Über sieben Brunnen musst du gehen

9. Februar 2010, 09:49
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    Nikolsdorf galt als Textilzentrum von Wien, es wurde im 18. und 19. Jahrhundert Seide hergestellt - Heute hat zum Beispiel noch der Designer Thang de Hoo sein Atelier dort

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    Zwei Häuser in der Siebenbrunnengasse erinnern noch an das alte Stadtbild

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    Die Jubiläumssynagoge in Margareten wurde in der Reichskristallnacht 1938 zerstört

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    Die Justizanstalt Mittersteig blieb stehen

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    Heute erinnert eine Tafel am Nachbarsgebäude an das Verbrechen der Nationalsozialisten

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    Hier betrieb einst Bernhard Altmann seine Textilfabrik

Der Verein "read!!ing room" erzählt beim Rundgang Wissenswertes über Margareten, u.a. warum die Keller so feucht sind

Wien - Dicke Schneeflocken fallen vom Himmel. Liegen bleiben sie nicht, dafür sorgt ein eisiger Wind. In der Anzengrubergasse im fünften Wiener Gemeindebezirk versammelte sich an einem Sonntagvormittag dennoch eine Gruppe frierender Menschen, um gemeinsam den Bezirksteil Nikolsdorf und das Grätzl um die Siebenbrunnengasse zu erkunden. Der Verein "read!!ing room" lädt unter dem Titel "Über sieben Brunnen musst du gehen" regelmäßig zu Führung. Eine ältere Dame kramt aus ihrer Börse einen Geldschein hervor. Thierry Elsen, der Rundgänge ehrenamtlich gestaltet, winkt ab: "Hören sie sich erst einmal an, ob es ihnen gefällt. Den Hut lassen wir danach herum gehen."

Margareten ist einer der dichtest besiedelten Bezirke Wiens mit der geringsten Grünfläche. Mehr als dreißig Prozent sind Verkehrsfläche. Was heute kaum noch zu glauben ist: Durch den feuchten Boden war Margareten besonders fruchtbar. Von den landwirtschaftlichen Betrieben im Umkreis zeugen heute noch einige Gassennamen wie Gartengasse, Windmühlgasse oder Heumühlgasse. "Bis zum 18. Jahrhundert wurde auch Wein angebaut", sagt Elsen.

1562 ließ Ferdinand I. mit der Siebenbrunner Hofwasserleitung eine eigene Wasserzufuhr für den kaiserlichen Hof errichten. Das Wasser wurde zunächst in sieben Brunnen gesammelt und zu einem Reservoir unter der Augustinerbastei und von dort in die Hofburg geleitet. Durch den Margaretenbrunnen am Margaretenplatz erlaubte der Kaiser ab 1829 auch den Bürgern die Nutzung der Hofwasserleitung.

Bürgerliches Wieden, Arbeiterbezirk Margareten

Margareten ist ein relativ junger Wiener Bezirk, da er erst 1861 von Wieden abgetrennt und als selbständiger Bezirk eingerichtet wurde. Die sieben ehemaligen Vorstädte Margaretens (Matzleinsdorf, Laurenzergrund, Hungelbrunn, Margareten, Hundsturm, Reinprechtsdorf und Nikolsdorf) wurden damals zum fünften Bezirk zusammengefasst. Er ist daher der einzige Bezirk innerhalb des Gürtels, der nicht an den ersten Bezirk grenzt. Die Trennung hatte auch soziale Gründe, wird beim Rundgang erzählt: "Diese neue Grenze trennte das eher bürgerliche Wieden von dem vorwiegend von Taglöhnern besiedelten peripheren fünften Bezirk."

Seidenspinner und Maulbeerbäume

Das spiegelte die Architektur wider: In Wieden entstanden viele repräsentative Gebäude, vorwiegend im Gründerzeitstil. Margareten wurde von kleineren, fast ländlichen Häusern geprägt. An das alte Stadtbild erinnern zwei Gebäude in der Siebenbrunnengasse. Im fünften Bezirk lebten im 19. Jahrhundert vorwiegend Handwerker und Arbeiter. Nikoldsdorf war als Textilviertel bekannt. Im 19. Jahrhundert wuchsen dort viele Maulbeerbäume, von denen sich Seidenspinner ernähren. Die Nikolsdorfer Frauen sponnen die Seide im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, mit denen sie den Hof belieferten.

