Das Gastspiel "Souvenir" des Renaissance-Theaters Berlin in den Wiener Kammerspielen
"Mein Gehör ist berühmt", lispelt die talentfreie Sopranistin und musikalische Exzentrikerin Florence Foster Jenkins, deren irrwitziges Leben der britische Theatermacher Stephen Temperley dramatisierte.
In dem Gastspiel Souvenir des Renaissance-Theaters Berlin (Regie: Torsten Fischer), dessen Premiere in den Wiener Kammerspielen gar mit stehenden Ovationen gefeiert wurde, verkörpert die Berliner Trash-Ikone Désirée Nick in bravouröser Manier die Sängerin. Sie trällert sich im gepflegten Outfit der 1920er-Jahre durch die klassische Opernliteratur, wobei ihr "Gesang" durch Mark und Bein geht: völlig überzogene Koloraturen und Arien, die dem kleinen Stimmumfang nicht standhalten. Rhythmus und Intonation gehen flöten, und Noten sind für sie bloß Wegweiser. Sie quietscht, fiept, pfeift und gackert und trifft die Töne präzise daneben.
Auch wenn das Publikum um Erbarmen flehen möchte, so sind es doch Lachkrämpfe, die die Königin der Nacht hervorruft. Beeindruckt, aber seelenruhig ob ihrer grenzenlosen Besessenheit ist ihr musikalischer Begleiter am Klavier, Cosme McMoon, gelungen dargestellt vom Kabarettisten Lars Reichow. Das Stück lebt zu einem großen Teil aufgrund seiner kuriosen Geschichte. Die schauspielerische Leistung kommt am Ende zum Tragen, wenn die gealterte Sängerin nach einem schaurigen Ave Maria im schneeweißen Engelskostüm ihre Torheit erkennt. Ein selten komischer, kabarettnaher Theaterabend. Kitsch und Übertreibung kommen nicht zu kurz und geben den nötigen Pepp. (gil, DER STANDARD/Printausgabe, 09.02.2010)