"Axolotl Roadkill"

Ein Crash-Kurs für das richtige Leben

05. Februar 2010 17:50
  • Artikelbild
    Foto: mae ost

    Helene Hegemann, Tochter des ehemaligen Volksbühne-Dramaturgen Carl Hegemann, verfügt über etliche Parallelen zu ihrer vom Leben gebeutelten Romanheldin.

Die erst 17-jährige Autorin Helene Hegemann ist die neue Sensation der deutschen Literaturszene

In ihrem Roman beschwört sie das Dasein eines jungen Mädchens am Rande derWohlstandsverwahrlosung.

***

Berlin - "Ey, geil, dass du mal wieder da bist, wo warst du denn?" Diese Frage der Mitschülerin Margit Kratzmüller an ihre Klassenkameradin Mifti erfordert eine lange Antwort. Denn Mifti war tatsächlich schon lange nicht mehr in der Schule, so lange, dass sie in ihrer Abwesenheit einen ganzen Roman erleben konnte. Und dieser Roman ist dann auch gleich Stadtgespräch in Berlin und darüber hinaus geworden: Axolotl Roadkill von Helene Hegemann (erschienen bei Ullstein) ist die Geschichte von Mifti, die schon lange nicht mehr so richtig zur Schule geht, dafür aber offensichtlich sehr früh und heftig in die Schule des Lebens gegangen ist.

Parallelen zwischen den Autorin und der Heldin drängen sich auf, Helene Hegemann wird in ein paar Tagen 18, Mifti im Buch ist 16, aber das Buch spielt auch im Sommer der letzten Fußball-EM. Dazu kommt, dass Helene Hegemann aus einer im kulturellen Leben Berlins nicht ganz unbekannten Familie kommt - sie ist die Tochter von Carl Hegemann, der viele Jahre lang als Dramaturg und Vordenker die Volksbühne maßgeblich mitgeprägt hat, deren Sound man in Axolotl Roadkill als nicht so fernes Echo erkennen kann. Die Mutter von Helene Hegemann ist vor einigen Jahren gestorben, als große Abwesende ist sie in dem Buch sehr gegenwärtig.

Ein Mädchen, das noch zur Schule gehen sollte, macht in einer großen Stadt einen Crash-Kurs für das Leben der Erwachsenen: Sex und Drogen, Wohlstand und Verwahrlosung, große Auskenne und starke Dröhne. "Meine Existenz" , sagt Mifti und schreibt Hegemann, "setzt sich momentan nur noch aus Schwindelanfällen und der Tatsache zusammen, dass sie von einer hyperrealen, aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten-Installation halb zerfleischt wurde."

Wer daraus einen geraden Satz machen wollte, hätte das Buch schon verfehlt. Denn in Axolotl Roadkill geht es gerade darum, aus einer Sprache, die eher ein Sound ist, ein hohes Maß an Reflexion herauszuholen. Dass diese Reflexion jederzeit wie Altklugheit klingen kann, ist unumgänglich. Dagegen stehen aber zahlreiche Beschreibungen heftiger körperlicher Schmerzerfahrungen, die als "Borderlinesyndromscheiße" zumindest in Ansätzen (literarisch) eingeordnet werden: "Ich stehe weinend im Zimmer meiner Mutter, mir werden zwei Porzellandosen mit meinen Milchzähnen und unbegründete Anschuldigungen in die Fresse gefeuert. Sie sagt, dass sie sterben wird. Sie durchtrennt meine Kniekehle mit einer Cutter-Ersatzklinge. Sie durchtrennt mit geringer Kraftaufwendung meine Sehnen, sie zerschneidet alles, was im Entferntesten zu mir gehört, sie setzt meine offenen Wunden mit einem nachfüllbaren Elektronik-Langfeuerzeug in Brand, das mit einer Werbung für Frischhaltefolien bedruckt ist und eine Kindersicherung hat. Sie sagt, dass ich das Beste bin, was ihr je passiert ist. SIE SAGT, DASS ICH DAS BESTE BIN, WAS IHR JE PASSIERT IST."

Wiederbelebte Popliteratur

Mit diesem Satz endete auch schon der Film Torpedo (als DVD bei Fahrenheit 451 erhältlich), den Hegemann mit 17 drehte, und mit dem sie zum ersten Mal ihren Status als wildes Wunderkind einer Berliner Kulturszene geltend machte, die zwischen der immer noch männlich dominierten Literatur und dem sprachlosen Nachtleben der Clubszene eine Verbindung denkbar machte. Axolotl Roadkill ist ein Trip, und als solcher auch Wiederbelebung und Endpunkt der über die Nullerjahre hinweg zunehmend anämisch gewordenen Popliteratur.

