Bei den neuen Windows-Tablets scheint Microsoft nicht aus alten Fehlern gelernt zu haben, während iPad & Co. ins Rampenlicht rücken
Außer drei Prototypen von Windows 7-Tablets hatte Microsoft-Chef Steve Ballmer auf der vergangenen CES 2010 im Jänner nichts in Sachen Computer-Revolution vorzuweisen. Und selbst bei der Präsentation wirkte Ballmer nicht gerade überzeugend. Drei Mal brauchte er, um Kopf über gebeugt die Abspiel-Taste des Media-Players mit seinem Zeigefinger zu treffen, bis schließlich das Demo-Video irgendwo in der Mitte startete.
Microsofts Smartphone-Dilemma, als weltweit führender Softwarehersteller den Sprung vom PC auf eine neue Plattform nicht zu meistern, droht sich zu wiederholen.
Der Erste wird der Letzte sein
Wenige Wochen später hatte es Apple wieder geschafft. Die Präsentation der eigenen Version und Vision eines Tablets konnte zwar nicht restlos begeistern, doch wenn dieser Tage vom Tablet-PC die Rede ist, kommt einem nun unweigerlich das iPad in den Sinn. Und das nachdem Microsoft so viele Jahre zuvor bereits versucht hatte, mit portablen Touchscreen-Computern den Markt neu aufzurollen. Bill Gates, nicht Steve Jobs hatte eine Welt voll "digitaler Schiefertafeln" prophezeit. 2002 war er es, der im Rahmen seiner damals jährlichen CES-Keynote einer kritischen Schar an Technologie-Insidern die Möglichkeiten eines solchen "Wunderdings" unterbreitete.
Und jetzt? Links und rechts vom iPad türmen sich allmählich weitere Konzepte, Prototypen und reale Produkte, die allesamt mehr mit dem iPad verglichen werden, als mit Gates einstigen Entwürfen. Googles Browser-basiertes Betriebssystem ChromeOS und die offene Handy-Plattform Android reihen sich an vorderster Front in die Schlagwortkette. Daneben versprühen auch "No-Names" mit viel versprechenden Ansätzen Hoffnung. Das Web-Tablet "JooJoo" springt praktisch aus dem toten Winkel der Konsumenten bereits Ende Februar in den Handel. Mit frischen, eigenen Ideen und vor allem eines: Ohne Windows und Microsoft an Bord.
Der erste richtige Ansatz
Weshalb hat dieses Konzept des Tablet-PCs Jahrzehnte lang nicht funktioniert und warum glauben Branchenbeobachter und Industrievertreter jetzt plötzlich daran? Eine Erklärung ist, dass seit dem Erfolg des iPhones viele Apples Herangehensweise an Touchscreengeräte und in Folge dessen der Technologie im allgemeinen mehr Vertrauen schenken. Apple hat als erstes Unternehmen verstanden, dass die Benutzeroberfläche vor allem bei Computern, die man mit den Händen bedient, eine tragende Rolle einnimmt. Es scheint, als spiele es eine wesentlich wichtigere Rolle, wie einfach und intuitiv man ein Smartphone benutzen kann, als die Summe seiner tatsächlichen Funktionen. Eine Vorstellung, die sich auch auf die Tablet-PCs übertragen lässt.
Das iPad, die Android-Tablets, die künftigen ChromeOS-Geräte und auch die Außenseiter wie das JooJoo haben mehr mit den Top-Smartphones gemeinsam, als mit den Windows-/Linux-PC und Macs auf den Schreibtischen dieser Welt. Obgleich die Foren humorvoll spotten, nur "Chuck Norris weiß, wofür man das iPad braucht", scheint gewiss, dass sich Tablets zwischen Laptop und Handy auf ausgewählte Aspekte wie Internet-Surfen, Email und Medienkonsum spezialisieren werden. Die Idee dahinter ist, die wesentlichen Bedürfnisse eines durchschnittlichen Computernutzers möglichst anwenderfreundlich abdecken zu wollen. Damit könnte man die Möglichkeiten des Computers und das WWW auch einer Vielzahl bislang unerreichter Menschen zugänglich machen, die mit konventionellen Interfaces und Mauszeigern eher schlecht zurechtkommen. Technikaffine Menschen böte man zumindest einen natürlicheren, bequemeren Weg um dem alltäglichen Medienkonsum nachzugehen.
Problem Windows
Und genau hier liegt Microsofts Problem. Mit einem Windows-Tablet wird man es schwer haben, diese postulierten Ziele erfüllen zu können. Windows in seiner derzeitigen Form ist nicht auf die manuelle Eingabe ausgelegt. Dafür ist der Aufbau samt Startmenü, verschachtelter Einstellungen und Ordnerstrukturen zu komplex. Selbiges Problem hat sich mit der Etablierung der Touch-Phones übrigens auch bei Windows Mobile als Stolperstein erwiesen. Nach einem Frühstart am Handy-Markt ist Microsoft hier zum Nachzügler gewandelt. Die Wende soll das vermutlich im Herbst erscheinende Windows Mobile 7 bringen. iPhone, Android und Palms WebOS werden dann bereits einige Jahre Zeit gehabt haben, sich zu etablieren.