Die nächste Station ist ein unscheinbares Gebäude am Anfang der Siebenbrunnengasse, wo die Straße eine Kurve macht. Dort stand die Kaiser Franz Josef Jubiläumssynagoge, die in der "Reichskristallnacht" 1938 verwüstet und niedergebrannt wurde. Heute erinnert nur noch eine Tafel an das ehemals rege, jüdische Gemeindeleben in Margareten. Der Besitzer des Hauses, das auf dem Grundstück der zerstörten Synagoge entstand, weigerte sich, eine Gendenktafel anbringen zu lassen. Daher hängt diese nun am Nachbarhaus, der Justizanstalt Mittersteig, die zeitglich mit der Synagoge errichtet wurde. Der Text lautet: "Auf dem benachbarten Grundstück entstand 1908 bis 1910 nach Plänen des Architekten Jakob Gartner erbaute Synagoge. Zerstört in der Reichskristallnacht am 10. November 1938." Thierry Elsen schmunzelt: "Eine typisch wienerische Lösung."

Dabei handelt es sich nicht um das einzige Zeugnis des nationalsozialistischen Terrors in Margareten. Ein paar Schritte weiter in der Siebenbrunnengasse 23 erinnern Figuren von einem Betrieb, der dort untergebracht war: Bernhard Altmann Textil. Heute ist die Familie vor allem noch in Wien bekannt, da der Bruder des Textilfabrikaten, Fritz Altmann, 1937 Maria Altmann (geboren Bloch-Bauer) heiratete. Nach dem Anschluss wurden die Familien zum Ziel antisemitischer Verfolgung. Fritz Altmann wurde in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Maria Altmann kam nach Berlin und wurde von der Gestapo gezwungen, der Arisierung des Betriebes von Bernhard Altmann zuzustimmen. Den Altmanns wurden von den Nazis zahlreiche Kunstschätze geraubt, bis heute wurden erst 36 Bilder zurück gegeben, darunter ein Portrait der Adele.

Sieben Brunnen, feuchte Keller

Endstation des Spaziergangs ist der Siebenbrunnen am gleichnamigen Platz, ein Denkmal für die sieben Quellen in Margareten. Damit erklärt sich auch ein Phänomen im fünften Bezirk: "Da noch immer Bäche und Flüße unterirdische fließen, sind die Keller teilweise sehr feucht." (jus, derStandard.at, 09. Februar 2010)

Nächste Führung

"Weibs.bilder. Eine kult.tour den Margaretner Frauen gewidmet"

Weitere Informationen auf "read!!ing room"

Information

"read!!ing room" - Verein zur Förderung von Alltagskultur wurde 2004 gegründet. Die Lokalität besteht bereits seit 2002. Der Verein wird mit 700 Euro aus dem dezentralen Kulturbudget von Margareten gefördert und finanziert sich weiters über Spenden. Mitmachen können alle Interessierten, die zum Beispiel Lesungen, Ausstellungen oder Führungen veranstalten wollen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 62
1 2
torch
 
00
20.4.2012, 20:10
Von den landwirtschaftlichen Betrieben im Umkreis zeugen heute noch einige Gassennamen wie Gartengasse, Windmühlgasse oder Heumühlgasse.

Hmmm...

was hat die Windmühlgasse im VI. nun mit dem V. zu tun?
(Im VI. gab es übrigens mehrere Windmühlen...)

Ist aber alles nicht so wichtig...

emga86
00

der 5. is super! bin hier her gezogen und jetzt schon 2 jahre zufrieden, alles da was man braucht, hoffe nur er wird nicht verbobosiert, die solln lieber im 7 und 6 bleiben vonmir aus auch im 8 ;-)

Fanny B
02

er ist fein, aber auf Dauer war er mir zu bebaut, weit und breit kein Grün

infooooo
 
00
21.7.2011, 10:49

ja, das stimmt leider.

window in the skies
14
15.2.2010, 11:29
"Flüße"

Autsch.

cannery row
00
12.2.2012, 15:12
..

die neue qualität.

Herr Plumm
00
11.2.2010, 06:37

2 bild von oben: da sind die "hells angels" drin...sicher lustig dort :-)

Nebentext
 
11
10.2.2010, 09:19
Wohne gerne dort....

