Auf Gedeih und Verderb verbunden

05. Februar 2010 18:08

Griechenland war nur der Anfang für ein europäisches Sanierungswerk

Die griechische Budgettragödie, die zu einer Verschärfung der Überwachungsmaßnahmen der EU-Kommission führte, hat in einer Hinsicht ihr Gutes. Sie führt allen Bürgern der Europäischen Union und jenen in der Währungsunion im Konkreten ganz plastisch vor Augen, was eine voll integrierte europäische Gemeinschaft in letzter Konsequenz bedeutet: eine Schicksalsgemeinschaft.

Ob man es will oder nicht, niemand mehr kann sich seit der Einführung des gemeinsamen Geldes dem Faktum entziehen, dass die einzelnen EU-Staaten längst nicht mehr autonom und souverän sind. Sie sind mit dem Euro vielmehr auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden, ihre Entscheidungen wirken wie in kommunizierenden Gefäßen.

Und auch die Unionsbürger bekommen das zu spüren - sei es in Form höherer Löhne (im Aufschwung), durch Geldentwertung (wie derzeit gegenüber dem Dollar) oder höheren Zinsen, im Extremfall beim Verlust von Arbeitsplätzen, wenn der wechselseitige Handel innerhalb der Union einbricht. Der stellt nach wie vor den Löwenanteil unseres Wohlstands dar.

Weder kann sich Griechenland isoliert aus dem Schlamassel befreien. Noch können die Partnerländer so tun, als ginge sie das alles nichts an.

Die Wirtschaft, die Unternehmen, die Arbeitswelten, die Märkte sind heute in einem Ausmaß miteinander verbunden, wie das in Europa noch nie der Fall war. Vielleicht gerade deshalb erlebte eine antieuropäische Stimmung in den vergangenen Jahren ein Comeback, feierten Regierungen, die auf "mehr national" und "weniger EU" setzen, ihre Erfolge.

Aber solche Rückzugsversuche, solche Ausbrüche, sind letztlich reine Illusion. Es gibt kein Zurück mehr. Griechenland ist - so verurteilenswert die Budgetzahlenfälschungen sind - kein Einzelfall. Schon haben sich die Spekulanten auf den Märkten an die nächsten schwachen EU-Länder herangemacht - Portugal, Irland, Spanien, die jeweils aus ganz anderen Gründen in die Krise gefahren sind. Und setzen auf kurzfristigen Profit, hoffen - wie in der Vergangenheit viele in den USA oder in der Weltbank - dass der Euro dauerhaft Schaden nimmt. Doch es besteht in der Union keinerlei Grund zur Panik. Worum es den EU-Ländern jetzt gehen muss, ist, die richtigen Schlüsse und Beschlüsse aus der (gemeinsamen) Krise zu ziehen. Das könnte am Ende sogar zur Stärkung der Union führen.

Zunächst einmal gilt es für die EU-Finanzminister, jene Institution zu stärken, die das Krisenmanagement zu Griechenland (und auch bei anderen Euro-Budgetsündern, inklusive Österreich) durchführt. Nur so wird es möglich sein, die nötigen Reform- und Sanierungsschritte auch durchzusetzen. Die Staaten müssen aufhören, die von Gemeinschaftsorganen auferlegten Maßnahmen zu unterlaufen.

In einem zweiten Schritt sollte man sich dann dazu durchringen, eine stärkere wirtschaftspolitische Koordinierung zu beschließen. Nur dann kann der Währungsraum als Wirtschaftsraum funktionieren. Pläne dazu wurden bisher von den Staaten torpediert.

Dazu gehörte auch die Schaffung europäischer Anleihen, die in Fällen wie Griechenland zum Schutz des Euroraumes begeben werden könnten. Derzeit wäre dafür wohl ein schlechter Zeitpunkt. Es würde als Signal verstanden werden, dass die Union selbst an eine Pleite Griechenlands glaubt, nicht an Sanierungswillen. Aber langfristig braucht es ein stärkeres Europa.(Thomas Mayer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.2010)

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John Waters
07.02.2010 17:17
Eben nicht auf Gedeih und Verderb

Gescheit sind Schweden und Dänemark, die ihre eigenen Währungen behalten haben. Wenn die Währungen dieser beiden Länder die Krise bisher gemeistert haben, warum hätte es der Schilling nicht können sollen?

