Zum 14. Mal moderierte Alfons Haider die Opernball-Übertragung - Über Märchen und bürgerliche Verlogenheit, Xenophobie, Ioan Holender und Homosexualität sprach mit ihm Petra Stuiber
Standard: Sie sagten in "Willkommen Österreich", wir lebten in einem "verlogenen, verschissenen Land". Gibt es Landesteile, für die das mehr, und solche, für die das weniger gilt?
Haider: Das ist eine Spätabendsendung, ein provokatives Format. Ich saß dort als Privatperson, nicht als ORF-Moderator. Ich habe mehr als 1000 Sendungen moderiert und habe das nicht ein einziges Mal ausgenützt, um meine eigene Meinung zu präsentieren. Ich bin halt vorgeführt worden vom genialsten Duo, das es gibt - Stermann und Grissemann.
Standard: Das war Ihnen nicht vorher klar?
Haider: Wenn man dort hingeht, muss man das wissen. Aber ich bin ja auch in einer Liebenswürdigkeit eingeseift worden, die ich mir nicht vorstellen konnte. Die zwei waren vordergründig aggressiv, aber sie haben mich von der ersten Sekunde an gemocht. So was spüre ich. Meine Wortwahl war nicht die geschickteste. Ich habe mich provozieren lassen. In einem Club 2 hätte ich das so sicher nicht gesagt. Aber inhaltlich stehe ich dazu. Wir feiern, dass wir das familienfreundlichste Land sind, dabei haben wir die höchste Suizid-Rate unter Jugendlichen. Es gibt einen Pfarrer, der fast Bischof geworden wäre, der sagt, dass die Haitianer am Erdbeben selbst schuld sind, weil sie an Voodoo glauben. Da schreit keiner "Skandal". Aber gleichzeitig rufen an einem Abend 22.000 Schlechtverdiener beim ORF an und spenden für Haiti 1,3 Millionen Euro. Da sind vielleicht auch jene dabei, die gegen Arigona Zogaj sind. Das ist diese Mischung aus Herz am rechten Fleck und rechtem Fleck am Herzen. Übrigens habe ich eine Umfrage gelesen, wonach mir 70 Prozent der Österreicher im Grunde recht geben. Also bitte: Welcher Politiker hat 70 Prozent Zustimmung?
Standard: Ist das Ihr nächstes Karriere-Ziel: Politiker?
Haider: Hab ich einen Vogel? Faymann, Pröll und Co tun mir leid. Die können nur noch reagieren: auf die Krise, die EU-Vorgaben, die Medien, die sie sich selbst gezüchtet haben. Ich habe ja auch keine Lösungsvorschläge für die vielen Probleme, die es gibt. Aber ich werde doch das Recht haben zu sagen, wenn mir etwas nicht gefällt oder etwas nicht korrekt ist.
Standard: Was ist nicht korrekt?
Haider: Dass meine Mutter angepöbelt wird meinetwegen; dass die Disco-Feschisten unsere Jugend einkassieren; und dass, wenn ein Fernsehfuzzi, ein angebliches Hochglanzgesicht wie ich, so was sagt, das solche Reaktionen auslöst. Da stimmt etwas nicht.
Standard: Was ist ein Hochglanz-Gesicht?
Haider: Einer, der vom ORF für Gala-Moderationen gebucht wird. Wenn die Rechten sagen, ich soll gefälligst meine Gosch'n halten, weil ich kassiere dort so viel, kann ich nur sagen: Ich verdiene gutes Geld, weil ich einen harten Job professionell erfülle.
Standard: Auch viele höflichere Internet-Poster meinten, Sie sollten den Opernball nicht moderieren, wenn Sie so kritisch gegenüber Österreich sind.
Haider: Offenbar wird man in Österreich mit Schwarz-Weiß-Denken geboren. Ich habe in 13 Jahren Moderatoren-Tätigkeit nie dem Opernball geschadet, nie jemanden blamiert oder meine Partner in Verlegenheit gebracht, ich habe das Spiel immer gut mitgespielt.
Standard: Welches Spiel?
Haider: Dass sich die Oper für ein paar Stunden in ein Märchenschloss verwandelt, der Bundespräsident zum demokratisch gewählten Kaiser wird und sich alle in diesem Märchen bewegen.
Standard: Das ist nicht verlogen?
Haider: Nein. Es behauptet ja niemand, dass das die Wahrheit ist. Das ist ein Aushängeschild für Wirtschaft und Tourismus - die würden brüllen, wenn es den Ball nicht mehr gäbe. Kein anderes Event wird weltweit so gestreut. Außer vielleicht die Angelobung von Schwarz-Blau vor zehn Jahren. Das ging auch um die Welt.
Standard: Wenn Sie das moderieren, unterstützen Sie die Ambivalenz, die Sie anprangern. Bürgerliche Eleganz und Anständigkeit, die dort gezeigt wird, ist eben nicht die ganze Wahrheit über Österreich.
Haider: Da kann ich nur mit Lotte Tobisch kontern, die gesagt hat: Es gibt keine Veranstaltung auf der Welt, wo nur anständige Leut' hingehen. Ich mache dort meinen Job leidenschaftlich gerne - auch, wenn mich der Herr Holender vom ersten Tag an abschießen wollte. Der Opernball ist die Streif der Moderatoren, dort sind schon die Größten abgerutscht.
