Ein als skandalös empfundener Aufritt des iranischen Außenministers hat einen US-Senator mit Krieg drohen lassen und Teheran zu einer neuen Provokation verleitet
Es ist wie in einem schlechten Film. "Doktor Salehi" , sagt der iranische Präsident und dreht sich zu seinem Atomwissenschafter, "beginnen Sie jetzt mit der Produktion von zwanzigprozentigem Uran!" Teheran ist erbost an diesem Sonntag, Teheran hat die Nase voll vom Westen und seinen Politikern, die den iranischen Außenminister zerrupft, ihn der Lügen geziehen haben, als Schwadroneur darstellten, den man nicht ernst nehmen könne.
Zwei bis drei Monate habe der Iran den Großmächten im UN-Sicherheitsrat gegeben, um den Handel über die Urananreicherung abzuschließen, erklärt Mahmud Ahmadi-Nejad, der Präsident, am Sonntag bei einem Fernsehauftritt. "Wenn sie nicht einverstanden sind, fangen wir selbst an" , so habe er festgelegt.
In München läuft noch die Sicherheitskonferenz. Ahmadi-Nejads Außenminister war dort plötzlich erschienen. Die Wende im jahrelangen Streit um das Atomprogramm des Iran könnte es sein, so hieß es, Teherans Ja zu jenem Kompromissvorschlag über die Anreicherung, der verhindern soll, dass der Iran einmal Atomwaffen baut. Doch dann redete sich Manucher Mottaki um Kopf und Kragen.
Samstagabend ist es, die Sicherheitskonferenz mit ihren 300 Verteidigungspolitikern, Ministern und Militärexperten ist halb durch, als sich John Kerry zu einem ungewöhnlichen Schritt entschließt. Zusammen mit allen anderen US-Senatoren und Kongressabgeordneten steigt er auf die Pressebühne, die im "Bayerischen Hof" aufgebaut ist. Die Amerikaner reden sich ihren Zorn und ihre Empörung von der Seele. Zehn gegen Mottaki, so soll das aussehen. Dem Schurken aus dem Iran wollen sie das Handwerk legen.
Kerry, der dem mächtigen außenpolitischen Ausschuss im Senat führt, spricht von einer "kritischen Zeit in unserer Geschichte" . Doch vor allem Joseph Lieberman, der neben ihm steht, ist kaum zu bremsen. Mottakis Auftritt sei ein Skandal gewesen, ruft Lieberman aus, "er denkt, er könne einfach bei einer internationalen Konferenz vorbeischauen und reden und reden und den Rest der Welt belügen. Seine Bemerkungen waren lächerlich" . Es stellt den Iran als seriösen Verhandlungspartner infrage, sekundiert John McCain, dem dritten Senator, der diesen Haufen der aufrechten Streiter anführt.
Mottaki war Freitagnacht zu einer kurzfristig anberaumten Debattenrunde im "Bayerischen Hof" erschienen. "Wir nähern uns der Einigung" , hatte er erklärt, den Kompromissvorschlag zur Urananreicherung habe der Iran im Prinzip angenommen. Jetzt gehe es nur noch um die Menge, den Zeitpunkt und den Ort des Urantausches, meinte Mottaki und grinste. Also eigentlich um alles. Deutsche und Amerikaner in München fühlen sich gefrotzelt. "Unsere Hand ist immer noch ausgestreckt, doch sie greift ins Leere" , sagt der deutsche Außenminister Guido Westerwelle.
Alles nur Fantasie
Noch weiter aufgebracht sind die Zuhörer, als der iranische Minister nach Mitternacht dann die Niederschlagung der Demokratieproteste im Iran seit den umstrittenen Präsidentschaftswahlen als Fantasie abtut und über die Nahostpolitik zu schwafeln beginnt. Warum müssten sich Palästinenser und Israels arabische Nachbarn mit Problemen herumschlagen, die in Europa entstanden sind, fragt Mottaki maliziös unter Anspielung auf den Holocaust. Madeleine Albright, die frühere US-Außenministerin, ist zu diesem Zeitpunkt schon aus dem Saal gegangen. Sie war nicht die einzige.
Lieberman aber kann sich nicht mehr beruhigen. "Wir stehen nicht im Konflikt mit dem iranischen Volk", sagt er, "wir sind im Konflikt mit einem fanatischen Regime. Ich hoffe und bete für den Tag, an dem sich das Volk erhebt und das Regime ändert." Und dann droht der amerikanische Senator mit Krieg. "Wir stehen hier vor einer Wahl: härtere wirtschaftliche Sanktionen, um die Diplomatie in Gang zu bringen, oder die Aussicht auf militärische Aktionen gegen den Iran." (Markus Bernath aus München, DER STANDARD, Printausgabe 8.2.2010)
Wissen: Umstrittene Urananreicherung
Uran ist der Ausgangsstoff für Kernenergie. Doch das in der Natur vorkommende Uran enthält nur zu etwa 0,7 Prozent das spaltbare und damit für die Kernenergie verwertbare Isotop Uran-235 - zu wenig, um damit Energie zu erzeugen. Deshalb wird die Konzentration auf drei bis fünf Prozent erhöht. Meist mithilfe von Gaszentrifugen wird aus Natur-Uran ein angereicherter und ein abgereicherter Teil hergestellt. Dieser Vorgang wird als Urananreicherung bezeichnet.
Die Anreicherung auf 3,5 Prozent für den Einsatz in Kernkraftwerken kann der Iran selbst bewerkstelligen. Für den Einsatz in medizinischen Reaktoren - etwa für die Krebstherapie - wird ein Anreicherungsgrad von 20 Prozent benötigt. Uran gilt dann bereits als hoch angereichert. Diesen Schritt will die internationale Gemeinschaft dem Iran nicht im eigenen Land erlauben.
Der Grund: Es wird befürchtet, dass das Land in einer weiteren Stufe Uran noch höher anreichern könnte - um schließlich die Fähigkeit zum Bau von Atombomben zu erlangen. Für Atomwaffen ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent erforderlich.