Silvio Lackner
07.02.2010 16:48
Wenn es von Anfang an ein Sanierungsfall war,

dann ist das nur ein Beweis, dass die hoch bezahlten EU Funktionäre Würschteln sind. Und von denen hängt unser Schicksal ab. Und abwählen könn ma sie auch nicht einmal. Ein Sammelsurium von geldaffinen Emporkömmlingen aus allen Mitgliedsstaaten. Schnell eine Dissertation abschreiben, promovieren, in die Politik und ab in den Gehälter - Olymp. Eine wahre Brüsseler A****gesichtergesellschaft ist das. Danke, Schüssel.

cc2cc
07.02.2010 16:26

ich finde im ganzen artikel nur binsenweisheiten, aber keine loesungsansaetze.

Kohlhaas1
07.02.2010 14:38
Genau aus dieser Situation kann ein gewaltsames Zerbrechen der EU entstehen.

Wenn nämlich die EU den Griechen striktes Sparen diktiert, dann könnte es schon geschehen, daß diese Leute gegen die Sparmassnahmen revoltieren.
Verständlich. Und es wird sicher Politiker und Organisationen geben, die solche Stimmungen nutzen und damit gegen die EU agitieren. Dann wird ide EU vermutlich nachgeben, was Andere dazu ermutigt ebenfalls ihre Finanzen zu vernachlässigen oder die EU gibt nicht nach , dann trennt sich Griechenland eben, was einen Dominoeffekt erzeugen wird.

W. Müller
 
07.02.2010 13:21
Griechenland war keinesfalls ...

... euroreif.

Viele, darunter die meisten Entscheidungsträger wußten das und trotzdem ...

Jetzt hamma den Salat.

Silvio Lackner
07.02.2010 16:40

immerhin an griechischen

evolution2011
 
07.02.2010 09:43

Solidarität mit Griechenland wird die Problematik kaum verändern. Es handelt sich um das korrupteste Land der EU (Platz 71 bei transparency international, nach Ägypten, Ghana, etc.). Es verwundert eher warum die EU nicht schon längst hiergegen vorgegangen ist. Der EU war bekannt wie sich GR in die Eurozone geschlichen hat: "Man werde fortan auch Wertschöpfungen wie Rauschgifthandel, Geldwäsche, Zigarettenschmuggel und Prostitution berücksichtigen, verlautete aus Athen."


Ein Land welches derartige kriminelle Energie offen und offiziell zur Schau stellt (an die Unterstützung von Milosevic, Karadzic und Mladic, bis hin zur Beteiligung am Völkermord von Srebrenica sei nur erinnert) verdient keine Solidarität. Es verdient den Rauswurf...

Munis
06.02.2010 20:12
Das ist die Nagelprobe für den Euro und für die EU

Ich war immer schon der Meinung - ein gemeinsamer Markt kann nur dann funktonieren, wenn alle Länder ein einigermaßen gleiches Lohnniveau, einheitliches Sozialniveau und ähnliche Umweltstandards haben. Und diese Standards müssen vor allfälligen Beitritten erreicht werden. Das ist in der EU nie der Fall gewesen, daher bedrohen Länder mit schlechter Budgetdisziplin die Stabilität anderer EU-Länder. So wird der Traum vom gemeinsamen Europa schneller ausgeträumt sein, als das manchen Politikern lieb ist.

Thomas Wetschnig
07.02.2010 11:28
Dann kennen sie wohl die USA nicht ............

.......... denn dort sind die ökonomischen , sozialen und ethnischen Unterschiede um einigs größer als in der EU. Dagegen ist Europa geradezu homogen.

Klaus.W.
06.02.2010 15:58
Nur so wird es möglich sein, die nötigen Reform- und Sanierungsschritte auch durchzusetzen. Die Staaten müssen aufhören, die von Gemeinschaftsorganen auferlegten Maßnahmen zu unterlaufen...

... klingt gut und weiter? Die Staaten? Sind das abstrakte Gebilde? Oder verbergen sich dahinter nicht etwa ganz konkrete Menschen. Menschen, die berechtigt in dem Gefühl leben, für die gegenwärtige Krise "nicht wirklich verantwortlich zu sein". Ich weiß schon, in irgendeiner Form trifft jeden Einzelnen auch eine Verantwortung (=Geiz ist geil-Mentalität oder aber auch, dass in repräsentativen Demokratien, die Wähler nicht gänzlich aus der Verantwortnung ihre Wahlentscheidung enlassen werden können).

Aber - die Krise ist noch lange nicht vorbei! Jetzt beginnt es erst wirklich - nämlich die soziale Krise. Denn diese "Maßnamen" (Gehaltserhöhungen und Ausbau d.sozial Leistungen werden ganz gewiss nicht gemeinst sei) treffen die breite Masse.

Christoph ************
07.02.2010 11:43

Natürlich trifft eine Weltwirtschaftskrise die "breite Masse". Was haben denn Sie gedacht?

