Rasmussen will Nato zu Forum für Sicherheitsfragen formen - Guttenberg stellt Prinzip der Einstimmigkeit in der NATO infrage
München - Mehr als 300 ranghohe Politiker und Experten aus aller
Welt beenden heute ihre Beratungen bei der Münchner
Sicherheitskonferenz. Das Treffen wird vom Streit über das Atomprogramm des Iran
beherrscht. Auf dem Programm stehen zum Ende der dreitägigen Tagung zudem der
künftige Kurs der NATO und die Strategie in Afghanistan.
Einer der jüngsten Vorschläge: Die Nato will Russland und die Nachbarstaaten
Afghanistans stärker einbinden, um die Lage am Hindukusch unter Kontrolle zu
bekommen. "Die Lösung der Probleme Afghanistans werden wir nicht allein
innerhalb der Grenzen Afghanistans finden", sagte Nato-Generalsekretär Anders
Fogh Rasmussen am Sonntag bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Die Nato
arbeite bereits politisch und militärisch mit Pakistan zusammen. Dies reiche
jedoch nicht aus. Auch Indien, China und Russland seien von der Situation am
Hindukusch betroffen.
Drogenhandel Problem für Russland
Russland teile die Sicherheitsbedenken der Nato, sagte Rasmussen. "Sollte
Afghanistan wieder zum Rückzugsgebiet für Terroristen werden, könnten sie leicht
durch Zentralasien bis Russland vordringen", warnte der Generalsekretär. Auch
der Drogenhandel mit Afghanistan als weltgrößtem Opium-Produzenten sei ein
großes Problem für Russland. "Ich glaube, es gibt Raum für ein stärkeres
Engagement Russlands in unserem Einsatz in Afghanistan", betonte Rasmussen.
Russland unterstützt den Afghanistan-Einsatz heute bereits durch mehrere
Abkommen, die den Transport von Gütern durch sein Territorium an den Hindukusch
gestatten. Das Land ist in der Afghanistan-Politik allerdings eher
zurückhaltend. Sowjetische Truppen hatten Afghanistan ab 1979 besetzt und waren
zeitweise mit über 100.000 Soldaten am Hindukusch im Einsatz. 1989 mussten sich
die Sowjets nach einem langen Bürgerkrieg gegen diverse Mudschahedin-Gruppen
zurückziehen.
Rasmussen will Nato zu Forum für Sicherheitsfragen formen
Die Nato soll nach dem Willen von Rasmussen nicht
nur die Verteidigung ihrer Mitglieder übernehmen, sondern zum globalen Forum für
Sicherheitsfragen werden. Im transatlantischen Verteidigungsbündnis sollten auch
Themen angesprochen werden können, die nicht direkt mit einem Nato-Einsatz zu
tun hätten, sagte Rasmussen am Sonntag bei der Sicherheitskonferenz in München.
"Wo wäre denn der Schaden, wenn Länder wie China, Indien, Pakistan oder andere
engere Bande mit der Nato knüpfen würden?", sagte Rasmussen.
Sein Vorschlag stehe nicht in Konkurrenz zu den Vereinten Nationen,
versicherte der Nato-Generalsekretär. "Ich denke, es würde den Vereinten
Nationen eher zum Vorteil gereichen." Schließlich sei die Nato fast
ausschließlich zur Umsetzung von UN-Resolutionen im Einsatz. Eine
Sicherheitskoalition mit der Nato im Mittelpunkt würde auch der UN nützen.
Guttenberg stellt Prinzip der Einstimmigkeit in der NATO infrage
Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat unterdessen das Prinzip
der Einstimmigkeit in der NATO infrage gestellt. In der Debatte über die Zukunft
des transatlantischen Bündnisses auf der Münchner Sicherheitskonferenz sagte der
CSU-Politiker am Sonntag, die Einstimmigkeit in allen Gremien der NATO sei eine
"gepflegte Absurdität". Er sprach sich außerdem gegen eine globale Rolle der
Allianz aus. Dagegen plädierte Rasmussen dafür,
die Allianz zum Gravitationszentrum in Sicherheitsfragen zu machen.
Guttenberg sprach sich zwar dafür aus, dass die NATO in Sicherheitsfragen die
eigenen Grenzen hinter sich lassen müsse, aber "wir wollen aus der Allianz keine
globale Sicherheitsarchitektur machen". Guttenberg und Rasmussen betonten beide,
dass die NATO nicht in Konkurrenz zu den Vereinten Nationen treten dürfe.
Rasmussen meinte, dass die UNO von einer NATO mit einem globalen Ansatz
profitieren könnte. Die Allianz könne dafür sorgen, dass UNO-Resolutionen
umgesetzt werden.
Guttenberg nannte den "Konsens die Stärke der Allianz", sprach aber
ausdrücklich nicht von Einstimmigkeit. Koalitionen der Willigen und Unwilligen
könnten diesen Konsens nicht ersetzen, warnte er. Die Einstimmigkeit in allen
Gremien sei trotzdem eine "gepflegte Absurdität". (red/Reuters)