"Skier der Neandertaler brauchen wir nicht"

10. Februar 2010, 11:18
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    foto: apa/epa/emmert

    Im olympischen Slalom von Salt Lake City fuhr Kilian Albrecht auf den fünften Platz. Dank des Nasensprays von Alain Baxter wurde daraus sogar ein vierter Platz hinter Jean-Pierre Vidal, Sébastien Amiez und Benjamin Raich.

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    foto: apa/techt

    Gute Zeiten: Kilian Albrecht als Zweiter im Slalom von Kitzbühel hinter Rainer Schönfelder und vor Bode Miller. Man schrieb das Jahr 2002.

Der für Bulgarien startende Vorarlberger Kilian Albrecht im derStandard.at-Interview über vier Hundertstel, dreißig Talente und hundert Klugscheißer

Wien - Die Karriere von Kilian Albrecht neigt sich dem Ende zu: am 27. Februar, dem Tag des olympischen Torlaufs, wird sich der 36-jährige Österreicher im bulgarischen Rennanzug ein letztes Mal aus dem Starthaus werfen. So lautet zumin­dest sein vorläufiger Plan. Davor wird er noch den Riesen­slalom bestreiten und die Atmosphäre bei der Eröffnungsfeier in Vancouver genießen. Philip Bauer sprach mit dem Rou­tinier über kleine Schuhe, starre Verbände und schwelende Konflikte - aber nicht über Medaillen, man würde ihn sonst "wohl für deppert erklären".

derStandard.at: Was bedeuten vier Hundertstel im Skisport?

Albrecht: Wenn man die Hand im Ziel nach vorne wirft, löst die Zeitnehmung aus oder auch nicht. Das sind dann vielleicht vier Hundertstel.

derStandard.at: Genau dieser Rückstand hat Sie 2002 in Salt Lake City um die Bronzemedaille im olympischen Slalom gebracht. Daran dachten Sie jetzt gar nicht?

Albrecht: Eigentlich nicht, das ist Vergangenheit. Natürlich wäre es schöner gewesen, eine Medaille ist etwas Zählbares - zumindest für die anderen. Ich selbst definiere meine Person nicht nur über das Skifahren, obwohl das in sportlicher Hinsicht wahrscheinlich hilfreich gewesen wäre.

derStandard.at: Kann man Sie eigentlich noch als Skiprofi bezeichnen?

Albrecht: Ich bezeichne mich gerne als den einzigen Amateur (lacht). Derzeit lebe ich nicht von meiner Aktivität im Weltcupzirkus, sondern von meinen Ersparnissen.

derStandard.at: Wie wirken sich die knappen Finanzen auf Ihre Leistungsfähigkeit aus?

Albrecht: Es fehlt natürlich das Geld für einen Physiotherapeuten oder einen Servicemann. Ich muss mir alles selber organisieren. Dafür habe ich aber keine hundert Klugscheißer vor mir, die mich rund um die Uhr kritisieren. Ich kann tun und lassen, was ich will.

derStandard.at: Welche Möglichkeiten stellt Ihnen der bulgarische Verband zur Verfügung? Trainieren Sie auch mit bulgarischen Athleten?

Albrecht: Eine gewisse Unterstützung ist vorhanden, aber es handelt sich um einen kleinen Verband mit stark begrenzten Mitteln. Ein Training mit den anderen Athleten war heuer nicht möglich, wir waren durchwegs an unterschiedlichen Orten. Zudem wird im Nachwuchs vermehrt auf die Speed-Disziplinen gesetzt.

derStandard.at: Ist es nicht Wunsch des bulgarischen Verbandes, dass Sie als routinierter Skiläufer, Ihre Erfahrungen weitergeben?

Albrecht: Das wäre bestimmt der Wunsch. Ich kann aber nicht auf Weltcup-Niveau fahren und gleichzeitig mit FIS-Fahrern trainieren. Der Präsident versteht das auch und lässt mir freie Hand.

derStandard.at: Wissen Sie was am 8. Jänner 1980 passiert ist?

Albrecht: Da hat wahrscheinlich Petar Popangelov einen Weltcup-Slalom gewonnen.

derStandard.at: Genau, und zwar im deutschen Lenggries vor dem Russen Aleksandr Zhirov und Ingemar Stenmark. Gibt es Hoffnung auf eine Wiederholung solcher Erfolge? Gibt es einen Namen, den wir uns für die Zukunft merken müssen?

