Das US-amerikanische Multitalent Henry Rollins trat am Wochenende in Wien als Spoken-Word-Artist auf - Im STANDARD-Interview
Karl Fluch sprach mit ihm über sein Pop-Ikonen-Dasein, die US-Politik, Schauspielerei und mehr.
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STANDARD: Viele Leute erinnern sich an Ihren ersten Spoken-Word-Auftritt in Wien Ende der 1980er. Damals haben Sie einen Zuhörer verprügelt. Passiert das heute noch?
Henry Rollins: Nein, aber das war ein besonders toller Treffer! Ein Typ, der zuvor schon Lydia Lunch unterbrochen und gestört hatte. Bei mir ging das weiter. Also bat ich ihn auf die Bühne, ich stieg gleichzeitig runter und nahm ihn beim Kragen, sodass sein Gesicht auf die Bühne krachte. Ich hoffe, es tat weh. Aber er hat den Saal auf beiden Beinen verlassen.
STANDARD: Sie geben in diesen Vorstellungen sehr viel von Ihrem persönlichen Leben preis. Wo ziehen Sie die Grenze?
Rollins: Ich würde ein großartiges Publikum nicht der Fadesse meines persönlichen, tagtäglichen Unglücks aussetzen wollen. Ich habe nie über Frauen gesprochen, die mich abblitzen haben lassen. Ich habe nie den Namen meiner Freundin preisgegeben. Das Langweilige, Alltägliche oder Dinge, die jemanden kompromittieren oder jemandes Vertrauen missbrauchen würden. Das spart Zeit auf der Bühne. Außer es ist sehr, sehr lustig. Aber das ist selten: Ich eile jeden Tag in eine Venue wie diese, esse in einem Zimmer wie diesem Zeug wie dieses, mache Soundchecks, gebe Interviews. Alles ist jeden Tag dasselbe. Sogar der Himmel ist seit drei Wochen gleich grau.
STANDARD: Waren Sie je in der Situation, dass Sie sich auf der Bühne für etwas entschuldigen mussten, was sie gesagt haben?
Rollins: Nein. Und das nicht aus Größenwahn. Wenn ich jemanden auf der Bühne runtermache, dann nur in der Hoffnung, dass er oder sie mich hört. Ich habe George W. Bush eine Million Mal beleidigt, und ich würde ihm all das gerne auch direkt ins Gesicht sagen. Ich würde dafür bezahlen, um mit ihm in einem Raum sein zu können, um ihm ins Gesicht zu sagen, dass ich glaube, er gehöre sofort ins Gefängnis geworfen.
STANDARD: Warum ist ausgerechnet jemand wie Sie von der United Service Organisation eingeladen worden, die US-Truppen in Afghanistan und Irak zu unterhalten?
Rollins: Ich bin zwar gegen den Krieg, aber nicht gegen die Truppen, die starten keinen Krieg, es sind immer die Politiker. Die Invasion des Irak war ein krimineller Akt, der vielen Leuten das Leben gekostet hat. Aber ich hab kein Problem mit den Soldaten. Als ich eingeladen wurde, nahm ich das als Möglichkeit wahr, mir vor Ort Dinge anschauen zu können. Also habe dort gesprochen und Spitäler besucht, in denen junge Männer mit zerfetzten Gesichtern an Schläuchen hängend lagen. Junge Männer ohne Gliedmaßen, unvorstellbare Dinge.
STANDARD: Gab es da Probleme auf Soldatenseite, die ja erfahren haben mussten, was Sie von diesem Einsatz halten?
Rollins: Nein, die waren froh, dass ich dort war. Sicher war ich nicht mit allen einer Meinung. Aber hallo! - wir haben ja Meinungsfreiheit, oder? Politik war kaum je ein Thema. Wenn du im Irak bist oder in Afghanistan, geht es darum, die nächsten paar Stunden zu überleben, nicht von einem Heckenschützen erschossen zu werden, nicht auf eine Mine zu treten, in einem Stück zurückzukommen. In so einem Umfeld diskutiert man nicht über Politik. Es geht darum, den Tag zu überleben. Es ist sehr elementar. Und diese Leute sind erst 20! Und überall hängen diese riesigen Poster mit den Flugzeugen, die in die WTC-Türme geflogen sind: "Never Forget!" Aha, deshalb sind wir im Irak. Wegen eines Landes, das uns nichts getan hat und das wir zwei Jahre nach 9/11 angegriffen haben, okay. Wenn man sieht, wie diesen Leuten auf diese Art das Gehirn gewaschen wird, kann man in den wenigen Stunden die man da draußen bei ihnen ist, nicht viel ändern. Trotzdem: Ich unterhalte sie mit dem was ich zu sagen habe.
STANDARD: Es war leicht sich über George W. Bush lustig zu machen. Wie steht's nun mit Obama?
