Darf man die Mode hassen? Das geht nach hinten los, findet Stephan Hilpold
Manche Zeitgenossen haben eine diebische Freude daran, auf die Mode hinzuhauen. Sie halten 10-Zentimeter-Heels für Folterinstrumente und erklären Modeanzeigen in Hochglanzmagazinen zu Volksverführern. Sehen sie ein Model, unterstellen sie ihm einen Intelligenzquotienten, für den sich jeder Affe schämen würde. Die Mode ist in ihren Augen hässlich, oberflächlich und dumm.
Für diese lieben Zeitgenossen habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute ist: Sie sind nicht allein im Club. Im englischen Guardian hat eine Leidensgenossin gerade ihren Unmut über die Mode in die Form eines Artikels gegossen und ist dabei zu folgendem Schluss gekommen: "Jetzt, mit 36, glaube ich, dass die Mode neben Joghurt zum ultimativ Bösen gehört." Vielleicht sollten sich die Anhänger der Autorin zu einem Sit-In vor dem nächsten Joghurtregal treffen.
Die schlechte Nachricht ist: Der Mode entkommt man nicht. Man kann auf die Vogue spucken und die Elle zu Toilettenpapier erklären, man kann um Modeboutiquen einen Bogen machen und all die bösen Fernsehsender, auf denen die noch viel böseren Modelshows laufen, aus der Programmleiste löschen. All das wird einem für eine gewisse Zeit Befriedigung verschaffen. Bis man irgendwann vor dem Spiegel steht und sich fragt, was man heute anziehen soll.
Greift man zum schicken Outfit, dann ist man ein willenloses Fashion-Victim, jemand, der mit den anderen im Chor blökt. Greift man zum bewusst unmodernen Outfit, bestätigt man erst Recht die Macht der Mode. "Ich hasse Mode", sagt man mit dem Schlabberpulli, den man in aufwändiger Heimarbeit selbst gestrickt hat. Und unterstreicht durch die Verneinung, wie wichtig man die Mode nimmt.
Was daraus folgt? Wir müssen mit der Mode leben. Also, liebe Zeitgenossen, behandelt sie gut, dann wird auch sie euch gut behandeln - und ein Auge zudrücken wenn ihr das nächste Mal wieder zu Crocks statt Pumps greift. (hil/derStandard.at, 08.02.2010)