EU-Kommission

Barroso-Kommission erhält "ein Mandat für mehr Mut"

Thomas Meyer, 09. Februar 2010 18:04

Das Europaparlament hat die neue EU-Kommission gewählt und Mitsprache bei jeglicher Gesetzgebung eingefordert

Präsident Barroso versprach "radikalen Wandel", ein starkes Europa.

*****

So lange wie "Barroso II" hat noch keine EU-Kommission gebraucht, um ins Amt zu kommen. Sieben Monate sind seit der Wieder-Nominierung des Konservativen José Manuel Barroso zum Präsidenten durch die Staats- und Regierungschefs vergangen. Das war Mitte Juni, gleich nach den EU-Wahlen.

Damals wurden die Machtverhältnisse in Europa stark verschoben - mit einem Triumph der Christdemokraten, einer schweren Schlappe der Sozialdemokraten, einer Stärkung von Grünen und Liberalen quer durch den Kontinent. Aber das hatte die Kommissionskür nur komplizierter gemacht, noch dazu, weil unklar war, ob und wann die Reformen des neuen EU-Vertrages von Lissabon zum Tragen kommen würden oder nicht.

Bis zur definitiven Bestätigung des gesamten Kommissions-Teams - 26 Kommissare neben Barroso - durch das Plenum des Europäischen Parlaments am Dienstag verging ein mühsamer, für manche quälender Prozess. Insbesondere gilt das für die Regierungen, den traditionell mächtigen EU-Ministerrat.

Im Normalfall dauert eine "Regierungsbildung" in der Union halb so lang. Der Fraktionschef der Liberalen, Guy Verhofstadt, brachte es in der Debatte vor der Abstimmung denn auch auf den Punkt, was die meisten EU-Abgeordneten am Ende dieses Prozesses gedacht haben mögen: Es ist genug jetzt. "Nie wieder darf sich das wiederholen, dass man so lange eine Kommission ohne Befugnisse hat" , sagte er, dass Europa führungslos sei, noch dazu in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Müde vom Dauerstreit

In der ersten Reihe lächelte Barroso dazu zufrieden. Er konnte schon in der Früh spüren, dass für ihn alles gut ausgehen würde. In den Reihen der Abgeordneten waren von den Kämpfen der vergangenen Monate bereits Ermüdungserscheinungen bemerkbar, selbst bei SP-Fraktionschef Martin Schulz, der sich freute, dass seine Partei mit Catherine Ashton die Außenministerin stellte, die wegen schwacher Qualifikation umstritten war. Das alles mag mit ein Grund sein, warum die Bestätigung der Kommission bei der Abstimmung so klar ausfiel wie nur einmal zuvor: 488 Abgeordnete stimmten mit Ja, nur 137 mit Nein, 72 enthielten sich. Auch Barroso war bei seinem ersten Antreten im Jahr 2004 drunter geblieben: Da bekam er 449 Ja-, 149 Nein-Stimmen.

Auf die Fraktionen umgelegt dürften Christ- und Sozialdemokraten mit den Liberalen praktisch geschlossen für das Barroso-Team votiert haben. Nur die Grünen und die Linke hielten offen dagegen.

In gewohnter verbaler Schärfe bohrte der grüne Fraktionschef Daniel Cohn-Bendit dementsprechend in den Wunden jener Abgeordneten und Fraktionen, die in den vergangenen Monaten immer wieder mit der Verweigerung der Zustimmung zur Kommission gedroht hatten: "Wir sitzen hier in einer Koalition der Heuchler" , rief Cohn-Bendit. Man sage insbesondere seitens der Sozialdemokraten "Wir lieben dich nicht, aber wir wählen dich trotzdem" . Europa spiele seine Rolle in der Welt nicht, und Schuld daran sei nicht zuletzt Barroso selber, der die vergangenen Jahre an der Spitze der Kommission gewesen sei.

Der angesprochene Kommissionspräsident ging auf Kritik kaum ein, sondern appellierte an die Abgeordneten, die Union nicht ständig schlechtzureden. In Wahrheit sei die Union in der Welt ein "Leuchtturm der Demokratie" .

Barroso interpretierte das Ergebnis in seiner Dankesrede als "ein Mandat für mehr Mut" , das er gemeinsam, in engster Kooperation mit dem Parlament (siehe weiteren Bericht) für ein in der Welt geeinigt auftretendes Europa nützen wolle. Nötig sei ein "radikaler Wandel" der Politik, weil man mit nationalen Lösungen nicht mehr weiterkomme.

