Reportage

Kochen am laufenden Band

Johanna Ruzicka, 05. Februar 2010 18:45

Da immer mehr Menschen nicht zu Hause essen, kennen Menü­hersteller wie Gourment keine Krise

St.Pölten - Von der Hygieneschleuse könnte sich eine Flughafensecurity einiges abschauen, so umfassend checkt die Anlage die eintretende Person: Mit den mit Papierschuhen überzogenen Straßenschuhen watet man auf einem Gitter, das in einer Desinfektionslösung liegt. Passiert ein Drehkreuz. Steckt die Hände in zwei Röhren, wo sie mit Desinfektionsmittel bestäubt werden. Passiert das nächste Drehkreuz. Und steht erst dann in der größten Küche Österreichs, die von der Firma Gourmet betrieben wird.

150.000 Tiefkühlmenüs werden hier in einem charmelosen Industrieteil von St. Pölten pro Tag gekocht. "Wir haben 800 Artikel im Angebot. Da brauchen unsere Köche ein halbes Jahr, bis sie das ganze Angebot einmal durchgekocht haben" , sagt Betriebsleiter Christian Loser nicht ohne Stolz.

In dieser Küche ist nichts klein-klein. Das Gerät, mit dem eine Soße püriert wird, heißt Rüsselrührer und ist ein mannshoher Stabmixer, der auf Rädern zu den Kesseln gerollt wird. Simple Bratpfannen gibt es nicht, stattdessen wird auf Fließbändern gegrillt oder gebacken. Dabei wird das Bratgut auf ein Band geschichtet, das langsam durch einen Ofen, besser: eine Ofenstraße fährt. Wenn das Fleisch am anderen Ende ankommt, ist es exakt wie gewünscht. Der Rundkochkessel ist eine Art riesiger Kochtopf, in dem locker 600 Liter Gulasch oder Suppe köcheln. Auch bei den Rezepturen wird in großem Maßstab gewerkt: Für ein Chicken Curry werden 50 Kilo Zwiebel benötigt und 420 Liter Kokosmilch.

Kein offener Ausgang

Kochen ist kein kreativer Vorgang mit offenem Ausgang, sondern funktioniert ähnlich punktgenau wie industrielle Fertigung. Hergestellt wird mit möglichst wenig Abweichungen vom festgelegten Geschmack, der auf Kindergartenkinder oder Senioren abgestimmt ist. 90 Minuten dauert es vom Anliefern, Kochen, Portionieren bis zum Schnellfrosten in einer fünf Meter hohen Zentrifuge, die mit kalten Winden angeblasen wird.

360 Mitarbeiter arbeiten an diesem Standort; darunter 15 ausgebildete Köche. "Die sind früher auf Saison gewesen und sind jetzt froh, dass sie hier relativ normale Arbeitszeiten haben" , sagt Loser. Um fünf Uhr morgens wird zu kochen begonnen und im Schichtbetrieb bis zum Abend gewerkt.

Wobei sich die Gourmet-Leute mit Vorarbeiten wie Karotten raspeln oder Erdäpfel schälen gar nicht abgeben. Frischware wird täglich mehrmals geliefert, von Partnerfirmen aus der Umgebung. "So ist es am frischesten" , sagt Geschäftsführer Herbert Fuchs.

"Alles ganz herkömmlich"

Im Nebenraum falten zwei Arbeiterinnen die Palatschinken in kleine, mit Topfen gefüllte Dreiecke. Eine dritte schichtet die fertig gebackene Süßspeise in eine Steige. Alles andere - Teig in runden Fladen aufs Laufband portionieren, backen und mehrmaliges wenden, macht eine Maschine. 12.000 Palatschinken können so pro Tag produziert werden. Trotzdem, versichert Loser, ist hier "alles ganz herkömmlich" , und es gebe keinen Unterschied zu einer Pfannenpalatschinke. Davon versichert sich zweimal täglich ein Team, das alles, was an einem Tag gekocht wird, verkostet.

Fast wie zu Hause geht es bei der Köchin zu, die eine Sauce bolognese umrührt. Auch wenn der Kochlöffel, mit dem sie hantiert, eineinhalb Meter lang ist und drei Kilo wiegt. Spaghetti gehören zu den Lieblingsgerichten in Schulen und Kindergärten. Auch bei Senioren, die über Pflegeorganisationen mit den Menüs, die zwischen 2,60 Euro und 6,40 Euro kosten, beliefert werden. Von der Krise hat Gourmet, das zur Vivatis-Holding der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich gehört, nicht viel gespürt, erläutert Fuchs. Ja, man merke Kurzarbeit und Jobabbau - viele Firmen bestellen weniger. Wettgemacht wird dies durch mehr Nachfrage bei Senioren. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.2.2010)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 45
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Scherberich
 
08.02.2010 09:18
riesige auswahl

aber selten das man was gutes erwischt. Und nicht immer garantiert, das etwas, das einmal gut war, auch das nächste mal gut ist.
Zu dem Preis ist die gelieferte Qualität eigentlich zum Speiben.

el viajero
06.02.2010 17:45
das mit abstand beste ...

