Österreichs Lebensmittelhandel wirbt um Nachwuchs: Der heimische Diskont-Riese geht dabei neue Wege
Wien - Am Spiegel gibt es kein Vorbei. "So sieht Sie Ihr Kunde" , steht da in großen Lettern geschrieben. Wer Licht einschaltet, um sich zu mustern, ehe er von Büro und Küche in die Hofer-Filiale tritt, erhält einen weiteren Wink: "Wir sparen Energie" , ist am Schalter zu lesen.
An den neun Jugendlichen, die dieser Tage die Leitung eines Wiener Lebensmittelmarktes des Diskonters übernommen haben, dürfte keiner was zu bekritteln finden. Blonde selbstbewusste Mädels in sportlich-dunklen Jeans bedienen die Kassen. Durchtrainierte Kollegen befüllen die Regale. Um die 18 Jahre sind sie und Lehrlinge, alle mit dem erklärten Ziel, sich bis zu Filialleitern aufzuarbeiten. Die erkennt man dann am Halstuch, so wollen es die Kleidervorschriften.
Friedhelm Dold trägt jedenfalls wie all seine Managerkollegen Anzug. Obwohl, um ihn gehe es hier gar nicht, stellt der Generaldirektor von Hofer klar. Auch nicht um irgendwelche Zahlen zu Expansion und Umsätzen, auf die Journalisten immer so drängten. Es gehe um den Nachwuchs. Und darum, wie sein Konzern ihn fördere. Indem er den besten Lehrlingen etwa einen Monat lang die komplette Führung einer Filiale überlasse.
Die Leistung des Lebensmittelhandels für Lehrlinge würden verkannt, glaubt Dold. Es seien sichere Jobs auch in Zeiten schwieriger Konjunktur. Die Aufstiegschance sei hoch, die Entlohnung gut, zumindest bei Hofer. 650 Euro gebe es im ersten Lehrjahr, gut 200 Euro mehr als im Kollektivvertrag vorgesehen. An der Kasse bringe man es im Monat auf 2200 Euro brutto, als Filialleiter auf 50.000 im Jahr. Das Geld habe ihn durchaus gereizt, erzählt einer der Lehrlinge.
Viele Bewerbungen
Rewe, Spar und Hofer schaffen heuer insgesamt 1650 neue Lehrstellen. 150 davon stellt Hofer, Bewerbungen dafür gebe es tausend.
Das Attest, das andere Jugendliche den Handelsketten ausstellen, spiegelt aber nicht unbedingt ihre Eigenwahrnehmung. Fast 70 Prozent der Lehrlinge schieben Überstunden, mehr als ein Fünftel unter ihnen zum Teil unbezahlt, belegt eine aktuelle Umfrage der Jugendgewerkschaft unter gut 2000 Lehrlingen. Manche arbeiteten bis zu vier Samstage im Monat. Mehr als ein Viertel der Befragten fürchte, ihre Lehrstelle zu verlieren. Bei Hofer sei die Freizeit sauber geregelt, versichert Dold. Auf eine Filiale komme ein Lehrling, 80 Prozent verblieben im Unternehmen.
Hofer hat die Expansion in Ös-terreich abgeschlossen und sucht nur noch einige Innenstadtlagen. Die 428 Standorte mit 7000 Mitarbeitern stellen gut ein Fünftel des Lebensmittelhandels. Der Umsatz von zuletzt 3,2 Mrd. Euro sei gestiegen. Das Reisegeschäft boome: Die Buchungen legten im Vorjahr um 100.000 auf 400.000 zu.(Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.2.2010)