pensionierten Generalleutnant Jay Garner an der Spitze die Führungsagentur im Irak sein soll. (...) Garner, der eine Art Gouverneur für den Irak werden soll, und das gesamte ORHA unterstehen dem Befehlshaber des für die Region zuständigen amerikanischen Zentralkommandos, General Tommy Franks, der den Vormarsch auf Bagdad führt und nach dem Ende der Feindseligkeiten mit seinen Truppen die öffentliche Sicherheit garantieren soll. Franks wiederum bezieht Weisung vom Verteidigungsminister. Aus diesem militärischen Befehlsstrang erwächst großer politischer Einfluss des Pentagon auf die irakische Nachkriegsverwaltung - und diesen Einfluss wollen Außenminister Powell und das State Department beschränkt sehen."

"Frankfurter Rundschau":

"Der Krieg trägt spürbar zur Stärkung der islamischen Identität und Religiosität bei. Diese Entwicklung erreicht auch weltliche Schichten in den arabischen Gesellschaften. Der US-Gewaltakt gegen den Irak wird als ungerecht und brutal wahrgenommen und als Aggression gegen die ganze islamische Weltgemeinschaft (Umma). Die Bilder der zivilen Opfer und die Zerstörung des Landes hinterlassen bei den Arabern und Muslimen schmerzliche, erniedrigende und traumatische Spuren. Die Unfähigkeit der korrupten pro-amerikanischen arabischen Regime, dem irakischen Volk beizustehen, vertieft die Kluft zwischen den Herrschern und ihren Völkern. Das Fehlen demokratischer Strukturen schafft den geeigneten Raum für irrationale und vereinfachende religiöse Erklärungen der Hintergründe des Irak-Kriegs. Dabei werden die alten Konflikte zwischen dem christlichen Abendland und dem islamischen Morgenland in Erinnerung gerufen. Die Irak-Mission des US-Präsidenten ist für die Radikalen in der islamischen Welt gewissermaßen ein Geschenk des Himmels. Sie wird inzwischen weltweit von der Mehrheit der Muslime als moderner Kreuzzug wahrgenommen. (...) Saddam Husseins Nachfolger wird wahrscheinlich selbst bei freien Wahlen kein Demokrat US-amerikanischer Couleur sein. Es ist ganz im Gegenteil zu befürchten, dass die US-Invasion einen politischen Prozess ausgelöst hat, an dessen Ende die politische Macht auch in den pro-amerikanischen Staaten der Golfregion in die Hände der islamischen Opposition überzugehen droht."

"Handelsblatt" (Düsseldorf):

"In Bushs Blick glänzt jenes sentimentalische Weltbeglückungsfernweh, das ihn jedes Mal erfüllt, wenn er von 'unserer gerechten Sache' spricht: 'Diese lebenswichtige Region wird umgestaltet, indem Millionen Menschen in den Genuss von Hoffnung und Fortschritt kommen.' Der Präsident redet sanft, keineswegs scharfmacherisch - und doch klingt es wie der spirituelle Feldzug eines Erweckungspredigers. Dies war das erste Mal, dass der Präsident die Demokratisierung des gesamten Nahen Ostens zum Ziel der US-Regierung erklärte. Zuvor waren nur seine neokonservativen Minenhunde vorgeprescht - Leute wie Paul Wolfowitz oder Richard Perle und James Woolsey. Doch es blieb nicht bei wolkigen Ankündigungen. Vor wenigen Tagen hat George W. Bush daraus eine klare Anweisung destilliert. Im Auftrag des Weißen Hauses soll der 'Atlantic Council', eine überparteiliche Denkfabrik in Washington, eine Studie über Iran anfertigen. Dabei geht es um nichts Geringeres als das Projekt eines Regimewechsels - in jenem Land, das Bush bereits neben dem Irak und Nordkorea zur 'Achse des Bösen' gerechnet hat. (...) Experten sind sich einig, dass die Koordinaten der Außenpolitik unter Bush völlig neu justiert werden. In der Regierung findet ein Experiment statt, wie weit sie bei der Errichtung einer unipolaren Welt gehen kann".

"Le Figaro" (Paris):

"Die Übergangsverwaltung im Irak durch die Vereinten Nationen wäre das klügste Unterfangen - ganz gleich, welch verständlicher Groll die Amerikaner bewegt und wie unvollkommen die Organisation ist. Doch die Sorge, dass die UN durch nachträgliche Rache belastet werden, ist nicht allein den USA anzulasten. Auch die Europäer, vor allem Frankreich, die sich gegen den Krieg gestellt haben, muss man in die Pflicht nehmen. Wer könnte daran zweifeln, dass die gesamten Beziehungen des Westens mit der arabischen Welt auf dem Spiel stehen? Oft genug hat sich der Westen gegenüber der letzteren gleichgültig gezeigt. Es ist höchste Zeit, dass er nun ein anderes Gesicht präsentiert: das der Stärke und Generosität, der Kraft und der Hilfe..."

"L'Osservatore Romano" (Vatikanstadt):

"Die Menschheit kann und darf sich nicht an die Tragödie im Irak gewöhnen. Die Gewalt der Bombardierungen und der militärischen Aktionen nehmen mit einem gewaltigen Crescendo zu, noch höher aber erscheint der Tribut an Menschlichkeit, den Schuldlose zahlen müssen..."