... an gourmet ist das marketing.

Gegen Gewalt durch Gegengewalt
06.02.2010 15:24
360 Mitarbeiter / 150.000 Tiefkühlmenüs pro Tag

wie ist der Preis von 2,60 Euro bis 6,40 Euro pro Menü gerechtfertigt? Geht so viel für Transport und Energie drauf? Schließlich bekommen die 360 Angestellten ja etwa 30000€ pro Tag. 150000 Menüs pro Tag kosten aber etwa 600000€ aber die Menüs für die Kindergartenkinder und für die Pensionisten zahlt eh der Steuerzahler insofern ...

Fisch^^Fisch
06.02.2010 16:53

Ich nehme an die Firma will auch Gewinn machen. Und nur die Arbeitskosten herzunehmen ist ein bisschen "kreativ". Miete, Kredite für die Maschinen, Reperaturen,... da kommt noch einiges dazu. Überhaupt wird niemand, auch der Staat nicht, gezwungen bei denen was zu kaufen. Und da die Leute das zu dem Preis kaufen, ist es offensichtlich der richtige Preis.

Gegen Gewalt durch Gegengewalt
08.02.2010 14:38

Miete? Wollen Sie damit sagen, da bekommt jemand Geld ohne dafür zu arbeiten?

Poldi Fesch
06.02.2010 16:42
kochs

nach

Gegen Gewalt durch Gegengewalt
08.02.2010 14:42

alle 150000 Menüs

Poldi Fesch
08.02.2010 15:02
wennst dich

vegiften willst, bitte

ScrewYo
06.02.2010 16:13

milchmädchen rechnung nennt man das.

Gegen Gewalt durch Gegengewalt
06.02.2010 16:34

ich bezeichne das als interdep(p)endaler Willensbildung und Interessenvermittlung als Überlebensstrategie im demokratischen Machtsystem

kufd
06.02.2010 18:21

Und ich nenns pseudointellektuellen Schwachsinn

Gegen Gewalt durch Gegengewalt
08.02.2010 14:41

intellektuell ist das Letzte was ich sein will, somit kann ich nicht pseudointellektuell sein, oder warte, nein, das Letzte was ich nicht sein will ist ein Verbrecher, wart, ach so, das ist ja eh dasselbe :))))) ...

natoll
06.02.2010 12:17

aber sie sollten die tester öfter verwechseln. inzwischen schmeckt alles nurmehr nach salz.

losing my edge
06.02.2010 14:10

hat den simplen grund, dass salz das billigste und zugleich breitentauglichste gewürz ist

Der Seppl
 
06.02.2010 17:07

Gewürz? Vom Salzbaum, oder? :D

Marlon62
12.03.2010 13:06
Lt. den Geschichten von Schilda

stammt das Salz von den Brennnesseln.

Ava Tar
06.02.2010 12:03
Fröhliche Sowjetunion

Die Werktätigen sind malochen, die Kinder in der Aufbewahrungsstätte und die Nahrungszubereitung erfolgt effizient in industriellem Maßstab

Mit hat noch täglich die Mamsch was gekocht, wenn ich von der Schule kam. Schön war's.

Marlon62
12.03.2010 13:07
Ätsch,

mir hat die Mamsch nix kochen müssen. Ich hab es selber gelent.

Scherberich
 
08.02.2010 09:23

man kann viel schlechtes über die sowjetunion sagen, aber das kantinenessen war meistens erste sahne, nicht zu vergleichen mit dem gourmetfrass. Das Problem war das Essen im privaten Bereich. Aber Kindergärten, Schulen, Betriebe, Kasernen waren sehr gut versorgt. Vor allem wurde frisch gekocht.

politisch verfolgt
06.02.2010 17:55
wie rückständig

selbst zu hause mit den kindern spielen und ihnen auch noch was kochen? unfaßbar. wahrscheinlich war ihre mutter nicht mal alleinerzieherin. iiih, wie retro. sowas geht ja heute gar nicht mehr. da wird man im gender-seminar ja ausgelacht..... im günstigsten fall.

vheissu
06.02.2010 09:49

Irgendwie muss ich an Louis de Funès denken...

Christian und die Vogelweide
06.02.2010 17:16
ich eher an...

Jacques Tricatel...

mein herr
06.02.2010 09:39
ehrlich - es ist nicht zu da´fressen.....

Walter Bimini
05.02.2010 20:16
in der nächsten phase werden sich das immer weniger leisten können und wohl oder übel selber daheim kochen müssen.

genau diese entwicklungen hat man in den usa schon beobachten können.

Heinz Anderle
 
06.02.2010 08:45
Hier geht es um Betriebs-Catering,...

... nichts Anderes.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

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