Microsofts konservative Vorgehensweise beim Tablet-PC überrascht daher nicht. Zwar hätte man der Vorreiter in diesem Segment sein können, doch entschied man sich gegen einen radikalen, neuen Ansatz und packte auf die vermeintlichen Bücher der Zukunft lediglich die Geschichten bzw. die Software der Gegenwart. Auch in diesem Fall war die Vorgehensweise symptomatisch für die Geschäftspolitik des Unternehmens. Obwohl man ausnahmsweise die Eigeninitiative ergriff, lehnte man sich danach einmal zurück und wartete die Marktentwicklung ab. Wie zuvor beim Internet, bei MP3-Playern, Spielkonsolen oder bei Touchscreen-Handys lässt man sich anscheinend nun bei Tablets Zeit, bis ein funktionierendes System den Weg geebnet hat. "Wenn ein Produkt nicht wenigstens 50 Millionen Abnehmer zu finden verspricht, ist es nicht interessant fürs Geschäft", soll Ballmer einst gesagt haben.
Nicht der Weisheit letzter Schluss
Es wird sich zeigen müssen, ob Microsoft mit dieser Verfolger-Strategie Erfolg haben kann oder zumindest der Preis für einen späteren Erfolg nicht zu hoch wird. Noch ist der Windschatten recht groß. Obwohl das iPad in aller Munde ist und das Konzept eines "iPod Touchs für Riesen" ein weiterer Hit werden könnte, hat Apple den Mitbewerbern jede Menge Angriffspunkte gegeben. Selbst wenn mancher Orts die offensichtlichen Schwächen des ersten Wurfs als vermeintliche Stärken interpretiert werden, gibt es noch jede Menge Luft für Mitspieler. Das Interessante dabei ist, dass der Markt noch genauso unscharf ist, wie die angenommenen Bedürfnisse der Anwender.
Wollen die Konsumenten einen Tablet nach Apples eng abgestecktem Nutzungsdesign oder erwarten sie von einem derartigen, recht großen und vielseitigen Gerät doch die Offenheit eines vollwertigen Computers? Reichen die Früchte des App Stores oder wird man auf seinem Tablet auch unautorisierte Programme installieren wollen? Nehme ich den Verzicht auf heute Web-essentielle Technologien wie Flash in Kauf oder ist ein Internet-PC ohne Web-Games und Web-Videos außer Youtube ein untragbarer Kompromiss? Vielleicht braucht es ja gar keine lokalen Anwendungen und man begnügt sich wie Googles ChromeOS mit dem Besten, was das WWW zu bieten hat. Bestehe bei einem Tablet-PC auf Wahlfreiheit bei medialen Angeboten oder schlucke ich, was auch immer aus den iTunes dieser Welt herausströmt? Und würden Video-Chats auf der Couch nicht wirklich Sinn machen...
Aufbruchsstimmung mit Assen im Ärmel
Die Sonne geht also gerade erst auf und noch weiß niemand so genau, was der Morgen bringen wird. Das einzige was sicher zu sein scheint, ist der Bedarf nach neuen Interface-Lösungen. Hier hat Apple definitiv die besten Karten in der Hand. Microsoft wird sich jedoch nicht nur um das iPad sorgen machen müssen, sondern vor allem um die vielen Alternativen die bereits in den Startlöchern scharren. Neben proprietären Lösungen zwingen Open-Source-Angebote wie ChromeOS, Android und Linux die Entwickler aus Redmond aufs Gas zu steigen. Sollte es die "Kostenlos-Fraktion" mit Google an der Speerspitze vor Microsoft schaffen, attraktive Tablet-Plattformen aus dem Hut zu zaubern, droht Ballmers Truppe wie bei Smartphones der Markt wegzubrechen. Weshalb sollten die HPs und Dells dann noch für Windows-Lizenzen zahlen.
Booklet, die Antwort auf Tablet?
Die Frage ist, ob bereits an einer speziellen Windows-Version geschraubt wird, welche die Interface-Mängel der ersten Windows-Tablets bereinigt. Bereits vor einigen Monaten kamen erste Info-Happen zu einem neuartigen "Booklet-PC" auf - ein Tablet mit zwei Bildschirmen. Obwohl von Unternehmensseite noch jegliche Großankündigung fehlt, sollen mittlerweile erste Prototypen im Umlauf sein. Ähnliche Geräte auf Basis von Windows 7 zeigten Asus und MSI bereits auf der diesjährigen CES. Vor 2011 rechne aber niemand mit der Markteinführung. Microsofts "Courier" getaufter Entwurf zeigt aber zumindest, dass man sich auch intern ernsthaft den Kopf über die Zukunft des Tablet-Interfaces zerbricht.
Man sollte definitiv auch das kommende Windows Mobile 7 im Auge behalten, das mit Hilfe jener Designer geschmiedet wird, die bereits die Software des Zune HD glänzen ließen. Zieht man in Betracht, wie lange bereits die Aufholjagd mit Windows Mobile anhält, kann es noch eine Weile dauern, bis das Tablet-Windows aus der Pipeline schießt. Ballmers Anstoß Anfang Jänner erreichte jedenfalls lediglich die Gegenspieler. Mit der Kraft des Betriebssystem-Monopols in den Beinen, läge es aber an den Redmondern den Ball zu spielen.
(Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 9.2.2010)