Albrecht: Nikola Chongarov fuhr bei der Junioren-WM im vergangenen Jahr die beste Zeit im zweiten Slalom-Durchgang. Heuer geht es im wieder weniger gut. Es gibt gute junge Athleten, aber das sind Einzelfälle. In Österreich hat man pro Jahrgang dreißig dieser Klasse. Und selbst dort schafft dann nur einer den Durchbruch. Mit Achtjährigen wird schon richtig professionell trainiert, eigentlich ein Wahnsinn. In Ländern wie Bulgarien braucht man hingegen ein Megatalent, viel Glück und keine Verletzungen. Und wahrscheinlich auch noch fanatische Eltern. In Österreich gibt es so viele Talente, da geht es nur noch um Selektion, nicht um Förderung.

derStandard.at: Können Sie sich vorstellen nach ihrer aktiven Karriere, als Trainer zu arbeiten? Vielleicht sogar in Bulgarien?

Albrecht: Das Verbandswesen und die damit verbundenen Machtspiele schrecken mich ab. Ich sehe als Vorsitzender der Athletenkommission wie es zum Beispiel bei der FIS läuft und die FIS ist ja nichts anderes als die Vereinigung aller nationalen Verbände. Entscheidungsprozesse dauern viel zu lange und Flexibilität ist ein Fremdwort. Das System ist zu starr und geht leider nur selten mit der Zeit. Eine gewisse Tradition ist okay, es gibt auch ein paar gute Events, dennoch sollten neue Ideen stärker gefördert werden. In der Privatwirtschaft wäre der Wagen vermutlich nach kurzer Zeit an die Wand gefahren. Die ganzen Verbände funktionieren so nur aufgrund ihrer Monopolstellung.

derStandard.at: Welche Wünsche können Sie denn nicht durchsetzen?

Albrecht: Verletzt sich ein 18-Jähriger bei einem FIS-Rennen und sitzt dann im Rollstuhl, sollte er zum Beispiel finanziell unterstützt werden. Derartige Strukturen existieren einfach nicht, obwohl sie selbstverständlich sein sollten. Stattdessen muss man kämpfen, um solche Vorschläge durchzusetzen. Und das obwohl bestimmt genug Geld da wäre, um solche Fonds einzurichten. Und selbst wenn es Möglichkeiten gibt, werden diese nicht ausreichend kommuniziert. Unsere Aufgabe in der Athletenkommission ist, das mit aller Deutlichkeit zu fordern. Im Fall Lanzinger hätte man ein Beispiel setzen können, davon hätte das Image der FIS profitiert.

derStandard.at: Da wir beim Thema Sicherheit sind: Befürworten Sie auch - wie im ÖSV teilweise gefordert - eine geringere Taillierung der Ski?

Albrecht: Man darf nicht vergessen, wie viel der Skisport durch die Carving-Technik gewonnen hat. Es hat sich eine sportliche Dynamik entwickelt, die im Fernsehen toll aussieht. Sehen Sie sich mal ein Rennen aus den neunziger Jahren an - das kann man gar nicht mehr vergleichen. Das Thema jetzt auf die Carving-Ski zu reduzieren, ist zu simpel. Die Sicherheit hängt auch mit der Präparierung der Ski, dem Zustand der Piste, der Kurssetzung, dem Skischuh zusammen. Ob es sinnvoll ist, sich in Schuhe zu pressen, die fünf Nummern zu klein sind? Man kann schon einen Schritt zurück machen, die Ski von den Neandertalern brauchen wir aber auch nicht.

derStandard.at: Sie haben bei der FIS auch wegen eines sogenannten "Arbitration boards", einer Schlichtungsstelle für Athleten im Konflikt mit Verbänden angefragt.

Albrecht: Viele Konflikte könnten dank Mediation vermieden werden. Aber solche Initiativen werden bereits im Keim erstickt. Dann wird man wieder an den Internationalen Sportgerichtshof verwiesen und muss fünf Monate warten, obwohl es oft um Kleinigkeiten geht. Das ist frustrierend.

derStandard.at: Solche Institutionen hätten Ihrer Karriere wohl auch nicht geschadet.

