Was uns Gott nicht sagen wollte

10. Februar 2010, 19:14

Strafend, patriarchalisch oder liebevoll: das Gottesbild im Alten Testament – ein Disput um die richtige Lesart

Was haben Hans Rauscher und Renée Schroeder gemeinsam? Beide erheben ihre Stimme für eine offene Gesellschaft auf Basis aufgeklärter Rationalität. Daneben gibt es eine weitere, problematischere Gemeinsamkeit: Beide, persönlich über jeden Verdacht des Antijudaismus erhaben, bringen ein antijudaistisches Vorurteil zum Ausdruck, nämlich die Assoziierung der Heiligen Schrift der Juden (und Christen!) mit "durchgeknallter" Gewalttätigkeit**. Während Schroeders Verbindung des alttestamentlichen Gottes mit Massenmord aber als Polemik einer Wissenschafterin angesehen werden kann, die über keine hermeneutische Erfahrung im Umgang mit literarischen Texten verfügt, ist die Aussage Rauschers schwerwiegender, denn dieser lässt in seinen Beiträgen die Stimme eines aufgeklärten Christentums anklingen. Umso mehr ist deren Stereotypien zu begegnen: 

Das erste Vorurteil ist mit der Bezeichnung "Alt" assoziiert. Sie führt zur Auffassung, dass das (jüdische) Alte Testament überholt und durch das (christliche) Neue Testament ersetzt ist. Dagegen meint "Alt" zunächst "ehrwürdig" . Theologisch ist die Sache klar: Für Juden und Christen ist das "Alte Testament" die "Bibel" , d. h. Heilige Schrift und Grundlage des Glaubens. Wenn im Christentum auch ein "Neues Testament" gelesen wird, dann hebt dieses nicht das "Alte" auf, sondern liefert eine Lektüreanleitung für dessen Verständnis. Und für die Gabe des Alten Testaments schulden Christen den Juden unendliche Dankbarkeit. Ohne dieses ist das Neue Testament und mit ihm Jesus nicht verständlich.

Das zweite Vorurteil ist inhaltlicher Art: Es unterstellt dem Alten Testament einen rachsüchtigen Gott der Gewalt, dem ein neutestamentlicher Gott der Liebe entgegengestellt wird. Kritiker der Bibel machen darauf aufmerksam, dass die Schriften des Neuen Testaments nicht weniger gewalttätig sind. Das Urteil "durchgeknallt" müsste also die gesamte Bibel, Juden und Christen treffen. Da ist Schroeder konsequenter.

Eine Überlegung zum Inhalt der Bibel: Es geht ihr darum, jene soziale und individuelle Schuld aufzudecken, unter deren Verhängnis der Mensch steht und die Ursache dafür ist, dass er Leid, Unterdrückung, Krieg, soziale und wirtschaftliche Gewalt erfährt. Diese Aufdeckung ist Voraussetzung dafür, dass der Mensch untereinander und mit Gott versöhnt den festlichen Ursprung der Schöpfung feierlich je neu begehen und somit im tiefsten Sinne des Wortes "leben" kann. Dabei geht es um die Frage, ob man mit den pharaonischen Mächten aller Zeiten kollaboriert oder ob es gelingt, Auswege aus deren latenter Gewalttätigkeit zu finden. Die von Schroeder inkriminierte Sintflutgeschichte ist so zu entziffern.***

Archen des Guten

Die Flut ist das altorientalische Motiv für die Todesmacht des Chaos und sie wird in der Bibel damit begründet, dass die "Erde voller Gewalttat" ist. Entgegen dem biblischen Schöpfungssinn, der Blutvergießen (sogar das Vergießen des Blutes der Tiere!) streng verbietet, schaukeln sich menschliche Kulturen zu einer Orgie an Gewalt auf, die die Welt in den Untergang triebe, gäbe es nicht kleine "Archen" , Rückzugsgebiete, in denen alternative Modelle gewaltfreien Zusammenlebens bewahrt werden. Manchmal, auch dies weiß die Bibel, kann Gewalt ein Ausmaß erreichen, auf das der Mensch nur mehr mit einem Verzweiflungsschrei reagieren kann. Rauscher hat wohl jene Stellen im Blick, wo von gewaltsamer Auslöschung der Feinde die Rede ist.

