Er verglich die Situation des Ordens mit der von Juden zur NS-Zeit - Jesuiten-Chef reagiert mit scharfe Kritik: "Vollkommen inakzeptabel"
Im Skandal um sexuellen Missbrauch an
katholischen Jesuiten-Schulen in Deutschland hat Pater Eberhard von Gemmingen nun mit einem Verweis
auf die Judenverfolgung vor einem Generalverdacht gegen seinen Orden
gewarnt. Der frühere Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio
Vatikan sagte in einem Interview: "Es ist fatal, nun den ganzen Orden schlecht zu machen.
Ich muss einen Vergleich ziehen: Mit den Juden ist es so losgegangen,
dass vielleicht der ein oder andere Jude Unrecht getan hat. Dann aber
hat man schlimmerweise alle angeklagt und ausrotten wollen. Man darf
nicht von einzelnen Missetaten ausgehen und eine ganze Gruppe
verurteilen. Und die Gefahr, dass das passiert, ist groß."
Der 73 Jahre alte von Gemmingen nahm zugleich einen der Patres in
Schutz, die sexuellen Missbrauch begangen haben sollen. "Ich stehe zu
ihm. Der hat gesündigt, wenn ich das so sagen darf. Leider laufen in
Deutschland noch viele andere Sünder rum, auf die niemand mit dem
Finger zeigt", sagte von Gemmingen. Es sei aber gut, dass die Fälle
aufgedeckt werden. Von Gemmingen war selbst Schüler und Präfekt am
Jesuiten-Kolleg in Sankt Blasien im Schwarzwald, in dem es auch Opfer
gab.
Jesuiten-Chef distanziert sich
Der oberste Vertreter der deutschen Jesuiten
hat sich von Äußerungen seines Ordensbruders distanziert. Pater Stefan
Dartmann, der Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten, nannte
den vom bekannten Pater Eberhard von Gemmingen gemachten Vergleich
"vollkommen inakzeptabel", wie es am Freitagabend in einer Mitteilung
hieß.
Verjährung
Experten sehen unterdessen kaum
Chancen für Entschädigungen: Wie bei der strafrechtlichen seien auch
bei der zivilrechtlichen Aufarbeitung Verjährungsfristen zu
berücksichtigen.
Inzwischen sind weitere Fälle von allen drei deutschen
Jesuiten-Gymnasien - dem Berliner Casinius-Kolleg, dem Kolleg St.
Blasien im Schwarzwald und dem Bonner Aloisiuskolleg - bekannt geworden.
Mehrere Beauftragte der katholischen Kirche für Missbrauchsfälle
befürchten unterdessen, dass es weitere Opfer gibt.
Bislang 30 Opfer bekannt
Erste Missbrauchsfälle aus den 70er und 80er Jahren waren Ende
Jänner in Berlin öffentlich geworden. Dann kamen weitere Taten von
drei Jesuiten-Patern in Hamburg, Hildesheim, Göttingen, Hannover, im
Schwarzwald und in Bonn ans Licht. Die Zahl der Opfer liegt bei
mindestens 30.
Ein Berliner Schadenersatz-Experte wies darauf hin, dass nicht nur
bei Strafverfahren, sondern auch bei zivilrechtlichen Klagen
Verjährungsfristen greifen. Die Opfer hätten bis spätestens drei
Jahre nach ihrer Volljährigkeit aktiv werden müssen, sagte der Jurist
und Opfer-Anwalt Roland Weber. Sonst sei in
diesen Fällen der Anspruch auf Entschädigung hinfällig. Zwei Berliner
Rechtsanwälte prüfen derzeit im Auftrag mehrerer Opfer Zivilklagen
gegen das katholische Canisius-Gymnasium und den Jesuiten-Orden.
Die Kirchen-Beauftragten für sexuellen Missbrauch von Berlin und
Dresden-Meißen befürchteten, dass in Zukunft noch viele
Missbrauchsfälle auftauchen könnten. Die katholische Kirche habe das
Thema Pädophilie zu lange tabuisiert, sagte Prälat Armin Bernhard aus
Dresden. "Früher hat man den Fehler gemacht, dass man
diejenigen versetzt hat. Dann kann es immer weitergehen." (APA)