Dafür bekam er ausdrücklich die Unterstützung der stärksten Fraktionen von VP, SP und Liberalen, zwischen denen in den kommenden fünf Jahren zumeist über Mehrheiten entscheiden werden wird. Ein Freibrief sei das aber nicht, betonte Verhofstadt, "wir wollen Ergebnisse". (Thomas Meyer aus Strßburg, DER STANDARD, Printausgabe 10.2.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 50
1 2
Let's agree not to agree
10.02.2010 12:58
Ja wer entscheidet denn

über Postenbesetzungen in den EU-Institutionen? Die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer! Die tun alles, damit die EU undemokratisch und bürgerfern bleibt, sie verwenden sie als Sondermülldeponie für unbeliebte Themen, und berufen die unfähigsten Leute auf die wichtigsten EU-Posten, um ihren eigenen Machterhalt zu zementieren.

Das Parlament kämpft da gegen Windmühlen - aber ich hoffe, dass es doch etwas bewirken kann.

Es lebe das demokratische Parlament!
Nieder mit den selbstherrlichen kleinen Napoleons!

17+4
10.02.2010 09:52
bin neugierig, was dieser europäische Oberschleimer

diesmal zustande bringt.
Mit Duschkopfverbot und solchem Blödsinn wird er kein Vertrauen gewinnen.
Allerdings muss man da schon nachfragen, wes Geistes der österreichische Minister war (ja wer war es denn?) der bei diesem Unsinn zugestimmt hat.

Christoph ************
10.02.2010 12:01

Die EU muss sich eventuell wirklich umstellen will sie populäre Maßnahmen setzen. Umweltschutz kommt heutzutage nur mehr dann gut an, wenn er nichts kostet und einem nicht betrifft.

17+4
12.02.2010 09:53
ich sehe das anders: Umweltschutz ist nicht so sehr

eine Frage dessen, was es kostet, sondern ob es Sinn macht.
Und das was hier so herumgeeiert wird, macht eben keinen Sinn, z.B. Glühbirne oder Duschköpfe!;
sowas können nur Holzköpfe ausdenken, und da gibt es halt keine Akzeptanz.

Ggg14
11.02.2010 00:19

War das nicht immer so?

Hamit_Hatemi
09.02.2010 20:48

Schön, dass Liberale wenigstens auf europäischer Ebene drittstärkste Bewegung sind.

org azmo
09.02.2010 17:15
Kann bitte endlich jemand das Griechenpack aus der Währungsunion schmeißen!?

Herzerzog Johann
10.02.2010 14:39

Ein neues Feindbild gefunden? Eure Ignoranz, ich gratuliere!

Michael Jack Dundee
 
09.02.2010 16:11
'Der Europaabgeordnete Hans-Peter Martin hatte vor der Abstimmung erklärt, als "überzeugter Proeuropäer" könne er der neuen EU-Kommission nicht zustimmen.'

Seit wann ist Hans-Peter Martin für die Integration der Europäer? Bis jetzt hat er doch alles für die einzelnen Nationen gefordert statt für ein vereintes Europa. Oder weiß er inzwischen selbst nicht mehr, was er sagt und schreibt.

Hans-Peter Martin-www.hpmartin.net
09.02.2010 17:21

Wie kommen Sie denn darauf? Ich will, seit ich mich politisch engagiere, ein funktionierendes, sozial faires Europa. Seit ich im EU-Parlament sitze, zeige ich Mißstände auf, bleibe aber natürlich (zwei Weltkriege, Notwendigkeit gemeinsamen Handelns bei Finanzen, Klima etc) ein glühender Proeuropäer - siehe meine Bücher "Globalisierungsfalle" und "Europafalle". Unsere Bürgerliste versteht sich doch genau als Antipode zu den dumpfen Renationalisierern von Rechtsaußen.

Michael Jack Dundee
 
11.02.2010 16:49

Europafalle - Globalisierungsfalle: Die beiden Bücher widersprechen sich. Die Weltwirtschaft geht bei den allgemeinen Charaktären nur auf Kontinente ein, Europa zu zerstreiten ist US-freundlich und damit gegen ein Soziales Europa.

Michael Jack Dundee
 
11.02.2010 16:47

Über den Vorfall in der SPE habe ich einiges anderes gelesen! Das war Mißstand verursachen, der dann selbst aufgedeckt wurde.

Von manch anderen EU-Abgeordneten aus Österreich habe ich auch nur ähnliches bei jedem sog. aufgedeckten Skandal gelesen.

sokra
10.02.2010 08:40

Einiges was Sie sagen hat sicher Hand und Fuß (z.B. fehlende Gewaltenteilung, Probleme in Entscheidungsfindung...)

Wenn Sie aber mit der Kronenzeitung einen Pakt schließen dürfen Sie sich wirklich nicht wundern wenn Sie von der Bevölkerung als glühender EU-Gegner wahrgenommen werden.