In Miftis Leben geht es nicht zuletzt darum, den Zeitpunkt am Morgen zu verpassen, an dem sie sich vielleicht dazu aufraffen könnte, in die Schule zu gehen. Und so ist Axolotl Roadkill ein Bildungsroman der ganz anderen Art geworden: eine unsentimentale, ja selbstzerstörerische Erziehungsgeschichte. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ihr Vater nicht so nomadisch leben würde. Nach dem Tod ihrer Mutter lebte Hegemann eine Weile in Wien, Carl Hegemann probte damals mit Christoph Schlingensief in der Stadt. "Ich fand die Leute da so wahnsinnig cool, ich habe mich verstanden gefühlt", hat die Autorin in einem Zeit-Interview gesagt.

Ob auch unter diesen Umständen Axolotl Roadkill entstanden wäre, werden wir nie erfahren, denn nach vier Wochen zogen die Hegemanns wieder nach Berlin. Nun stehen die Leser vor der Frage: Wie viel von der "Wohlstandsverwahrlosung" von Mifti ist Wohlstandsverwahrlosung der Helene Hegemann? Wer sich dafür nicht interessiert, kann in einen Text eintauchen, der als genialisches Frühwerk naturgemäß viel mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Nur Margit Kratzmüller hat immerhin eine erschöpfende Antwort bekommen. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.02.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 68
1 2
Chica27
09.02.2010 12:26
unanständig - unappetitlich - dreist - kriminell

das sind nur einige begriffe, die mir zu dieser causa einfallen. ist der standard neuerdings steigbügelhalter für plagiatoren? die junge "dame" hat dreist abgeschrieben, während sich andere einzelne worte und ganze sätze aus ihrem hirn quälen und entblödet sich nicht, das als zeiterscheinung ihrer "copy&paste"-generation zu erklären. als wäre das nicht schon ungustiös genug, schickt der standard auch noch seine claqueure hinzu, um auf diese weise eine geständige betrügerin aufs podest zu heben. - es wäre interessant, zu wissen, ob standard-redakteure bei klau ihrer eigenen texte durch andere die gleichen maßstäbe ansetzten...

http://bit.ly/9Ho3sb

Sägnüt
 
10.02.2010 12:50

Sie übersehen aber schon, dass Sie hier zu einem Artikel kommentieren, der zeitlich vor dem allgemeinen Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe liegt.

Am selben Tag (5.Februar):
http://www.gefuehlskonserve.de/axolotl-r... 22010.html

Plagiatsvorwürfe auch im Standard veröffentlicht (8.Februar):
http://derstandard.at/126370696... iert-haben

...übrigens auch zeitlich vor Ihren diversen diesbezüglichen Vorwürfen an den Standard

Chica27
10.02.2010 18:13
Leiden Sie unter Chronologiezwang?

sie übersehen ganz offensichtlich etwas viel bedeutsameres, ja quasi eine eigenheit des internets: es gibt mehrere wege, die hierher führen! tatsächlich! ist wahr! da ich nicht via standard auf diesen artikel gestoßen bin, sondern - wie angesprochen über einen umweg - habe ich hier meiner überraschung ausdruck verliehen. beim "durchblättern" stieß ich dann auf einen neueren artikel. reicht das für ihre dokumentation oder bedarf es auch noch der genauen uhrzeit?

Sägnüt
 
11.02.2010 10:37
Das soll Überraschung sein? Das kommt aber schwerstaggressiv herübermoderiert

Wenn Sie schon solche dreisten Behauptungen aufstellen:
"standard neuerdings steigbügelhalter für plagiatoren?", "schickt der standard auch noch seine claqueure hinzu, um auf diese weise eine geständige betrügerin aufs podest zu heben. - es wäre interessant, zu wissen, ob standard-redakteure bei klau ihrer eigenen texte durch andere die gleichen maßstäbe ansetzten... ",
dann sollten Sie auch mehr Sorgfalt beim Lesen und Kommentieren eines Textes aufwenden, denn Ihre Vorwürfe beruhen ja offensichtlich auf einer falschen chronologischen Einreihung des Artikels...

Pro Freistaat Kärnten!
 
08.02.2010 14:27
Pseudoborderlinesyndromscheisse



...

das dürfte es treffen :-)

Pro Freistaat Kärnten!
 
08.02.2010 14:23
Irgendwie

klingt das unglaublich langweilig bemüht.

Da geht es nicht um komplexe interessante Satzbauten, sondern um Gelaber.