Albrecht: Sicher nicht. Oder denken Sie an Patrick Järbyn. Er wurde aus dem schwedischen Kader eliminiert und wurde nur dank einer Intervention von Pernilla Wiberg und FIS-Präsident Kapser gnadenweise wieder gemeldet, weil er ohnehin der einzige Schwede war. Anschließend gewann er als erster Schwede eine WM-Medaille in der Abfahrt.

derStandard.at: Reibt die Tätigkeit in der Kommission Ihre Nerven auf?

Albrecht: Es ist gar nicht so schlimm, weil man sich ohnehin nicht allzu viel erwartet und jede Kleinigkeit, die man durchbringt schon ein kleiner Erfolg ist. Ab und an hab ich bei gewissen Leuten jedoch schon stark das Gefühl, dass unsere Kommission nicht gerade gern gesehen ist und sie nur existiert, weil das IOC diese Einrichtung von den Verbänden fordert.

derStandard.at: Sind die unbeliebten Dinge nicht oft auch die notwendigen?

Albrecht: Ja sicher, ich bin ohnehin hartnäckig und lasse mich nicht unterkriegen. Auf mir können sie ruhig herumtrampeln, ich stehe schon wieder auf.

derStandard.at: Wie lange wollen Sie sich eigentlich noch als Einzelkämpfer durch den Skizirkus quälen?

Albrecht: Der Olympia-Slalom wird mein letztes Rennen sein.

derStandard.at: Ist das eine offizielle Rücktrittserklärung?

Albrecht: Ich lasse mir noch eine Türe offen. Aber so ist es derzeit geplant.

derStandard.at: Eine olympische Medaille wäre wohl der perfekte Abschied. Ist die mit einer hohen Startnummer überhaupt im Bereich des Denkbaren?

Albrecht: Ich fahre nach Vancouver und gebe mein Bestes. Die Möglichkeiten hängen aber auch von den äußeren Bedingungen ab, da muss alles zusammenpassen. In Schladming zum Beispiel wäre es mit meiner Nummer durchaus möglich gewesen, auf das Podest zu fahren. Die Piste war perfekt, ich war stark unterwegs, habe mich dann aber hingelegt. Auf ein Rennen unter derartigen Verhältnissen hoffe ich, natürlich muss ich dann auch meine Leistung ins Ziel bringen. Wenn ich jetzt allerdings von einer Medaille spreche, wird man mich wohl für deppert erklären. (derStandard.at; 8. Februar 2010)

Links

Kilian Albrecht

Kilian Albrecht auf ski-db.com

Kilian Albrecht auf wikipedia.de

Zur Person

Kilian Albrecht (* 13. April 1973 in Au, Vorarlberg) belegte in seiner Karriere zweimal einen zweiten Weltcup-Platz (Sestriere 2000, Kitzbühel 2002) und erreichte 18 Top-10-Platzierungen. Bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City fuhr er auf den vierten Platz im Slalom. Seit der Saison 2006/07 startet er für Bulgarien, beim ÖSV hatte er seine Kaderzugehörigkeit verloren.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 151
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living reef
00
14.2.2010, 10:18
na geh...der hohenlohe fährt ja auch noch mit seinen 51 jährchen...

curricula
05
10.2.2010, 13:40
Alles Gute

Ich konnte Herrn Albrecht persönlich kennenlernen und hab ihn als sehr netten und intelligenten jungen Mann in Erinnerung. Wer Einblick in die Zustände des ÖSV und Co. hat, kann seine Einstellung wohl gut verstehen... - ich drücke ihm jedenfalls die Daumen für seine zukünftige Karriere und wünschte mir, dass es im österr. Skiteam mehr junge Leute mit Charakterstärke und dem Rückgrat gg. den ÖSV aufzustehen geben würde... (auch wenn sie dann für Bulgarien fahren müssten *g*)

star observer
00
22.2.2010, 13:59

manch einer ist ja auch für luxemburg gefahren...

andkos
04
gut gesprochen...

tja, bei der meinung konnte er kaum beim ösv bleiben;-) natürlich hats damals auch an der leistung gehappert, aber seine persönlichkeit dürfte das übrige dazu beigetragen haben

zu den meinungen, was in österreich von statten geht, kann man ihm nur vollkommen recht geben, talente, talente, talente und im weltcup kommt leider nur mehr sehr wenig an

max mayer
21

"Heuer geht es im wieder weniger gut."

Mirstetta Toni
08
Ich drücke ihm jedesmal die Daumen!