Da müssen manche Mitgliedsstaaten noch gar nicht so arg viel verkehrt gemacht haben, damit dies zutrifft.

dieDritteGeneration
06.02.2010 13:19

Jetzt werden schon westliche Staaten unter die Kuratel internationaler Organsiationen gestellt, weil sie es finanziell nicht mehr derpacken. Früher erging es den Entwicklungsländern/Schwellenländern so...

Mittlerweile sind unter den 15 Staaten mit den höchsten Währungsreserven nur mehr 4 klassisch-westliche Industrienationen. Der Rest: Asiatische Aufsteiger und Schwellenländer.

Wie sich die Zeiten ändern...

Thomas Wetschnig
07.02.2010 11:39
Man sollte nicht vergessen ............

......... zu welcher Zeit damit begonnen wurde. Die die damals Beifall klatschten sind heute im "wohlverdienten" Ruhestand. Sollte man nicht vielleicht versuchen, sie zu Kasse zu bitten?

http://tinyurl.com/62gecs

das liebe urmili
06.02.2010 13:08
Who is John Galt?

"If you saw Atlas, the giant who holds the world on his shoulders, if you saw that he stood, blood running down his chest, his knees buckling, his arms trembling but still trying to hold the world aloft with the last of his strength, and the greater the effort the heavier the world bore down upon his shoulders--what would you tell him to do?"

"I … don't know. What … could he do? What would you tell him?"

"To shrug."

Christoph ************
07.02.2010 11:50

Da hat wer Atlas Shrugged gelesen. Wie lieb. So ein US konservativ-libertäres Kampfbuch ist schon was tolles, nicht? Atlas Shrugged ist ein Buch für Leute die hinter jeder Ecke einen Kommunisten vermuten.

Karl Krammer
06.02.2010 12:32
Kalifornien wird im April - wieder einmal - zahlungsunfähig sein

im Budget klafft ein offenes Loch von 20 Mrd. $. Kümmert das die USA oder den Dollar? Nicht viel. Warum auch? Wenn der Staat Kalifornien seine Schulden nicht zahlen kann, seine Lehrer nicht bezahlen kann, was kümmert das Texas, Florida oder New York? Man kann Mitleid haben, aber ändert das was am Wert der Wirtschaftsleistung aller anderen Staaten? Nein. Wenn jetzt Portugal, Italien, Griechenland oder Spanien (abk. PIGS) nicht zahlen können, warum soll das den Rest der Welt kümmern - die Anleiheschulder der betroffenen Staaten mal ausgenommen? Es sei denn, deutsche Banken würden massig Anleihen dieser Staaten im Gepäck haben, aber das ist nicht so. Eine Pleite Griechenlands ist daher genauso wie eine Pleite Kaliforniens: ziemlich egal.

Christoph ************
07.02.2010 11:54

Kalifornien würde sollte eine echte Notwendigkeit bestehen vom Bundesstaat aus dem Loch herausgeholt werden. Dies wird im europäischen Szenario mit der EU und Griechenland auch angenommen, ist aber bei weitem nicht so sicher.

Weder ein längerfristiges zahlungsunfähiges Kalifornien noch Griechenland ist etwas, dass sich die anderen leisten können.

Konrad Euler
07.02.2010 10:39

ich glaube zwar auch, dass derzeit übertrieben wird, aber:

"Es sei denn, deutsche Banken würden massig Anleihen dieser Staaten im Gepäck haben"

trifft sehrwohl zu.

und nicht nur deutsche.
und nicht nur banken.

falls es doch zu einem konkurs eines oder sogar mehrer dieser länder käme, hätte das durchaus dramatische folgen.

von den vier ländern hat nur italien eine breite basis an lokalen sparern, die in großem ausmass ital. staatanleihen kaufen. aber italien hat in summe dermaßen hohe schulden, dass auch der rest außerhalb italiens noch ordentlich weh tun würde.

ich glaube dass die wahrschlichkeit für einen konkurs ÜBERSCHÄTZT wird. aber wenn doch, werden die folgen - auch außerhalb der betroffenen länder -UNTERSCHÄTZT!

Der Ruhestifter
06.02.2010 11:29
Als ob das nur eine frage des krisenmanagments wäre

im hintegrund steht ein einfacher sachverhalt: die kapazitäten für konsumgüterproduktion sind größer als die nettoeinkommen der potentiellen konsumenten. Wie kann dann die auslastung trotzdem hoch sein? Nun, die mittlere rate der kapitalakkumulation ist höher als das wachstum des investierten kapitals. Daher kann ein teil dieses nominellen profits zur finazierung von konsum auf kredit verliehen werden.

Nachdem dadurch in den usa massenhaft private in die schuldenfalle gerutscht sind, hat man die schulden verstaatlicht. Jetzt sitzen die staaten in der schuldenfalle - no, na.