Rollins: Ich habe ihn gewählt, ich bin ein Fan, aber ich habe Probleme mit ihm. Von den beiden Möglichkeiten, die ich hatte, Obama oder John McCain - klare Sache. Ich glaube nicht, dass McCain ein Bad Guy ist, aber er steht für das letzte Jahrhundert, verweigert Computertechnologie, entwarf mit Ronald Reagan das Star-Wars-Programm und ist einfach Old School. Obama steht für die Gegenwart. Darum verstehe ich nicht, warum ein intelligenter Mensch wie er nun mehr Truppen nach Afghanistan schickt. Alexander der Große, Dschingis Khan, die Briten, die Russen - alle sind gescheitert, haben gelernt: Afghanistan verlässt man nur auf der Bahre, im Sarg oder man stiehlt sich irgendwann davon. Ausgerechnet Amerika soll das nicht passieren? Das stört mich! Auch dass die Gesundheitsreform nun wieder zu scheitern droht stört mich. Obama versucht Freund von Leuten zu sein, die nie seine Freunde sein werden. Das ist das Tragische. Jetzt haben wir eine Chance für die allgemeine Gesundheitsversicherung, für Frieden, für Innovationen, für einen anderen Umgang mit dem Klimawandel, für erneuerbare Energie. Im Moment ist er der einzige Präsident meines Lebens, der uns vielleicht dorthin bringen könnte. Er hat zwar noch drei Jahre, aber im Moment glaube ich, er wird nur eine Amtszeit lang bestehen. Leider: Typisch für die Demokraten. Sie verpassen keine Gelegenheit, eine Gelegenheit zu verpassen. Bush hat dagegen getan was er wollte. Bei hellem Tageslicht. Das sollte Obama auch tun. In zwei Wochen beginnen meine Shows in Amerika, und ich weiß, da werden die Leute scharenweise rauslaufen. Und dieses Mal nicht nur in Texas!
STANDARD: Robert Mitchum hat einmal gesagt, "Never let facts ruin a good story". Stimmen Sie dem zu?
Rollins: Nein. Wenn du deinem vierjährigen Neffen eine aufregende Geschichte erzählen willst - okay. Aber wenn ich von meinen Reisen, ich bin auch als Privatperson nach Iran, Irak, Pakistan, Afghanistan, Laos usw. gefahren, wenn ich dann davon erzähle, verbiete ich mir das. Oder zu behaupten, ich habe das Mädchen bekommen, wenn es nicht so war? Nein. Eine allgemein verständliche Übertreibung, die jeder durchschaut, ist okay, Unwahrheiten nicht. Mir passieren zwar manchmal Fehler, aber die sind nicht beabsichtigt. Aber: Ich darf übertrieben, wenn ich mich selbst verarsche. Was erfinden? Nein, man wird immer erwischt.
STANDARD: Sie sind ein gefragter Schauspieler. Noch einmal Robert Mitchum. Der hat über das Schauspielen gesagt: "If you want my presence pay me, if you want my interest, interest me!" Wie halten Sie das?
Rollins: Ich bin Schauspieler, weil ich Angebote kriege, nicht weil ich ein Schauspieler bin. Meine Haltung ist: Wenn du verrückt genug bist, mir eine Rolle anzubieten, bin ich verrückt genug sie anzunehmen. Also spiele ich einen Schauspieler. Zwischen meinen Touren bin ich ja eigentlich arbeitslos, aber ich arbeite gerne, also nehme ich solche Angebote an. Robert Mitchum konnte das natürlich von sich sagen, ich bin nicht in der Situation. Für die Serie "Sons Of Anarchy" musste ich einen Neonazi spielen. Die Leute haben mich gefragt, wie das emotional war, mich darauf vorzubereiten. Aber das sind nur Sätze auf einem Blatt Papier, die man lernt, und im richtigen Moment hoffentlich fehlerfrei wiedergibt. Ich gebe alles, aber es ist nicht so, dass man dabei zum Neonazi werden muss. Wenn die Sache im Kasten ist, sag ich, Okay, see you guys. Ich gehe in den Wohnwagen, schminke mich ab und fahr nach Hause. Aber je mehr ich die Schauspielerei betreibe, desto mehr merke, es ist doch eine Kunstform. Zu Beginn dachte ich: Ich rede einfach, wenn der andere aufhört - und umgekehrt. Aber das ist nicht Schauspielen. Ich hatte das Glück mit Al Pacino, Jeff Bridges oder Cuba Gooding zu spielen. Diesen Leuten zuzusehen ist sehr eindrucksvoll. Wie Chirurgen setzen sie ihre Einsätze.
STANDARD: Eines sind sie aber sicher: eine Underground-Ikone ...
Rollins: ... ich arbeite nur. Ich lebe allein in einem Haus, ich fahr einen Subaru, ich kaufe selber mein Gemüse ..
STANDARD: ... aber Sie werden erkannt ...
Rollins: ... überall. Die Leute sind meist freundlich, ich bin es auch. Ich sage nicht: Ich bin Henry Rollins, es ist eine Ehre für dich, mich zu treffen! Man schätzt mich für meine Arbeit, meine Alben oder Bücher. Nicht für meine Attitüde bezüglich meiner Alben, Filme und Bücher. Arbeit ist das wichtige, also konzentriere ich mich darauf.
