Kunstmarkt

Millionenstakkato gegen alle Erwartungen

5. Februar 2010, 18:39
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    foto: christie's

    12,8 cm Familie: Henry Moores Bronze wechselte bei Christie's für 433.250 Pfund den Besitzer.

Virtuoser Saisonstart: Der Kunstmarkt notiert einen neuen fulminanten Weltrekord und hohes Käuferinteresse

An der vergangenen Woche verlautbarten Marktführerschaft konnte sich Christie's tatsächlich nur kurz erfreuen. In der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit haben diese 56 Prozent spätestens mit der herausragenden Bilanz der Konkurrenz diese Woche rapide an Gewicht verloren. Umso mehr, als diese ohnedies nur auf dem Papier Geltung hatte, verdankte man sie doch einzig der Versteigerung der Sammlung Yves Saint Laurent & Pierre Bergé. Offiziell hatte diese im ersten Halbjahr 2009 einen Umsatz von 342,5 Millionen Euro (443,1 Mio. Dollar) in die Kassen gespült, inoffiziell könnte schon angesichts horrender Kosten für das Marketing und die Anmietung des Grand Palais auch ein Verlust gewesen sein. Als Privatunternehmen gewährt man allerdings keinen Einblick in die Bilanz, die solche Details offenlegen würde.

Darüber hinaus lief es für Sotheby's schon gemessen an den Verkaufsquoten seit den November-Sales in New York deutlich besser. Zusätzlich scheinen die Expertenteams von Sotheby's derzeit das Match an der Akquisitionsfront klar für sich entschieden zu haben. Das pfiffen die Spatzen angesichts des Aufgebotes an hochkarätigen Kunstwerken schon im Vorfeld der diese Woche in London erwirtschafteten Umsätze von den Dächern. Spätestens in den Abendstunden des 3. Februar war die Christie's-Marktführerschaft für Kenner des Kunstmarktes Schnee von gestern.

Dabei war es am Vorabend auch im Auktionssaal in der King Street mit einer Verkaufsquote von 81 Prozent mehr als passabel gelaufen. Das Total lag mit 76,83 Millionen Pfund (87,66 Mio. Euro) nach 69 Besitzerwechseln nur unwesentlich von den maximalen Hoffnungen entfernt. 48 Prozent des Umsatzes verdankte man dabei Käufern aus Europa, wozu auch solche aus Russland gehörten. Einer davon dürfte sich Natalia Gontcharovas Espagnole für den neuen Künstlerrekord von 6,42 Millionen Pfund (7,33 Mio. Euro) gesichert haben. Für Picassos Porträt seiner Frau Jacqueline (Tête de femme, 1963) trieben fünf Interessenten, darunter der New Yorker Händler Nick Acquavella, den Preis auf 8,1 Millionen Pfund (9,24 Mio. Euro) und damit zum den höchsten Zuschlag des Abends.

Anderntags wartete mit 39 Positionen eine weit schlankere Auswahl. Angesichts des berstend vollen Saals hatte es den Anschein, als ob der Ausgang des Abends vorhersehbar gewesen wäre. Bereits 20 Minuten später sollten sich diese Erwartungen erfüllen. Henry Wyndam, Auktionator des Abends und Chairman So-theby's Europe, eröffnete das Bietgefecht für Alberto Giacomettis L'Homme qui marche bei zwölf Millionen Pfund und hatte angesichts des Millionenstakkatos im Sekundentakt schnell seine liebe Not, die zahlreichen Gebote zu dirigieren. Tobias Meyer, Star-Auktionator und Direktor für zeitgenössische Kunst, grinste zu diesem Zeitpunkt bereits sehr unverhohlen. Dabei sollte selbst seine Prognose um die 40 Mio. noch übertroffen werden. Ein harter Kern von zehn Telefonbietern trieb den Preis innerhalb von acht Minuten auf 65 Mio. Pfund (74,18 Mio. Euro) oder 104,32 Millionen Dollar. Damit gilt die lebensgroße, noch zu Lebzeiten Giacomettis gegossene Bronze als neues teuerstes Kunstwerk, das über eine Auktion den Besitzer wechselte und sowohl Picassos Garçon à la pipe (Sotheby's 2004, 104,16 Mio. Dollar) als auch seine Dora Maar au chat (Sotheby's 2006, 95,21 Mio. Dollar) überholte.

Etwas verhaltener trudelten die Gebote für Gustav Klimts dank eines privaten Restitutionabkommens angebotene Kirche in Cassone ein. Sowohl der bisherige Eigentümer als auch Georges Jorisch verfolgten diese Minuten mit stoischen Mienen. Selbst als Wyndam bei 26,92 Millionen Pfund (30,72 Mio. Euro) sein "sold" verlautbarte, das immerhin zwei Familien einen veritablen Geldsegen verspricht, bewahrte man ein Pokerface. Nicht so das Team von Sotheby's, das nach 60 Minuten mit 146,82 Millionen Pfund sogar den vorläufigen Umsatzrekord auf Londoner Territorium für sich beanspruchen durfte. (Olga Kronsteiner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.02.2010)

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