Der neue Direktor will das Wiener Collegium Hungaricum zum mitteleuropäischen "Projektbüro" machen
Wien (Bécs) - Seit Jahresbeginn hat das Wiener Collegium Hungaricum - eines der größten und traditionsreichsten der weltweit 19 ungarischen Kulturinstitute - einen neuen Direktor: Márton Méhes. Das trifft sich ganz gut, weil Méhes als künstlerischer Leiter fürs Programm der europäischen Kulturhauptstadt 2010 verantwortlich war. Und nun unter anderem auch dafür verantwortlich ist, das südungarische Fünfkirchen - Pécs also - in Wien - Bécs also - vorzustellen. Nicht zuletzt mit einem "Pécs-Beach" am Donaukanal.
Márton Méhes würde sich freilich sehr dagegen verwahren, als bloßer Propagandist dargestellt zu werden. Zu sehr kommen ihm da andere Themen dazwischen. Die EU-Ratspräsidentschaft im nächsten Jahr zum Beispiel. Oder die an Sonntagen gern in den Mund genommene "Donaustrategie" . Das alles muss, meint Méhes, mit kulturellen Inhalten gefüllt werden. "Nachbarschaft, Minderheiten, Sprachen, Vergangenheitsbewältigung" , sagt er, "alles aktuelle Themen aus dem Donauraum." Und zwar, um es so zu sagen: "Was für welche!"
Sich selbst sieht Méhes in diesem Kontext als eine Art "Impresario" . "Ein Kulturinstitut ist ja kein Konzerthaus, keine Galerie, kein Literaturhaus. Es braucht einen Kulturmix. Die einzige Möglichkeit: Man versteht und gestaltet das Institut nicht als reines Kulturhaus, sondern als Projektbüro." Durchaus hilfreich sei da, dass die magyarischen Kulturinstitute in Budapest nicht wie in anderen Ländern im Außen-, sondern im Kulturministerium beheimatet seien. Das gewährleiste die Nähe zu den Kulturinstitutionen und - ganz wichtig - der Szene.
Márton Méhes kam in Györ/Raab zur Welt, wo sich das Ungarische mit dem Slowakischen und dem Österreichischen mengt. Er studierte in Pécs, der alten Hauptstadt der "schwäbischen Türkei" , wo man bis heute die Touristen in eine Moschee führt, die an die 150-jährige osmanische Herrschaft erinnert. Fünf Jahre lang, von 2001 bis 2006, war er am Collegium Hungaricum in Berlin, vier Jahre davon als stellvertretender Direktor. Zuletzt war er "Kanzler" der deutschsprachigen Andrássy-Universität in Budapest.
Vier Jahre zumindest wird er nun in Wien verbringen, einer Stadt, in der "ich mich zu Hause fühle" . Sie sei ja auch "ziemlich budapesterisch" . Solche Gemeinsamkeiten kritisch zu thematisieren ist auch ein Anliegen des Collegiums. Nächstes Jahr gibt es dazu reichlich Gelegenheit. Da feiert man den 200. Geburtstag von Franz Liszt. Eine der Fragen wird da wohl sein, ob Franz Liszt nicht eigentlich Liszt Ferenc geheißen habe und also heißen müsse. Oder eben umgekehrt.
Márton Méhes, das lässt sich heute schon sagen, wird zu solch einer Frage bloß leise, hintersinnig eventuell, lächeln. Aber er weiß natürlich, dass die Antwort auf diese Frage ganz eng mit dem neuen, grenzfreien Europa und seinen Fährnissen zu tun hat. Und, klarerweise, mit Liszt selber, der da sinngemäß gemeint hat: "G'hupft wie g'hatscht." (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe 9.2.2010)