Liest man genauer, sieht man, dass diese Auslöschung nicht Sache des Menschen ist, sondern das dieser Gott darum bittet. Dies ist nicht das letzte Wort, weder im Alten noch im Neuen Testament, denn das geht in Richtung Barmherzigkeit auch und gerade mit dem Feind. Es ist aber sehr wohl ein Gebet der Unterdrückten und Gefolterten dieser Erde, bevor sie selber aktiv zur Gewalt greifen.

Wenn also etwas "durchgeknallt alttestamentarisch" ist, dann die Tatsache, dass man selbst in tiefster Not nicht zur Gewalt greift und versucht, Frieden zu stiften und die Schöpfung festlich zu vergegenwärtigen. Gerade darum haben sich Juden, wenn sie die Bibel (das "Alte Testament" ) im Lichte des Talmuds gelesen haben, immer wieder bemüht. (Kurt Appel, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.02.2010)

Zur Person:

Kurt Appel ist Vizedekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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    Posting 1 bis 25 von 331
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    Valentin K.
    00
    Die richtige Leseart

    Ich bin der Meinung, dass man sich um die richtige Leseart der Bibel bemühen muss. Es gibt schließlich unzählige philosophisch-theologische Interpretationsmethoden. Die Auslegung zählt.

    momodeluxe
    01
    14.2.2010, 10:05

    hey appel,
    bringen Sie den amis ein bisserl hermeneutik bei:

    http://scienceblogs.com/pharyngul... and_de.php

    "God is the God of Twin Towers, Hurricanes & Bridges

    God is talking... but few are listening

    Read the Bible"

    maaaahlzeeeeeit

    Im Exil
    01
    13.2.2010, 21:52
    blöderweise

    sind die mehrzahl der gläubigen dieser welt nicht zu solch einer reflektierten und intellektuelln auseinandersetzung mit ihren heiligen schriften fähig sondern nehmen sie für bare münze.

    wenn da in der bibel steht, dass die sinnlfut gekomen ist, weil gott die menschen doof fand und dann ein typ ein großes schiff gebaut hat, dann ist das für sie die wahre geschichte der welt.

    die entziffern die geschichte mitnichten so, dass es um auswege aus latenter gewalttätigkeit geht sondern so, dass irgendwo ein weisser mann mit bart auf einer wolke sitzt und schon mal fast die ganze menschheit vernichtet, weil sie zu viel popo sex machen oder krustentiere essen.

    Rote Pest
    01
    11.2.2010, 22:34
    Um Nietzsche zu bemühen:

    'Sein (Gottes) Begriff wird ein Werkzeug in den Händen priesterlicher Agitatoren, welche alles Glück nunmehr als Lohn, alles Unglück als Strafe für Ungehorsam gegen Gott, für "Sünde" interpretieren: jene verlogenste Interpretations-Manier einer angeblich "sittlichen Weltordnung", mit der, ein für allemal, der Naturbegriff "Ursache" und "Wirkung" auf den Kopf gestellt ist.'

    Josua
    04
    11.2.2010, 21:18
    keine hermeneutische Erfahrung

    Nach christlichem und vor allem katholischem Verständnis sind die Bibeltexte Gottes Offenbarung und damit wohl zeitlos. Kann mir jemand erklären, wozu man beim Umgang mit einem zeitlosen Text hermeneutische Erfahrung braucht.

    witherabbitt
     
    01
    11.2.2010, 21:50


    Weil die Menschen zu blöd sind, ohne Hilfe des Verstandes den Text zu verstehen? — Im Ernst: Es gehört zur Lehre, daß die Gestalt der Kirche historisch ist, und unter Anleitung des heiligen Geistes die Bedeutung der Schrift in der erst Zeit herstellt. Damit sollte ursprünglich die unleugbare historische Entstehung der Kirche als Institution gerechtfertigt werden, wurde auf die Entstehung (Kanonisierung) der Evangelien angewandt und ist auch die Grundlage der Ökomene des 2. Vatikanischen Konzils.

    osvaldo ardiles
    54
    11.2.2010, 21:07

    warum wird eigentlich bei religiösen Themen immer so sehr geschimpft - sprichwörtlich auf G'tt und die Welt. Ich kenne diese Stimmung in den Standard-Foren höchstens bei der kollektiven Anti-Kärnterei oder aus dem Bereich Sport, wenn es um violett, grünnoder Energiedrink geht. Seltsam undifferenziert ist das in allen Fällen.