Standard: Ioan Holender warf Ihnen zuletzt vor, Sie seien xenophob, weil Sie ihn "alternden rumänischen Tennislehrer" nannten. Warum sagen Sie so etwas?
Haider: Ich bin so was von nicht xenophob. Aber Menschen, die austeilen, müssen auch einstecken können. Was der Herr Direktor in den letzten Jahren über mich gesagt hat: So sehr kann und will ich mich gar nicht revanchieren.
Standard: Es gab den Vorschlag, Arigona Zogaj zum Opernball einzuladen. Eine gute Idee?
Haider: Nein. Und ich finde es schockierend, dass ich das, als Pate und Freund, sagen muss. Weil es Neider auf den Plan rufen würde. Das wäre schlecht für sie.
Standard: Sie stehen der SPÖ nahe und mögen beide Prölls. Innenminister beider Parteien waren maßgeblich beteiligt, dass "manche Flüchtlinge bei uns wie Tiere behandelt werden", wie Sie sagten. Stört Sie das nicht?
Haider: Ich habe Ministerin Fekter getroffen und mit ihr über Arigona geredet. Die hat nichts gegen sie, sondern erfüllt eine politische Funktion. Das Problem ist das System: Beide Parteien haben versagt, Ausländer in Österreich ankommen zu lassen, sie zu integrieren. Und die FPÖ nützt das aus.
Standard: Wieso würden Sie sich nicht mehr outen? Vielleicht hätten Sie sich davor nicht als Schwiegersohn der Nation aufbauen sollen?
Haider: Na ja: "Sich aufbauen" ist übertrieben. Ich war 20, spielte den Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl und habe gar nicht gemerkt, was da passiert. Ich habe mich ja nicht als Traum-Schwiegersohn gesehen. Ich habe mich mit meiner Sexualität nicht ausgekannt und im Traum nicht gedacht, dass das die Öffentlichkeit etwas angehen könnte. Ich habe auch nicht damit gerechnet, wie sich meine Familie und Freunde rechtfertigen müssen. Außerdem: Schwulsein vor dreißig Jahren war lang noch nicht gesellschaftsfähig.
Standard: Hätten Sie keine Karriere gemacht?
Haider: Nicht im Breitenmedium Fernsehen. Sicher: Nach meinem Outing sind einige, von denen ich es nicht erwartet hätte, hinter mir gestanden - zum Beispiel Monika Lindner. Aber die meisten haben gesagt: Wir haben's ja eh alle gewusst, aber musst du unbedingt darüber reden? Ich versuche seit Jahren, nicht mehr über meine Sexualität zu reden. Aber es kommt immer wieder, wie die Teufel, die man rief. Und die Hardliner schreiben schon im ersten Satz: "Du schwule Sau."
Standard: Einige Leute meinten, der aktuelle Eklat diene nur dazu, dass Sie Karten für Ihr neues Kabarett-Programm verkaufen.
Haider: So ein Blödsinn. Der Kartenverkauf ist nach Willkommen Österreich auf null gesunken. Erst jetzt, nach der Premiere, geht es aufwärts. Solche Krisen verkaufen nicht, weil die Leute verwirrt sind. Na schau! (Vor dem Café-Fenster stehen drei Mädchen und winken Haider zu.) Wenigstens die Jugend findet, ich bin kein Arschloch.
Standard: Leben Sie gern in Wien?
Haider: Ich liebe Wien und ich möchte nirgendwo sonst leben. Ich mag die matschkernden Wiener. Ich bin ja selber einer.
Standard: Selbst wenn die Wiener "schwule Sau" matschkern?
Haider: Ich weiß schon, die sind die Minderheit. Nur manchmal fürchte ich mich. Vor ein paar Tagen hat mir hier auf der Mariahilfer Straße ein junger Bub, kaum der deutschen Sprache mächtig, nachgerufen: "Hitler hätte dich vergast." So etwas nehme ich gar nicht zur Kenntnis, der weiß wahrscheinlich nicht einmal, wer Hitler war. Aber dass dann ein sehr gepflegtes älteres Ehepaar stehen bleibt und er zu mir sagt, dass ihm zwar die Diktion nicht gefällt, aber er müsse schon sagen: "So etwas wie Sie hätte es damals nicht gegeben." Der Herr Hofrat in Pension. Da ist mir kalt geworden.
Standard: Wenn Sie provokante Dinge im Fernsehen sagen, werden Sie halt nicht von allen geliebt.
Haider: Aber vielleicht schau ich mich lieber in den Spiegel. Die Zeiten, wo ich unbedingt von allen geliebt werden wollte, sind ohnehin vorbei. Das war früher so. Ich habe als Fünfzehnjähriger hundert Kilo gehabt, furchtbar. Dass man da den Fehler begeht, "erkannt werden" mit "geliebt werden" zu verwechseln, ist klar. Nach meiner ersten Jugendrolle sagten zwei in der U-Bahn: "Das ist doch der aus dem Film ..." Ich dreh mich um, schon haut es mich die Rolltreppe hinunter. Da hätte ich bereits wissen müssen: Pass auf dich auf. (Petra Stuiber, DER STANDARD Printausgabe 8.2.2010)