Costa Ricas Präsidentin gehört den Sozialdemokraten an, vertritt aber neoliberale Ansichten
Als Laura Chinchilla am Montag in die Messe ging, um der Nationalheiligen für ihren Sieg am Vortag zu danken, warteten schon mehr als tausend begeisterte Fans auf die erste Präsidentin in der Geschichte Costa Ricas. Fast eine halbe Stunde brauchte sie für die hundert Meter von ihrem Auto bis zum Altar der Basilika Nuestra Senora de los Angeles in Cartago, so viele Hände musste sie schütteln.
Für die 50-jährige Politologin ist es der Höhepunkt einer steilen Karriere. Schon ihr Vater war Politiker und Diplomat und hat sie von früh auf mit der Politik vertraut gemacht. Die Familie lebte teilweise im Ausland. Chinchilla studierte Politikwissenschaften in den USA und arbeitete als Beraterin der Weltbank und der UNO. In den 90er-Jahren lebte sie in Kolumbien, wo sie sich einer komplizierten Augenoperation unterziehen musste, da sie zu erblinden drohte. Bis heute ist sie eine Bewunderin Kolumbiens geblieben - und des konservativen kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe.
Dabei gehört sie nominal einer sozialdemokratischen Partei an. Doch ihre PLN hat in den vergangenen Jahren unter Chinchillas politischem Ziehvater und Vorgänger Óscar Arias einen Schwenk in Richtung Neoliberalismus vollzogen. Unter anderem hat Arias das umstrittene Freihandelsabkommen mit den USA durchgesetzt. Auch in Wertefragen wie etwa Homosexuellenehe und Abtreibung vertritt die neue Präsidentin eher konservative Ansichten. Feministische Positionen hat sie nie verfochten, versprach aber nach ihrem Wahlsieg ein "paritätisches Kabinett" .
Chinchilla diente Arias als Vizepräsidentin, zuvor hatte sie bereits Erfahrung als Ministerin und Abgeordnete gesammelt. Mit einem eigenen, politischen Profil konnte sie bislang kaum punkten; ihre Gegner kritisieren sie deshalb als "Statthalterin" der Arias-Dynastie.
Zu den Stärken der Mutter eines 13-jährigen Sohnes gehört ihre Sachkompetenz in Sicherheitsfragen: Als zuständige Ministerin setzte sie eine Polizeireform durch, auch im Kongress war sie auf Drogen- und Kriminalitätsthemen spezialisiert. Chinchilla hat eine Steuer auf Glücksspiele vorgeschlagen, um damit ihre Sicherheitspolitik zu finanzieren. Außerdem will sie den Mittelstand fördern und sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den Bildungssektor stecken.
Politisch einfach wird es für die Präsidentin jedoch nicht werden: Im Kongress verfügt ihre PLN nur über 23 von 57 Sitzen. (Sandra Weiss, DER STANDARD, Printausgabe 10.2.2010)