Nicht sofort. In hundert Jahren vielleicht. Und auf dem Weg dorthin würde es zu innerkirchlichen Machtkämpfen und Spaltungen kommen
Der Berliner Pädophilie-Skandal weitet sich aus. Mehr als 90 Verdachtsfälle meldete Der Spiegel am Wochenende rund um ein Jesuitenkolleg. Mittlerweile vergeht keine Woche, ohne dass irgendwo auf der Welt ein Pädophilie-Skandal die katholische Kirche erschüttert.
Oft sind es nur kleinere lokale Beben, manchmal ein Flächenbrand wie in Irland. Aber die Ereignisse fügen sich zu einem Gesamtbild: Die Fokussierung der priesterlichen Gefühle auf ein ehernes Gottesbild wird immer schwächer, denn die schwindende Macht der Kirche kann die Publizierung der Verfehlungen nicht mehr verhindern. Und weil die Erotisierung der Gesellschaft selbst vor den Mauern der Klöster nicht haltmacht: Nicht nur Kinder, selbst Padres können Pornos googeln. Sodom und Gomorrha. Der Satan greift an.
Die Protestanten und die Altkatholiken haben zwar ebenfalls mit Priestermangel zu kämpfen, und evangelische Traditionalisten sind erschüttert über Scheidungen oder gar wilde Ehen im protestantischen Klerus.
Andererseits gibt es bei Lutheranern und Calvinisten nicht jene tabuisierte Zone, die Gustav Seibt vor wenigen Tagen im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung den "Dunkelraum Kirche" genannt hat. Den hat es zwar immer gegeben, aber die meisten Historiker haben ihn verschwiegen - bis herauf in die heutige Zeit, da Kirchenführungen den Touristen eine purifizierte Kirche voller Heiligkeit und künstlerischer Hingabe vermitteln.
Das Ende des Zölibats würde, oberflächlich betrachtet, künftigen Priestergenerationen das Leben erleichten. Die Ordination von Frauen wäre eine unmittelbare Folge, das Katholische würde sich dem Protestantischen mit Riesenschritten nähern. Das aber bedeutete die Selbstaufgabe des katholischen Patriarchats. Freude kommt da keine auf. Schon gar nicht im römischen Vatikan.
Denn die Träger des Papsttums denken in langen historischen Zeiträumen. Sie wissen, dass die Aufgabe des Zölibats letztlich das Ende des Papsttums bedeuten würde. Nicht sofort. In hundert Jahren vielleicht. Und auf dem Weg dorthin würde es zu innerkirchlichen Machtkämpfen und Spaltungen kommen.
Die wahrscheinlichere Variante ist eine Verkleinerung der katholischen Kirche und der Verzicht auf den globalen Führungsanspruch. In Südamerika ist die Hierarchie noch ein Faktor, in Europa nicht mehr. Die alten Kirchen sind nach wie vor voll, aber mit Touristen, nicht mit Gläubigen. Die Finanzquellen sprudeln längst nicht mehr wie früher. Und einstmals reiche Erzdiözesen wie die von Chicago haben durch Millionenzahlungen an die Opfer ihrer Priester und Bischöfe schwere Krisen erlebt.
Das Charisma großer Kirchenführer wie des polnischen Papstes überstrahlt das kirchliche Hadern mit der Welt. Der bayrische Papst führt Rom zurück in den Alltag schwacher Oberhirten und rückt eine plausible Zukunft (zumindest für Europa) ins Zentrum der Betrachtung: kleine lokale Herden unter der Führung papsttreuer Hirten, die sich in gleichgerichtetem Geiste um ihren obersten Schäfer scharen. Und das (materielle) Erbe schützen.(Gerfried Sperl/DER STANDARD, 8.2.2010)