Wien - Das Protokoll ist ein Hund. Deshalb hatte Maximilian Platzer Freitagnacht in der Wiener Hofburg keine andere Wahl, als Martin Graf namentlich willkommen zu heißen: Der Obmann der Wiener Kaffeesieder eröffnete den 53. Kaffeesiederball - und wenn das Klischee Kaffeehaus das Klischee Wien mit dem Klischee Ball feiert, ist Tradition eben alles. Eine davon besagt, den Präsidenten des Nationalrates einzuladen.
Blöd, wenn just der Dritte kommt. Noch blöder, dass das Protokoll seine Begrüßung gebietet. Als Platzer Graf willkommen hieß, hob sich Murren. Doch als aus diesem erste Pfiffe und Buhrufe wurden, hatte der Cafétier hörbar Gas gegeben - und war längst bei anderen Ehrengästen: Wer will schon Dagmar Koller auspfeifen?
Umso demonstrativer wurde applaudiert, als Alejandro Diaz, Mexikos Botschafter, als Vertreter des diesjährigen "Themenlandes" auf Mexikos Nichtanerkennung des "Anschlusses" 1938 hinwies.
"Alles Walzer"
Doch dann rief Thomas Schäfer-Elmayer "Alles Walzer" - und in den weitläufiger denn je geöffneten Saalfluchten vergaßen 6000 Besucher die Echtwelt jenseits der imperialen Operette "Ball".
Vor allem in der erstmals von Menschen betanzten Winterreitschule fiel das auf: Als Tini Kainrath das barocke Lipizzaner-Theater rockte, tanzten auf den Galerien Damen in Roben und Herren im Frack - Set, Sound und Setting wirkten so mondän-überzeichnet wie Kasino-Szenen in James Bond-Filmen: "Der Traum jedes Tourismuswerbers: So wollen sich die Wiener präsentiert sehen", analysierte die Historikerin und Habsburg-Forscherin Katrin Unterreiner.
Ball der UN-Atomenergiebehörde
Jenes Quäntchen Glanz, das noch draufgepasst hätte, erkannte da nur, wer auch in der Nacht darauf in der Hofburg tanzte. Beim Ball der IAEO, der UN-Atomenergiebehörde: kleiner (4000 Gäste) und weniger opulent inszeniert - aber bunter bevölkert. Die Zahl der in der Hofburg gesprochenen Sprachen übertraf jene der hier in der Zeit des habsburgischen Vielvölkerstaates gehörten deutlich.
Zur Eröffnung tanzte IAEO-Chef Yukiya Amano mit seiner Frau Yukika den ersten Walzer zwischen Wiener Debütanten. Und das Bild von Frau Amanos Kimono inmitten der Ballkleider ließ Eröffnungszeremonienmeister Thomas Schäfer-Elmayer nicht mehr los: "Wien war so lange ein stilvolles, aber verstaubtes enges Dorf - umso erfrischender und schöner ist es, diese Öffnung zur Welt auch auf Bällen zu erleben." (DER STANDARD Printausgabe 8.2.2010)