Urahnen aus der Müllhalde

09. Februar 2010 20:11

Fossilienfunde von Urmenschenaffen nahe Barcelona erstaunen die Fachwelt: Kommen unsere Vorvorfahren aus Südeuropa?

Mitte Dezember wollten katalanische Nationalisten wieder einmal auf ihr Anliegen aufmerksam machen. Bei einer quasi privat durchgeführten Abstimmung in 166 ausgewählten Gemeinden votierten 94,7 Prozent der Wähler für eine Loslösung von Spanien. Das mediale Echo war indes mäßig, es blieb ein kleines Strohfeuer im politischen Dauerschwelbrand um Forderungen nach mehr Autonomie von der spanischen Zentralgewalt.

Sehr viel größer waren die Schlagzeilen, national wie international, als im Juni des Vorjahres wieder einmal ein sensationeller paläontologischer Fund aus Can Mata publiziert wurde. Can Mata ist der Name einer Müllhalde nahe des kleinen katalanischen Orts Hostalets de Pierola, 30 Kilometer westlich von Barcelona.

Katalanische Uraffenart

Salvador Moyà-Solà und seine Kollegen vom Institut Català de Paleontología (ICP) hatten einige fossilierte Gesichts- und Kieferknochen eines Affen gefunden, der vor knapp zwölf Millionen Jahren durch die urzeitlichen Wälder streifte. Sie postulierten gleich eine neue Art: Anoiapithecus brevirostris.

Schon 2004 hatten die katalanischen Forscher eine erste etwa gleich alte Affenart aus der Abfallgrube extrahiert, die sie Pierolapithecus catalaunicus tauften. Ihren ersten Sensationsfund aus der Grube Can Llobateres bei Sabadell, der es sogar auf das Cover von Nature schaffte, nannten die Forscher um Moyà-Solà 1996 Dryopithecus laietanus.

Katalanische Nationalisten, aber auch Lokalpolitiker dürften bei den neuen Artnamen mit der Zunge geschnalzt haben. Anoiapithecus brevirostris etwa erweist Anoia seine Reverenz, dem Landkreis von Hostalets. Pierolapithecus catalaunicus ist der katalanische Affe von Pierola. Und laietanus verweist auf die Laietaner, das mythenumrankte Urvolk der vorrömischen Zeit Kataloniens.

Auch bei den Rufnamen wurde nicht mit Anspielungen gespart. Pierolapithecus heißt kurz Pau. Das ist nicht nur die katalanische Form von Paul, sondern bedeutet auch Frieden. Der miozäne Affe war ein Kind des Widerstands gegen den Irakkrieg, wie Moyà-Solà erklärt.

Politisierte Paläontologie?

Vor allem in Katalonien protestierten 2003 Millionen von Menschen gegen die spanische Beteiligung an Bushs Feldzug. Dryopithecus laietanus hört auf den Namen Jordi, so wie ungefähr jeder zweite männliche Katalane (das ist jetzt nur wenig übertrieben) und ebenso wie der katalanische Nationalheilige.

Werden hier Fossilien politisch instrumentalisiert? Moyà-Solà ist kein glühender Nationalist, Forderungen nach einem unabhängigen Katalonien sind von ihm nicht überliefert. Aber auch wer sich mit zwölf Millionen Jahren alten Affen beschäftigt, könne sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht entziehen, beteuert Moyà-Solà: "Alles was Katalonien heraushebt, wird hier als wichtig betrachtet. Und dazu gehört eben auch der paläontologische Reichtum des Landes."

Wenn die Zeitungen von den "ersten Katalanen" sprechen, dann ist das mehr als nur ein Scherz. In dieser Gemengelage aus alten Fossilien, ehrgeizigen Forschern und sensationsgierigen Medien geht es immer auch um Herkunft und Identität, auf Katalanisch und auf Latein. Der Fund von 2009, Anoiapithecus, heißt übrigens Lluc, das steht für den Lichtbringer. Er soll nichts weniger tun, als das Dunkel über unsere Herkunft zu erleuchten.

Die Wiege der Menschheit stand in Afrika. Merkformel: Out of Africa. Dies lässt sich anhand von hominiden Fossilien sechs oder gar sieben Mio. Jahre zurückverfolgen. Nur woher stammen wiederum die Vorfahren jener afrikanischen Hominiden, also jene längst ausgestorbenen Affenarten, die vor der Trennung der Linien der Menschenaffen und des Menschen existierten? In Afrika gibt es aus der Zeit von vor zehn bis 15 Mio. Jahre kaum einschlägige Fossilien. Die Entdeckungen von Can Mata in der katalanischen Müllhalde ergeben mit zahlreichen anderen Funden im mediterranen Raum von Italien über Ungarn, Griechenland und die Türkei ein völlig neues Szenario unserer sehr frühen Herkunft. Merkformel: Into Africa, oder auch: Out of Europe.

Gibt es heute nur mehr vier Arten von Menschenaffen (und uns), zählen die Paläontologen im Miozän (dauerte von rund 23 bis 5,5 Millionen Jahre) mittlerweile bis zu vierzig Gattungen und bis zu hundert einzelne Arten, die überwiegend in Eurasien lebten.

Von Europa nach Afrika

Diese Verteilung führte den kanadischen Paläoanthropologen David Begun von der University of Toronto schon in den 1990er-Jahren zu der These, dass vor etwa 16 Millionen Jahren die Vorvorfahren der Menschenaffen aus Afrika nach Eurasien ausgewandert sind. Denn in unseren Breiten herrschten damals tropische oder subtropische Verhältnisse.

Erst vor etwa neun bis zehn Millionen Jahren zwang ein Klimawandel, so das Szenario Beguns, den Vorfahren von Schimpanse, Gorilla und Mensch zurück ins wärmere Afrika. Wesentliche Entwicklungsschritte von den Kleinaffen hin zu Menschenaffen vollzogen sich demnach aber bereits in Eurasien, als da wären: verlangsamte individuelle Entwicklung, Einzelgeburten, Anpassungen des Bewegungsapparates an das Hangeln in den Bäumen, die Fähigkeit sich aufzurichten und die Rückbildung der Schnauze.

Der jüngste Fund von Can Mata, Anoiapithecus brevirostris, ist nun ein gewichtiger Beleg für diese Out-of-Europe-These, der neue Artname Programm: brevirostris steht für kurzgesichtig. Moyà-Solà bringt Anoiapithecus als möglichen Urahn der heutigen Menschenaffen in Stellung.

Spötter sprechen von einem "Out of Spain"-Szenario. Oder warum nicht gleich von "Out of Catalonia"? (Oliver Hochadel aus Barcelona/DER STANDARD, Printausgabe, 10.02.2010)

 

füllhornkäfer
11.02.2010 18:17

Der Katalane in uns...

nachtflug_
11.02.2010 15:20

seltsamer artikel...

sturmy
11.02.2010 13:53
Urahnen aus der Müllhalde, quo vadis?

denk mal
10.02.2010 08:46
Waren unsere Vorfahren Sandler?

molekühl
12.02.2010 01:08

Der ist wahrscheinlich vor 12 Mio. Jahren in einem Müllcontainer erfroren und dann auf der Kippe gelandet.

fish13
09.02.2010 20:33
I'm Impressed... ;) sorry

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.