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ein Band Asterix ungleich intelligenter und tiefsinniger ist als dieses Buch...

rapidfans.at
08.02.2010 11:36
ich warte daruaf, bis eine 12 jährige ein buch schreibt

das wird dann vermutlich noch mehr gehyped, und dann kann ich echt nicht mehr widerstehen...

se örth is a too smoll plänet for mi1
08.02.2010 10:35
Mir geht dieser Hype auf die Nerven


Im Thalia wurde vorige Woche ein ganzes Regal für dieses Buch freigeräumt.
Man kann es praktisch nicht mehr übersehen.

Grüass eich god olle mitanonda
07.02.2010 21:30
Hegemann klingt wie Hegefonds und meint vielleicht dasselbe

viel wichtiger halte ich folgendes Buch:
Edgar Zilsel, Die Geniereligion. Ein kritischer Versuch über das moderne Persönlichkeitsideal, stw 791.

Nevim
08.02.2010 06:02

Das klingt überhaupt nicht gleich, außer man kann wirklich ganz schlecht Englisch.

luftgselchter haderlump
07.02.2010 19:10
Alter Knochen
08.02.2010 10:34

Wie peinlich ist das denn? Aus dem Internet zusammengeklaute Texte unter eigenem Namen veröffentlichen und das im Nachhinein als legitim zu rechtfertigen. Und sowas wird vom Feuilleton als neues Wunderkind in den Himmel gelobt? Unpackbar!

A.B. Artig
 
07.02.2010 22:19

Die Sprachwust, die die Autorin auf den Vorwurf hin absondert, ist vom Feinsten!

hilde peymann
07.02.2010 18:44

hallo welt, hier mein euestes gedicht, mein vater meint, es sei voll toll:
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es zweitausend Stäbe gäbe
und hinter zweitausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Dance von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein megagroßer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich stumm und still auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder stressige Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

J.J
07.02.2010 20:12

Ein Gedicht das sich reimt?

Aus welchem Jahrhundert kommst du denn?

Ziemlich leichter Stessa
07.02.2010 22:32

Aus dem 22.

HLAB27
07.02.2010 13:29

als nichtliterat amüsiere ich mich gerade köstlich über meine anscheindend allesamt literarisch gescheiterten vorposter.....dieser neid, diese missgunst....man könnte glauben man sei in österreich. grüsse aus köln.

A.B. Artig
 
07.02.2010 22:20

Aber hallo. Wenn ich mich über den Holocauust aufrege, dann nicht etwa darum, weil ich auch gern mitgemischt hätte.

t-bonesteak
07.02.2010 19:01
wer nicht alles was uns vorgesetzt wird

mit hurrageschrei und lobeshymnen abfeiert, ist natürlich ein mieselsüchtiger, pessimistischer, gescheiterter neidhammel.

so einfach ist das...

Paris Texas
07.02.2010 17:10

ich habe die vorposter zwar nicht gelesen, kann mir aber ungefähr vorstellen, was Sie meinen, da ich schon länger in diesem land hier lebe ... :-) ich finds jedenfalls cool, dass eine so junge frau ein buch schreibt, ich muss es ja nicht lesen oder kaufen.. grüsse nach köln

mr mustard
09.02.2010 10:31
ich finds jedenfalls cool, dass eine so junge frau ein buch schreibt

... ein buch ABschreibt ... trifft's wohl eher. und das ist weniger "cool".

A.B. Artig
 
07.02.2010 22:22

1. Mit Buch schreiben isses allerdings NICHT getan. Es sollt halt auch gut sein.

2. Wissen Sie, wie viele andere Jugendliche Büvcher schreiben? Einige.
Nur ohne Papi/Mami werden diese nicht verlegt- was in manchen Fällen sehr schade ist.

Naschgul
08.02.2010 12:35

Naja, "gut" ist relativ - dem einen gefällt's, dem anderen eben nicht, und wieder andere lesen es erst gar nicht. Der Verlag fand es offenbar gut genug, um es zu veröffentlichen.

A.B. Artig
 
08.02.2010 15:19

Ab einer gewissen Misere ist gut keineswegs relativ.
Und apropos Verlag: ist Brezina gut? Na eben.

Naschgul
09.02.2010 10:27

Dann formuliere ich das halt anders: Wenn der Verlag glaubt, dass sich etwas gut verkaufen wird, dann wird es verlegt, und auch Lektoren sind nur Menschen, die unterschiedlich auf die Texte reagieren, die auf ihrem Schreibtisch landen. Wer sagt denn, dass der Lektor/die Lektorin, der/die das Buch von Hagemann lektoriert hat, das Werk nicht gut fand? Wissen wir das? Nö.
Zu Brezina: Kinder mögen seine Bücher, und die sind auch sein Zielpublikum; Erwachsene müssen ihn daher nicht gut finden. Und ungeachtet der Qualität verkauft er sich gut.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 68
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.