    Herr Appel hat meiner Meinung nichts anderes gemacht als den Versuch das gängige Klischee vom "gewalttätigen Gott" des sogenannten Alten Testaments durch eine gütigere Lesart aufzubrechen. Eine Lesart, an der sich alle Zeiten hindurch vernünftige Menschen angehalten haben und sich von ihr gehalten gefühlt haben.

    Das ist ja nichts Verbotenes oder?

    leitfaden
    00
    12.2.2010, 10:23

    verboten nicht.

    aber warum sollte man eine hermetische hermeneutik nicht kritisieren dürfen?

    Drew R. Man
    11
    12.2.2010, 09:52
    es ist nicht verboten,

    bekräftigt aber eben keine vorurteile. daher kommt es bei der hiesigen klientel nicht gut an.

    bibliothekar
    13
    11.2.2010, 21:45

    Auf jedem anderen gebiet würde jemand, der einen text so verdreht um ihn an seine ideologie anzupassen kritisiert und ausgelacht. Aber hier wird so jemandem sogar platz in der druckausgabe einer zeitung eingeräumt und diese person ist vizedekan an einer universität! Gelten an dieser fakultät überhaupt keine wissenschaftlichen kriterien? Hat man absolute narrenfreiheit sobald man sich unter dem etikett religion versteckt?

    osvaldo ardiles
    10
    11.2.2010, 22:15

    welchen text meinen sie?

    leitfaden
    00
    12.2.2010, 10:24

    den, der oben steht - hallo?

    osvaldo ardiles
    13
    12.2.2010, 11:05

    die bibel insgesamt, das gesamte alte testament - oder den abschnitt, der "Sintfluterzählung" genannt wird? ich weiß wirklich nicht, welchen text herr/frau bibliothekar(in) als "verdreht" und "einer ideologie angepasst" betrachtet ...

    wenn es sich um letzteres handelt, dann ist der befund auch schwierig, weil wir es ja wahrscheinlich mit ineinander verkeilten texten zu tun haben und zudem eine reihe anderer texte aus dem historischen umfeld miteinbezogen und verglichen werden müssten - siehe z.b. http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/d... ce5755c76/

    herr Appel hat einen kommentar in einer tageszeitung geschrieben und demgemäß vereinfacht, aber wohl nichts "verdreht" ...

    nina yankow
    00
    12.2.2010, 16:17

    wie nennen denn Sie es, wenn jemand einen gott, der für ehebruch steinigung fordert (ebenso wie für eine ehefrau, die ohne um hilfe zu rufen vergewaltigt wurde zu steinigen sei, und dass für die vergewaltigung einer unverheirateten der täter deren vater geld zu zahlen hat und sie zur frau nimmt), derart interpretiert, dass dadurch "die schöpfung festlich vergegenwärtigt" werde?

    osvaldo ardiles
    11
    12.2.2010, 17:25

    sorry, ich habe mich bei Ihrer Wortmeldung verlesen - ich meinte, wenn biblische Zitate aus einer prämodernen Gesellschaftsordnung über 2000 Jahre hinweg 1:1 in unsere Zeit hineinübersetzt werden - wie Sie das mit den von Ihnen verwendeten Stellen tun - dann nenne ich das "wortwörtliche Lesart" - kein jüdischer oder christlicher Mensch wird eine solche Forderung heute als genuin göttlich inspririert ansehen. Die Bibel stammt aus einer bestimmten historischen Epoche und das gilt es in der Lektüre immer wieder mitzuberücksichtigen.

    osvaldo ardiles
    11
    12.2.2010, 17:18

    Ich nenne das "wortwörtliche Lesart". Menschen, die diese Form der Auslegung historischer heiliger Schriften präferieren, werden auch "Fundamentalisten" genannt.

