Beppe Grillo warnt im Standard-Interview vor dem Virus der italienischen Verhältnisse. Dort habe es nie echte Demokratie gegeben
Standard: In der Politik Italiens scheint es keinerlei Konsequenzen für Fehlverhalten zu geben. Skandale bleiben ohne Folgen, hin und wieder steht die Zivilgesellschaft auf - um sich umgehend wieder hinzusetzen. Warum ist das so?
Grillo: Italien ist wie Willy, der Kojote aus den Zeichentrickfilmen. Der hängt in der Luft und bleibt auch dort, solange er nicht in den Abgrund schaut. Wir hängen auch in der Luft - mit einer Staatsschuld von 1800 Mrd. Euro, doppelt soviel wie in Griechenland. Wir haben Minister, die Lobesgedichte auf den Regierungschef schreiben und Ministerinnen, deren Hinterteile auf Postern für Lastwagenfahrer prangen. Wie man das alles einem Fremden erklären soll? Ich fahre mit einer Mission durch die Welt und sage: Achtung, passt auf, dass es bei euch nicht auch soweit kommt!
Was Sie beschrieben haben, könnte hier morgen früh auch so sein und passiert vielleicht schon klammheimlich. Die italienischen Verhältnisse sind wie ein Virus. Wir haben den Faschismus erfunden und ihr habt es nicht einmal gemerkt. Die Banken und der Raubtierkapitalismus kommen ebenso aus Italien wie die Mafia, die auch eure Gesellschaft schon durchsetzt hat. Wir haben TV-Tanzmäuse, Sängerinnen und Vorbestrafte ins Europaparlament geschickt. Dieses Amalgam aus Politik, Freimaurerei, Mafia, Wirtschaftsinteressen überwindet die Grenzen Italiens.
Standard: Italien als eine Art Laboratorium, in dem Demokratie zum schieren Politainment wird?
Grillo: Demokratie, in der der Bürger etwas zählt, hat es in Italien nie gegeben. Wir halten Referenda ab und die Ergebnisse landen in irgendwelchen Schubladen. Vor allem jene, in denen es um die Medienbeteiligungen des Premiers geht. Wir haben wahrscheinlich auch niemals eine Opposition gehabt. Der Psychozwerg (Silvio Berlusconi, Anm.) hat seit 20 Jahren Krücken auf allen Seiten, auch bei der Linken. Es ist wie in der Meister Proper-Werbung: Der läutet an der Tür, wir sagen Buon giorno, kommen sie doch herein, dann schaut er in die Waschmaschine und wir sind glücklich dabei. So sind wir Italiener. Italien, das ist Hyperrealismus.
Ich kann keine Satiren auf unser Land verfassen, in Italien ist immer alles hyperrealistisch - und ansteckend: Präsident Sarkozy kommt zu uns und schlägt eine Woche später seinen Sohn als Stadtverwalter vor. Prinz Charles verbringt ein paar Tage auf Sardinien und schreibt dem Londoner Bürgermeister dann Briefe, was der denn zu tun habe, obwohl er das von Gesetzes wegen gar nicht darf. Jetzt fehlt nur noch, dass sich Frau Merkel mit einem Minderjährigen und Gordon Brown mit einer Transsexuellen einlässt. Wir stellen das Schlechteste von Schlechten dar, aber wir sind eben auch faszinierend. Es ist leicht, darauf hereinzufallen.
Standard: Apropos hereinfallen, Berlusconi hat in Umfragen weiter eine große Mehrheit hinter sich.
Grillo: Wir sind eine sehr alte Nation. Alle wichtigen Posten werden von 60-, 70- oder 80-Jährigen besetzt. Der Ministerpräsident und der Staatspräsident bringen es gemeinsam auf 160 Jahre. Dazu gibt es 14 Millionen Pensionisten. Die interessiert es nicht, ihre Zukunft zu planen. Ihre Zukunft, das sind sechs Monate. Es geht ihnen um ihr Konto, ihr Haus, ihren Urlaub. Sie leben. Das ist Berlusconis Publikum. Bei den 20- bis 40-Jährigen gibt es kaum jemand, der Berlusconi wählt. Ich habe deswegen Bürgerlisten eingeführt, mit denen auch 30-Jährige in die Politik gelangen können. In Italien haben wir keine politische Auseinandersetzung mehr, sonderen einen Kampf der Generationen.
Standard: Berlusconi, eine Reminiszenz der 60er- und 70er-Jahre?
Grillo: Reminiszenz? Nein, eher ein Hologramm, das in ein paar Jahren verschwinden wird, wenn uns die Wirtschaft in die Realität zurückholen wird.
Standard: Sie gelten als der Michael Moore aus Genua, man wirft Ihnen Populismus vor.
Grillo: Das ist fantastisch. Jetzt entdecken die Politiker das Volk wieder, wollen sich unter die Leute mischen. Aber nur die wenigsten können das ohne Personenschutz tun. Seltsam, oder? (Christoph Prantner, DER STANDARD, Printausgabe 9.2.2010)
Zur Person:
Beppe Grillo (61) ist Kabarettist, der seit seiner Verbannung aus dem italienischen TV mit seinen Programmen Sporthallen und Piazze füllt. Daneben betreibt er einen Blog, der bis vor kurzem zu den zehn meistgelesenen weltweit zählte. Er gilt als heimlicher Oppositionsführer Italiens. In Wien weilte er auf Einladung von Stadträtin Ulli Sima (SP), mit der er gegen das AKW Mochovce Stimmung machte. www.beppegrillo.it