..der 5. Bezirk war meine neue Heimat, als ich nach Wien zog (aus OÖ) und ich mag das urbane. Einfach toll, wenn Supermärkte und Bäckereien auch Sonntag Nachmittag geöffnet haben....

rigardi
00
14.4.2010, 21:40

bin Ende Februar 09 über Umweg Salzbug auch aus OÖ nach Wien gezogen und zuerst im 5. gelandet. Hauptgrund für meinen schnellen Weiterzug wars zwar nicht, aber Margareten ist mir schon zu verstädtert.

Wobei ich damals sicher den "ärgeren" Teil erwischt hab (habe schräg gegenüber vom Matzleinsdorfer Platz in der Schusswallgasse gewohnt).

Simplicius Simplicissimus
01
10.2.2010, 07:05
Auf dem 2. Bild von oben ...

... kann man die roten Buchstaben "Hel" lesen. Hier befinden sich die "Hell's Angels". Ein Lokal in der Siebenbrunnengasse ist besonders erwähnenswert: die "Bunte Kuh".

zimbo
 
01
10.2.2010, 09:01
Ja, die bunte Kuh ist Spitze.

Adam Markus
00
10.2.2010, 02:27

Erwähnenswert ist jedenfalls, dass sich in der Heumühlgasse im Innenhof eines Neubaus, die Heumühle, das älteste Haus Wiens befindet. Es soll aus dem 13-14 Jahrhundert stammen und wurde unlängst erst renoviert. Sehr sehenswert!

Grizzlybear
01
15.2.2010, 10:34
Das stimmt,

hat aber mit Margareten nichts zu tun, weil es im 4. Bezirk steht. Streng genommen ist es auch nur der älteste Profanbau Wiens.

ubu roi
04
10.2.2010, 10:40

ja, man sieht dort, was "kaputtrenovieren" bedeutet und wohin mangelnder ensembleschutz führt. das ist in der tat sehenswert.

Kendall Von Tharn
04
10.2.2010, 07:39

schon, gehört aber zu wieden und ist der älteste PROFANBAU wiens

Queen of Sheba
 
03
Dafür kann man in den hässlichen Neubauten 15 EURO pro Quadratmeter Miete verlangen.

Fillet of Soul
21
10.2.2010, 16:11

verlangen können´s auch mehr als 15 euro, zum beispiel 30 euro

Queen of Sheba
 
02
10.2.2010, 16:19
Sehr witzig.

OGHaha
511
Und den verharmlosenden Begriff "Reichskristallnacht" sollte man auch nicht mehr verwenden...

Proconsul
01

Naja, verharmlosend ist dieser Begriff ja nicht unbedingt, jeder weiss sofort, was damit gemeint ist.

Bei "Novemberpogrome" müssen die meisten mal nachschlagen...

Aurora17
20
10.2.2010, 09:17
DANKE 1000 grüne Stricherl

139
01

"die in der Reichskristallnacht 1939"

Ist jetzt nicht so wichtig für den Artikel, aber es ist (wie auch an 2 anderen Stellen richtig geschrieben) 1938

werwolfi
28

"Der Besitzer des Hauses, das auf dem Grundstück der zerstörten Synagoge entstand, weigerte sich, eine Gendenktafel anbringen zu lassen. Daher hängt diese nun am Nachbarhaus,"

auf einer zusatztafel möge bitte noch der name dieses dolms veröffentlicht werden, danke :o)

miette
00
31.7.2010, 16:03
ja, das wär allerdings eine gute idee, den namen zu veröffentlichen.

die argumente, mit denen sich dieser besitzer weigert, würde ich auch gerne mal hören.

OGHaha
01

Na ja, mittels "Norc" "vorbeigefahren", wahrscheinlich ein Wohnungseigentümerhaus, mit x Eigentümern, die alle unter einen Hut zu bringen ist fast unmöglich (ist übrigens "Ultras 1988" auf die Fassade geschmiert).
Ist auch in Simmering, in der Braunhubergasse gescheitert, da ist die Gedenktafel im Park visavis.
Und wenn das Justizgebäude am Mittersteig schon "damals" von der "Justiz" verwendet wurde, wird sich dort eh auch "einiges" abgespielt haben. Da sollte man möglicherweise die Tafel gleich ergänzen.

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