Ich verstehe diesen Pakt nicht;
Entweder Sie verstehen wirklich nicht was Dichand mit Ihnen macht und welche Wirkung das auf die Außenwelt hat (das wäre naiv),... oder Sie nehmen die falsche Wahrnehmung bewusst in Kauf um an Stimmen zu kommen (das wäre unehrlich).

Gibril
 
09.02.2010 19:53

Jetzt erzählen sie uns auch noch, sie wären Neo-Institutionalist (?)

Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft AG
09.02.2010 18:30

ach was, halten sie sich bloß nicht mit inhalten auf, das lenkt nur ab!

(lächeln, knopflochkamera!)

byron sully
09.02.2010 17:51
ein glühender proeuropäer

hätte nicht gegen die eu-osterweiterung gestimmt. ich bin über ihre sonstige arbeit durchaus geteilter meinung, aber DAS hab ich ihnen bis heute nicht verziehen. damit waren sie eben NICHT die antipode zu rechtsaußen.

Hans-Peter Martin-www.hpmartin.net
09.02.2010 19:09

Lieber "Byron Sully" - zuerst Vertiefung, dann Erweiterung. So haben wir es schon 1999 den Wählern versprochen. Statt dessen gab es nur die überhastete EU-Erweiterung, mit all den Problemen bei der Entscheidungsfindung, keiner Gewaltenteilung, Verschwendung in Rekordproportionen in den neuen Mitgliedsstaaten (Polen, Bulgarien, Rumänien...). Darum: Bitte "verzeihen"... Wenn die EU funktioniert, dannn gerne erweitern, allerdings ohne Türkei.

Michael Jack Dundee
 
11.02.2010 16:51

Ohne Türkei: Auch dann, wenn die Türkei alle Kriterien der EU erfüllt? Wo genau ist die Grenze in der Mentalität Europas?
Malta ist in der Schengenzone, hat den Euro und ist in der Mentalität auch etwas arabisch, dort ist es kein Problem.

byron sully
10.02.2010 18:25

da sich die eu nicht nur als wirtschaftsunion, sondern auch als politische union versteht, war die erweiterung aus politischer sicht wichtig (und sie war nicht überhastet, die beitrittsverhandlungen haben um einiges länger gedauert als z.b. seinerzeit jene mit österreich).
und verschwendung von eu-geldern gibt es auch in manch "alten" eu-staaten.

Let's agree not to agree
10.02.2010 16:52
Sie übersehen, dass

es nicht nur um wirtschaftliche, sondern auch um politische Aspekte geht.
Man wollte mit der Erweiterung verhindern, dass v. a. Rumänien und Bulgarien wieder unter russischen Einfluss geraten. Ähnliches gilt für den Betritt von Griechenland 1981. Zudem ist die Beitrittperspektive für die übrigen Balkanländer extrem wichtig.

Ggg14
11.02.2010 00:20

Dafür stellen jetzt die Amis dort ihre Raketen auf.

Vom Regen in die Traufe.

Ava Tar
10.02.2010 01:31
schön, daß Sie wieder fit sind

das da kennen Sie sicher?
http://derstandard.at/125431039... n-Tinnitus

Was das Integrationstempo betrifft so waren in Spanien, Portugal etc alle Autobahnen dreispurig gebaut usw; um das Geld der Nettozahler weiterhin kanalisieren zu können mußten neue Länder her => Osteuropa; um qualitative Integration ging es hier nicht

bin übrigens für die Türkei, die haben Jugend, Schaffenskraft, Unternehmertum in einem Maße von dem wir veraltete Gesellschaft nur träumen können

Ggg14
11.02.2010 00:21

Für Sie ist die EU also eine Freihandelszone, ja?

el bosco
10.02.2010 01:00

gibts für dieses schlichte "ohne türkei" auch irgendeine sachliche begründung? in der tv-elefantenrunde 2009 haben Sie ja nur gesagt: "die passen einfach nicht zu uns", womit sie sich ja perfekt an die mölzer-stadler-krone logik angereiht haben.
sollten Sie, als einer der zumindest in der linken politisch "groß" geworden ist und noch heute gegen rechts kämpft, solche motive ("bestimmte kulturen vertragen sich nicht", etc.) nicht ablehnen?
würde mich über eine antwort sehr freuen :-) hat mich überhaupt (positiv) überrascht, Sie hier persönlich im forum anzutreffen!

hotzenplotz1001
09.02.2010 17:31
Herr Martin, Sie und die „Kronen Zeitung“ sind „glühende Europäer“.

Der war nicht schlecht.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 50
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.