    Aber das ist ja G'ttseidank bei weitem nicht die einzig mögliche Lesart der Bibel.

    nina yankow
    00
    13.2.2010, 08:55

    keine angst, ich bin weit davon entfernt die bibel wörtlich zu nehmen. aber Sie behaupten hier, Appel würde keineswegs irgendwas verdrehen. wie nennt man es denn dann, wenn derartige texte (ist ja nicht die einzige stelle der bibel, wo gott als jemand mit der ethik eines neanderthalers dargestellt wird) uminterpretiert werden in barmherzigkeit und als anregung zur "festlichen vergegenwärtigung der schöpfung"?

    nina yankow
    01
    13.2.2010, 08:17

    und wenn man solche "gesetze" dann so versteht, dass halt nicht gottes wort 1:1 in der bibel steht, sondern etwas von menschen mindestens beeinflusstes/abgeändertes, dann stellt sich schon die frage, wer denn nun erraten kann, was nun doch von gott komme, und was sich ein moses oder jesus oder paulus selbst ausgeknobelt haben bzw. was irgendwelche schreiber an interpretation einfließen ließen.
    eine aussage, die mit voller überzeugung festhält, der AT-gott sei barmherzig, friedlich und helfe, die schöpfung festlich zu vergegenwärtigen, ist angesichts der inhalte des AT jedenfalls eine unglaublich dreiste und selbstherrliche (wem steht es zu, "gottes wort" dermaßen umzudeuten) interpretation, und sehr wohl als krasse verdrehung lesbar.

    osvaldo ardiles
    00
    13.2.2010, 23:31
    fortsetzung

    ...von dem, was als G'tt angesehen wurde.

    Erstaunlich und interessant ist aber das sichtbare im Sinne von lesbare Andere zu zeitgenössischen Gottesvorstellungen der ersten Jt. a.C. - nicht in allen Einzelheiten der Texte, aber immer wieder an entscheidenden Stellen. Es gibt einen Haufen gute, wissenschaftliche Literatur darüber.

    Einmal noch zum "Verdrehen":
    In Lukas 10 fragt Jesus einen Toragelehrten nach dem wichtigsten Gebot in den heiligen Schriften. Und der antwortet:

    »Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller deiner Kraft und deinem ganzen Verstand! Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!« - Das und nichts anderes ist die Kernaussage des sogenannten Alten Testaments.

    osvaldo ardiles
    00
    13.2.2010, 23:19

    naja, "erraten" muss man nichts. Es ist davon auszugehen, dass alle Texte des AT von Menschen geschrieben wurden (ich meine, das ist klar) und keiner davon nach einem wortwörtlichen Kommentar durch his masters voice. Bevor der Textkorpus ca. so vorgelegen ist wie wir ihn heute kennen, hat er eine mindestens über tausendjährige schriftliche und orale Überlieferungsgeschichte durchlaufen, was heißt, dass sich sehr viele Menschen an der Entstehung der Texte beteiligt haben. Im ersten Jh. a.D. schließlich wurde der Umfang des jüdischen Tanach beschlossen, der die Grundlage des christlichen ATs ist - Menschen bestimmten also, was als "von Gott inspiriert" anzusehen ist und was nicht. Die Bibel reflektiert nichts anderes als menschliche Bilder...

    harbran
    01
    11.2.2010, 20:43
    Natürlich bitteschön keine Rache

    schliesslich sind die meisten Übergriffe dieser katholischen Lehrer auf Jugendliche in ihrer Obhut bei Bekanntwerden zum Glück schon verjährt...
    Oder täusch' ich mich da: ist das nicht der gleiche Verein?
    Kirchen sind private Vereine - die haben an Unis nichts zu suchen und als Schulbetreiber schon gar nicht!

    Honzoo
    00
    12.2.2010, 18:21

    Nein, das ist nicht der gleiche Verein.

    nofretete69
     
    21
    11.2.2010, 20:19

    diese theologen sind so gehirngewaschen , die merken gar nicht , welches ei sich selber legen : die kathol. fakultät redet natürlich vom katholischen gott , die evangelische f. redet vom evangelischen usw ...
    merkt denn niemand was für ein schwachsinn das ist ??
    österreich ist nicht die welt und die welt besteht nicht nur aus katholistan !

    bibliothekar
    28
    11.2.2010, 18:05

    Alle theologischen fakultäten gehören sofort abgeschafft. Es reicht, wenn sich philosophen, psychologen, biologen, soziologen, anthropologen, historiker, ... und vor allem mediziner mit religionen und deren auswirkungen beschäftigen.

    Honzoo
    03
    12.2.2010, 18:28
    Sie kennen sich aber schlecht aus.

    Die heutige Theologie ist bereits das, was ihnen vorschwebt.

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    Posting 1 bis 25 von 331
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