Johann Jahn
00

ich auch..

Schade das sich der ORF über keine Interviews mehr mit ihm drüber traut, man könnt ja dadurch den großen Bruder ÖSV verärgern...

LL MM
00

Ich glaube nicht, dass der ÖSV ein Problem mit Albrecht und seinem Antreten für Bulgarien hat. Schließlich wurde er ja vom ÖSV wegen nicht vorhandener Erfolge ausgemustert.

Er wird einfach deswegen nicht interviewt, weil er sportlich kaum mehr eine Rolle spielt.

Johann Jahn
00
10.2.2010, 01:01

Gut, sportlich mag er vielleicht nicht mehr in der Spitze mitmischen. Aber mich verwundert es dennoch, dass man wirklich sogut wie nie was von ihm über den ORF zu hören bekommt.

von Thronstahl
 
1357
WARUM starten Sie guten Gewissens für das Ausland?

Diese Frage sollten Sie beantworten bevor Sie über den Carving-"Schi" philosophieren... Schauen Sie sich rennen mit Karl Schranz oder Annemarie Moser Pröll an... meinen Sie die wären für Ausland angetreten?

wavey25
10
26.10.2010, 20:20
grün von mir

baal der asoziale
00
28.2.2010, 16:41

Das "Ausland" ist das größte Land der Welt...

werwolfi
00
25.2.2010, 17:33
stand 25.2., 17:33: "6 brillant | 0 interessant | 126 unnötig"

das dürfte rekord sein, gratuliere... ;oP

Off the Wall...
00
10.2.2010, 15:21

100 abgegebene Stimmen.

man könnte von überwiegender Rotlastigkeit sprechen...

so go
00
12.2.2010, 22:59

ausser die russen kommen wieder, dann wäre rot brillant...

MajorTom11
00
10.2.2010, 00:01
Unterm Kaiser hätts da ned gebn, gell

... das 77 rote ist von mir. Was bin ich froh das es das "an die Wand stellen" (aktuell) nimma spielt ...

Captain Smoker
011
"für das Ausland"

So ein Hundling der Albrecht, startet gleich für das ganze Ausland.

star observer
00
22.2.2010, 14:02

"das ausland" gewinnt auch immer die medaillenwertung, selbst wenn wir 30 machen täterten

freilaufend
00
75!!! Yeah!

Ich hab das 75er Strichel gegeben! Yeah!

.. und es war dringend notwendig! Yippeah Yippeah Yeah!!!

spitzenkandidat.2.0.
00
Respekt.

72 rote Stricherl. Und ein einziges grünes Stricherl, wo sich vermutlich jemand in der Zeile verklickt hat!

Der Kilian Albrecht ist ein guter Sportler mit einer mehr als korrekten Einstellung! Weiterhin konsequent seinem Sport nachzugehen, dabei über Nachteile gegenüber der Konkurrenz (Betreuer, Geld, etc.) hinwegsehen ist sehr löblich. Nochdazu fährt er ja auch halbwegs erfolgreich (der Albrecht ist schließlich ja nicht ewig weit hinten in der Start, bzw. Weltrangliste), obwohl er mehr oder weniger alleine und ohne große Ausgaben trainieren muss.

Respekt verdienen sich nicht sie, Herr oder Frau "von Thronstahl" für dieses Posting, dass wohl selbst am Stammtisch unterstes Niveau erreicht, sondern der Kilian Albrecht für seine Karriere!

wassi
01

Wirklich beeindruckend, wie tief man hier sinken kann.

Mirstetta Toni
01
09.02.2010

20 uhr 45. 69 mal rot sollte ihnen zu denken geben.
albrecht ist einer, der durch den ösv raster fiel und sich dadurch trotzdem die freude am skifahren nicht nehmen lässt. ein vorbild sondergleichen für alle die am alpinen skisport freude finden.

MajorTom11
00
10.2.2010, 00:03

ein vorbild für alle die sich den schirennsport von gottes gnaden (ösv) nicht verderben lassen und noch an sich und ihre eigenständigkeit glauben ... kili for doppelweltmeister!

werwolfi
00

noch immer nicht behirnt, dass sportler in erster linie mal für sich selbst ihren sport ausüben, und nicht für ihr land?

Thomas Felder
00
10.2.2010, 17:02

das is wurscht, das land bezahlt dafür

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