Eine nachthaltige systemkorrektur erfordert eine umschichtung der steuerlast von einkommen zu erbschaften und vermögen. Krisenmanagement reicht nicht.

nukularteilchen
07.02.2010 11:44

den bürgern erbschaften und vermögen zu klauen wird nie reichen alle schuldenberge zu bekämpfen. es wird die kleinen leute treffen mit paar hundert millionen steuereinnahmen, aber nicht die grossen milliardäre und millionäre die ihr geld in anderen ländern parken.
sparen wär ja auch mal ne sache, aber soweit denkt keine mehr...

Konrad Euler
07.02.2010 10:44

da machen sie es sich meines erachtens ein bisschen zu einfach.

auch ich glaube, dass "eine umschichtung der steuerlast von einkommen zu erbschaften und vermögen" notwendig ist - in österreich.
nämlich ungefähr dorthin, wo stramm kapitalistische länder, zb die usa oder uk - jetzt schon sind.

für das aktuelle problem wäre das aber genauso nur symptombekämpfung.

denn würde man ihrem vorschlag folgen, dann würden halt die erben und die vermögenden den zu hohen konsum (!) derer bezahlen, die den schuldenberg angehäuft haben. der schuldenrucksack würde also vom staat einfach weitergereicht.

dort wo das problem am größten ist - usa, tlw. auch uk - zahlen aber erben + vermögende - im unterschied zu österr. - schon ordentlich ein!

Der Ruhestifter
07.02.2010 12:22
Die erben und vermögenden haben den konsum schon gezahlt

Das ist ja eben: die auslastung der produktion war nur möglich, weil die kaufkraft vieler konsumenten durch kredite aus nicht-unternehmerisch-investiertem vermögenszuwächsen vergrößert wurde. In dem sinn haben die gläubiger erst mal den konsum der schuldner bezahlt.

Nur: nachdem das eben konsum war, steht den schulden kein eigentum an produktionsmitteln gegenüber. Deswegen können die kredite nicht bedient werden und müssten wertbereinigt werden.

Für die zukunft müssten die geld- und warenströme so ausbalanciert werden, dass auslastung der produktion ohne kreditfinanzierten konsum möglich ist. Und das geht nun mal mathematisch nur, wenn die kapitalakkumlation im mittel nicht schneller als der reale wertzuwachs der investitionen ist.

Konrad Euler
07.02.2010 16:13

da stimme ich fast überall zu.

nur: ihr vorschlag um dies zu erreichen, war doch eine umschichtung der steuerlast von einkommen zu erbschaft und vermögen.

warum ist dann dann aber das problem in den usa noch stärker vorhanden als bei uns, wenn dort ihre forderung erfüllt wird, im gegensatz zu uns?

ihre analyse teile ich, ihr rezept ist unbrauchbar (oder sagen wir: zu schwach. denn dämpfen würde es die kapitalakkumulation natürlich schon)


Der Ruhestifter
07.02.2010 17:01
Ist das problem in den usa wirklich stärker?

Villeicht ist es einfach nur sichtbarer geworden weil die verschuldung privat war? Und: die neocons haben substanzsteuern auf vermögen (zb hausbesitz) und erbschaft reduziert und damit meines erachtens die krise provoziert.

Jedenfalls: wenn ein hauskäufer in den usa seinen kredit nicht mehr finanzieren konnte, dann hat jemand vorher seine kreditsumme als 'haben' gutgeschrieben, obwohl das geld eigentlich weg war. Hätte der hauskäufer einfach keinen kredit bekommen, dann wäre die wirtschaft schlechter ausgelastet. Hätte der hauskäufer aber weniger einkommensteuer gezahlt und sein gläubiger stattdessen mehr steuern (zb.: bei erbanfall) wäre weder der kredit faul geworden, noch die wirtschaft geschrumpft, noch das staatsdefizit gewachsen.

Konrad Euler
07.02.2010 18:11

selbst wenn es nicht stärker wäre, sondern gleich ... würde es ihre ursprüngliche these falsifizieren ;-)

dass die substanzsteuern reduziert wurden, stimmt zwar, aber noch immer sind diese viel höher als bei uns.

und die schlussfolgerung im letzten teil ist ein sehr hypothetisches was-wäre-wenn...

...wenn der hauskäufer weniger einkommenssteuer gezahlt hätte, hätte er möglicherweise einfach das noch größere haus gekauft und erst recht wieder deutlich über seine verhältnisse.

... und wenn der gläubiger mehr steuern bezahlt hätte, dann wären vielleicht die kreditkosten einfach höher geworden, weil das angebot an kreditvolumen einfach zurückgehen würde?

alles spekulation, so wie ihre auch...

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