STANDARD: Musik spielt da zurzeit keine Rolle?
Rollins: Ich habe zuletzt 2006 live gespielt, all die alten Songs. Das fühlte sich sehr leer an. Ich will keine zehn Jahre alten Songs singen. Das ist ein Leben auf der Pausetaste. Es war wie im fünften Jahr im College, obwohl das eigentlich nur vier Jahre dauert: Sollte ich nicht längst einen Job haben? Nicht mehr bei Mutter wohnen? So fühlte sich das an. Talking Shows korrespondieren heute besser mit mir. Ich habe später im Jahr noch ein Musikprojekt laufen. Aber das ist im Moment nicht mehr, als dass ein paar Freunde und ich Musik machen wollen. Im schlimmsten Fall wird daraus ein Lacher, im besten Fall eine EP. Ich muss ehrlich mir selbst gegenüber sein. Wenn mich die Musik nicht 110-prozentig bewegt, mach ich es nicht.
STANDARD: Sie veralberten zuletzt das DJ-tum?
Rollins: Ich hatte das Missvergnügen, oft mit DJs konfrontiert zu werden. Und manche nehmen sich so wichtig, dass ich es unerträglich finde. Das gibt es überall. Aber wenn diese Wichtigtuer mit ihren Plattenköfferchen rumstaksen, finde ich das prätentiös. Da bin ich sensibel. "Wow, ich finde es super, was du mit der Al-Green-Nummer gemacht hast!" Da frage ich mich, warum sie nicht Al Green anschauen gehen. Der ist die eigentliche Aufregung, nicht der Typ, der ein paar vorgefertigte Beats dazu mischt und das ganze durch eine Sequenzer jagt. Das ist eh auch okay. Nett. Aber es ringt mir keinen Respekt ab. Al Green nötigt mir Respekt ab. Die Briefe, die ich darauf bekommen habe, bestätigten meinen Standpunkt: "Du hast keine Ahnung, was es heißt, auf einer Bühne zu stehen und eine Crowd zu unterhalten!" Oh! Hab ich nicht? "Du singst nur!" Ja, aber immerhin schaff ich das ohne fremde Hilfe. Nichts gegen DJing. Ich habe das selber gemacht. Es macht Spaß, und ich würde weniger gereizt reagieren, wenn diese Typen weniger selbstgefällig wären. Ich habe in drei Jahrzehnten jede Menge selbstgefällige Arschlöcher im Musikgeschäft erlebt, aber DJs toppen alles - ohne alle in einen Topf werfen zu wollen. Aber wenn ich sie auf Festivals sehe, wie sie auf ihren Köfferchen sitzen, voller LPs, die sie nicht selbst aufgenommen haben ... so jemanden kann ich schwer ernst nehmen.
STANDARD: U2 zählen auch nicht zum engeren Rollins-Freundeskreis.
Rollins: Nicht direkt, ich habe U2 oft verarscht, weil sie jede Menge Alben veröffentlicht haben, die wie schlechte Brian-Eno-Alben klingen. Dabei applaudiere ich Bonos humanitärer Arbeit. Ich denke, er bewegt viele Dinge, das ist super. Aber die Musik ... die ist so schwach. Und diese weinerlichen Fans. Bono ist wohl okay, aber die Musik ... come on!
STANDARD: Greg Ginn verkauft via SST immer noch seine "Kill Bono"-T-Shirts ...
Rollins: Ich glaube nicht an die Todesstrafe, ich will ihn nicht umbringen. Ich wünsche ihm ein langes Leben.
STANDARD: Was hören Sie sich an zeitgenössischen, neuen Sachen an?
Rollins: Alles! Ich hab eine Radio-Show. Ich bekomme dauernd neues Zeug. Es gibt so viele tolle Bands heute. Wie immer kommt das gute Zeug von Kids und Frühzwanzigjährigen. Es gibt eine Band, die liebe ich seit Jahren. Die haben sich gerade reformiert. The Mae Shi. Oder Vice Cooler, der betreibt die Bands Hawnay Troof und Xbxrx. Der ist so ein bisexueller Überdrüber-Typ, der alle Instrumente selber spielt. Ich spiele alle seinen Platten in meiner Show. Er ist unglaublich! Oder Dax Riggs mit seiner Band Deadboy & the Elephantmen. Er ist abartig gut! Dann gibt es da dieses Label aus dem Mittelwesten, Amercian Tapes. Die veröffentlichen all diesen unfassbar guten Lärm. Die haben 800 Releases, ich habe zirka 500 davon, sie sind alle gut! Viele Musik bekomme ich auf Kassetten von Stoner Kids, die auf ihren Laptops geniale Musik machen. Es passiert so viel. Wenn jemand sagt, Musik sei heute fad ... ARE YOU KIDDING ME!!! Man kommt gar nicht nach, so viele gute Sachen erscheinen!
(DER STANDARD/Printausgabe, 09.02.2010)