"La Croix" (Paris):

"Bagdad zu erobern, das bedeutet auch ein Symbol an sich zu reißen - eine Stadt, die die Intelligenz der orientalischen Welt symbolisiert hat. Einst sagte man, in Kairo werden die Bücher geschrieben, in Beirut gedruckt und in Bagdad gelesen. Die Stadt besaß früher einmal hundert Bibliotheken und ein 'Haus der Weisheit'. Auch wenn sie fast nichts mehr von einer orientalischen Stadt hat, auch wenn ihre Größe und intellektuelle Ausstrahlung im Westen vergessen sind, auch wenn Bagdad seit langem keine Träume mehr hat, bleibt die Stadt doch das Symbol der arabischen Einheit und des orientalischen Stolzes."

"FTD - Financial Times Deutschland":

"Die USA laufen Gefahr, der Geschichte des politischen Scheiterns militärischer Sieger ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Trotz allen Schwierigkeiten, in denen sich Amerikaner und Briten derzeit befinden, werden sie den von ihnen begonnenen Golfkrieg militärisch wohl gewinnen. Dass sie auch politisch siegen, wird jedoch mit jedem Tag unwahrscheinlicher. (...) Offenbar ist es Saddam Husseins Regime gelungen, durch den Appell an Ehre und Stolz bei vielen die Loyalität auf eine Weise zu stärken, mit der die US-Kriegsplaner nicht gerechnet hatten. Dennoch ist nicht prinzipiell ausgeschlossen, dass allen Friktionen der Kriegsführung zum Trotz der amerikanische Masterplan für die Neugestaltung des Vorderen Orients noch aufgeht: die Installierung eines Prosperitäts-Regimes in Irak, das die dann wieder sprudelnden Einnahmen aus dem Ölverkauf in den Wohlstand der Bevölkerung statt in eine mit militärischen Mitteln betriebene Hegemonialpolitik investiert. (...) Die leichten Erfolge, welche die Amerikaner zuletzt im Kosovo und Afghanistan errungen hatten, haben offenkundig dazu geführt, dass sie militärische Friktionen unterschätzt und politische Risiken vernachlässigt haben. Das Vertrauen in militärische Stärke hat die politische Urteilskraft erkennbar eingeschränkt."

"Abendzeitung" (München):

"Aus dem Weg, jetzt kommen wir! - diese Allmachts-Mentalität ist für den Rest der Welt das Abstoßende an der Regierung Bush. Kurz hatte man hoffen können, dass der Präsident zumindest ins Grübeln kam durch die weltweiten Antikriegsproteste oder dadurch, dass es im Irak keinen Jubelempfang für seine Truppen gab. Nun steht fest: Er plant den Alleingang auch nach dem Krieg. Er will eine US-Militärverwaltung im Irak nicht nur, um das Machtvakuum im Land zu überbrücken - er will, dass US-Militärs, US-Konzerne, US-Ölmanager bis auf weiteres den Wiederaufbau leiten. Wie sollen die Iraker das als Befreiung empfinden? In Afghanistan, in Osttimor, im Kosovo: Wann immer in jüngster Zeit ein Staatsgebilde entstand, dann unter Aufsicht der UNO. Sie ist unparteiisch, ein akzeptierter Vermittler - sie hilft, Hass und Gewalt zu beenden. Wenn jetzt der Irak faktisch US-Protektorat wird, verstärkt das nur den Hass in der arabischen Welt. Den Krieg mag Bush allein gewinnen. Für eine Friedensordnung braucht er Partner. Wenn er sich das nicht von Kriegskritikern wie den Deutschen sagen lässt, dann hoffentlich vom Waffenbruder Blair."

"The Guardian" (London):

"George Bush verlässt Washington nicht sehr häufig, geschweige denn die Vereinigten Staaten. Warum um alles in der Welt also will er die nächsten beiden Tage in Nordirland verbringen? Es gibt zwei Antworten darauf. Die erste ist, dass Tony Blair doch mehr Einfluss auf Bush haben muss, als manche Leute glauben. Die zweite Erklärung für Bushs Besuch ist ebenso faszinierend. Der zunehmende Rechtsdrall in der Washingtoner Politik ist in der letzten Zeit so stark gewesen, dass viele gut informierte Beobachter zu dem Schluss gekommen sind, dass alle Auseinandersetzungen von den Falken gewonnen worden sind. In vielerlei Hinsicht mag das so sein. Aber die Ankunft der 'Air Force One' in Belfast deutet darauf hin, dass seine Regierung doch noch die Notwendigkeit sieht, mit anderen Nationen in Dialog zu treten. Man sollte hier das Positive unterstreichen."

"Dagens Nyheter" (Stockholm):

"Der abschließende Kampf um Bagdad hat entscheidende Bedeutung für die langfristigen Folgen des Irak-Krieges. Die kommenden Tage sind von historischer Bedeutung, auch wenn dieser Begriff verschlissen erscheint. Der Ausgang wird bestimmen, in welcher Welt wir künftig leben. (...) Der Fall von Saddam Hussein kann trotz allem immer noch zu einer positiven Veränderung der Bühne für die hart geprüften Menschen im gesamten Nahen und Mittleren Osten führen. Bedingung ist die richtige Verwaltung im Rahmen der Vereinten Nationen mit einem langfristigen Engagement der gesamten Weltgemeinschaft einschließlich der arabischen Welt. Angesichts der menschlichen Tragödie, die sich derzeit abspielt, ist das unser Strohhalm."(APA/AFP/dpa)

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