Treffen Bush-Blair in Belfast: Zwillingsbrüder mit einigen Differenzen

7. April 2003, 17:35
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Den Briten behagt nicht, wie unverhohlen das Weiße Haus eine "Pax Americana" im Irak plant

Belfast/London - Hillsborough Castle am Rande von Belfast: Wenigstens die Wahl des Tagungsorts ist ein Achtungserfolg für Tony Blair. Bisher war es stets der britische Premier, der gehorsam über den Atlantik jettete, wenn es Wichtiges mit US-Präsident George W. Bush zu besprechen gab. Dass Bush und Blair nun in Nordirland über die Geschicke Iraks beraten, ist für England ein Trost. Es will den Eindruck einer Einbahnstraße vermeiden, den Eindruck, dass der "Pudel" in der Downing Street sofort spurt, wenn das Herrchen im Weißen Haus pfeift.

Bush und Blair: Solange in Bagdad und Basra die Kanonen donnern, geben sich die beiden wie Zwillingsbrüder. Doch der Schein trügt. In Hillsborough, wo es um die Nachkriegsordnung geht, kommen einige Differenzen auf den Tisch.

Den Briten gefällt nicht, wie hemmungslos Washington eine Pax Americana plant. Dass Ex-General Jay Garner das Zweistromland als Zivilgouverneur regiert, dass Ex- CIA-Direktor James Woolsey Informationsminister werden soll - was derzeit über den Postenschacher durchsickert, löst an der Themse leises Unbehagen aus.

Eher europäisch

Seit Kriegsbeginn drängt Blair darauf, die UNO mitspielen zu lassen im Poker um den neuen Irak. Nach seinen Plänen soll Garner das Zepter nur zwei, höchstens drei Monate schwingen. Dann soll er Platz machen für ein irakisches Interimskabinett.

Überdies hat Blair kein Interesse, Deutsche, Franzosen und andere Kriegskritiker weiter im Abseits stehen zu lassen. Seine Labour-Partei begreift sich, anders als die op 2. Spalte positionellen Konservativen, eher als europäische denn als atlantische Kraft. Sie würde ihrem Premier die Gefolgschaft verweigern, falls er sich im Streit um die Neuordnung des Nahen Ostens aufs Neue mit Europa verkracht.

Zudem will London die Geldquellen der EU für den Wiederaufbau Iraks anzapfen - im Rahmen eines Gesamtpakets, auf dem Weg über die UNO. Vielleicht verständigen sich Bush und Blair in Belfast auf einen Kompromiss: Amerika entscheidet im Wesentlichen allein über die künftige Regierung in Bagdad, holt aber pro forma den Segen der UNO ein. Wenigstens der schöne Schein wäre gewahrt, und das ist aus britischer Sicht heute schon viel.

Keine Demütigung

So manchen Diplomaten im Außenministerium packt die Angst, Bush könnte im Siegesrausch versuchen, dem ganzen Nahen Osten seinen Stempel aufzudrücken. "In der arabischen und muslimischen Welt darf die Niederlage Saddam Husseins nicht als Demütigung erscheinen", mahnt der liberale Observer. Genauso denken die Strategen des Foreign Office, nur dass sie es öffentlich nicht so sagen.

Hinter den Kulissen arbeiten sie fieberhaft an einer Friedenskonferenz zwischen Israelis und Palästinensern. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass London den Kongress ausrichten möchte. Blair drängt Bush, die vage angekündigte "Straßenkarte" hin zur Nahostregelung spätestens bis Mitte April zu veröffentlichen.

Schließlich entzündet sich britisch-amerikanischer Streit an einer Person: Ahmad Chalabi. Der Banker, der nur seine Kindheit in Bagdad verbrachte, steht beim Pentagon hoch im Kurs. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sähe den Schiiten gern im Amt des irakischen Premiers. An der Themse gilt der 58-Jährige dagegen als Großmaul.

Chalabi hatte nicht nur einen Volksaufstand prophezeit, sondern auch eine Rebellion in der Armee. Er selbst, mit angeblich glänzenden Kontakten zu Saddams Offizierskorps, wollte das Signal zum Putsch geben.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2003)

Von Frank Herrmann
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Blair und Bush nach dem ersten "Kriegsrat" in Camp David im März dieses Jahres.

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