Über das Handschreibensterben und das Schwimmen gegen den Strom der digitalen Gezeitengewalt - Ein Nachruf von der Paperworld- Messe in Frankfurt - Ein Essay
In Schönschreiben hatte ich immer einen Einser. Mit Griffel und Kreide auf der Schiefertafel umzugehen habe ich von klein auf gelernt; Bleistift und Füllfederhalter beherrsche ich. Der Kugelschreiber war zu Hause verpönt, der macht die Handschrift kaputt, und die sei das Spiegelbild der Seele.
Kalligrafie war sein Hobby, und er schrieb gestochen scharf, mein Vater, Jahrgang 1915. Und ich, geboren 1950, stehe jetzt, 2010, auf der Paperworld herum: Frankfurts "Internationale Leitmesse für Papier, Bürobedarf und Schreibwaren" . Ich, umzingelt von 2111 Ausstellern aus 66 Ländern - ich, der letzte mittelalterliche Mönch mit den letzten paar Majuskeln und Minuskeln auf Pergament. Nein. Noch weiter zurückgebeamt hat mich die Zeit, zurück zum Steinzeitmenschen gebombt, der in Keilschrift den eigenen Nachruf faustkeilt!
Ohne das jahrelang mitleidige Drängen des wohlwollenden Lektors und Redakteurs Dr. S. hätte ich niemals einen Laptop geöffnet, hätte "PC" fürderhin für eine Abart des "WC" gehalten. Meine Manuskripte erwartete er immer mit der Brieftaube, ein Jute-Säckchen mit Runen-Stäbchen im Schnabel! Denn: Ich schrieb alles mit der Hand, die, in schöner Ausgewogenheit, meine 50 Füllfederhalter bedienten. Jetzt müssen sie mich missmutig und eifersüchtig teilen mit meinem schreibmaschinen-papierweißen Laptop von Apple. Nicht wegen des Digitalismus bin ich hier! Wissen wollte ich, wer derzeit weltweit die besten und schönsten Schreibgeräte fabriziert, die neuesten Kolbenmechaniken entwickelt hat und, schlicht, welcher verdammte Füllfederhalter im Flieger endlich nicht mehr ausläuft und kleckst.
Ein Paradigma leibhaftig zu erleben, "ein Denkmuster, das die Weltsicht einer Zeit prägt" , habe ich an dieser Stelle nicht erwartet, habe ich nicht gesucht, habe ich vor allem nicht wahrhaben wollen: Computer versus Füller. Was Alltag, Hirn und Herz des modernen Homo bureauensis braucht und begehrt, ist hier bei Paperworld zu besehen, zu begreifen: Locher, Kleber, Stapler, Kopierer, Schneider, Schredder, Schreiber, Etikettierer, Leder, Drucker, Organizer, Kalender, Zeichner. Computer. Rundablagen, auch achteckig, auch farbig. Farben, Folien. Zirkel. Schul- und Kinderkram, Linkshänderlineale, giftfrei und beißfest für Babys. Und wälderweise Papier, Papier, Papier. Und Hobby und Basteln und Basteln und Hobby, als hieße Arbeitslosigkeit neudeutsch Freizeit. Natürlich auch Briefumschläge, bunte Billionen, als schöbe in den Modern Times auch noch irgend Seelchen heiße Liebe ins Kuvert!
Das sinkende Schiff
Je computriger eine Ausstellungshalle, desto busyer die Besucher. Es summt und brummt Maschine und Mensch, kaum Durchkommen in den Gängen, Japaner und Chinesen wie in Japan und China. Aber wehe, man betrete die 3.1., dort, wo anno dazumal die Heilige Halle Halter von Feder und Füller hortete! Sofort springt ins Auge: Es fehlt der Montblanc! Und der Hohepriester von Pencil & Pen weiß jetzt, was er längst zu ahnen gezwungen war: Das sinkende Schiff der Handschrift muss stranden ohne den weißen Berg. Und ohne den Wassermann. Denn auch Waterman blieb in Paris wie der weiße Stern in Hamburg. Zwar demonstriert Caran d'Ache of Switzerland noch Präsenz, exhibiert seine Nofretete, den Nobelkolben "1010" für 16.000 Euro, 800 in 500er handgefertigter Auflage hinter Panzerglas, passend dazu Manschettenknöpfe und Herrenhosengürtel in Nappa extrafein.
Auch seine durchlauchte Farbstift-Grafschaft von Castell zu Nürnberg-bei-Stein residiert gewohnt grasgrün und plüschig mit Flokati-Imitat, konfrontiert vom cool-kämpferisch aufgerüsteten megaminimalistisch modernen Großstand der Füllerfamilie Lamy aus Heidelberg, die - "Lamy wird bunt!" - den Franken das Kindergeschäft mit extrafetten Farbstiften streitig machen will. Aber! Wo sind wir? Wir sind in einer Nische! Halle 3.1., deren Kojen leer, deren Gänge licht, deren Gäste verwaist, unbehaust irrend zwischen Geschäften, die in dieser einst edlen Nachbarschaft handeln mit ungeahntem Schreibtischschund, Orgien von Nippes, Schnick-schnack feilgeboten zum Vollmüllen zeitgenössischer Kinderzimmer.
Ich schreie "Hurra!" , als ich meinen geliebten Dux-Bleistiftpräzisionsspitzer sichte, seit 1909 hergestellt in echtem Bakelit. Daneben die 15. Rucksack-Show und das 16. Ranzen-Festival für abertausende ABC-Schützen, die in der 17. Koje mit Schultüten ausstaffiert werden. Alles Plaste und Elaste von Billigheimer und Einfallslos. Aber, ich schreie zum zweiten Mal "Hurra!" , als ich in dieser Plunderworld entdecke - Kaweko, seit 1883, die Firma meines ersten Schulfüllers, die Kappe mit acht Kanten - Kaweko, wachgeküsst und mit höchstem technischen Know-how wiederbelebt vom tapfersten Widerständler gegen den Strom der digitalen Gezeitengewalt, Michael Gutberlet, trockentraurig konstatierend, das europäische Handschreibensterben habe den "fountainpen" längst Beiwerk werden lassen. Jawohl, jawohl. Und ich, das Fossil daneben, habe festzuhalten angesichts des Augenscheins, wehmütig und aggressiv: Füller und Feder im freien Fall, an die Ränder, an Peripherie und Horizont gedrängt wie Faustkeil und Steinzeit - Zentrum und Kern regiert der PC, die Welt wird digital redigiert.
Die Marginalität der traditionellen Schriftlichkeit beweist alleine schon diese rüde Ausstellungspolitik der Messeleitung, die die einstige Hochkulturschau zum Kramladen der Beliebigkeit heruntergewirtschaftet hat. Den Niedergang beweist auch diese bizarre Firma Prima aus Hieroglyphenland, stationiert am äußersten Rand jener Halle 3.1. Mit italienischem Design, deutscher Technologie und ägyptischem Preis will sie den deutschen Kuli-Markt "aufrollern" ! Wo doch der Kugelschreiberspitzenmessingdrahtproduzent Wieland nur noch Indien im Blick hat, für dessen täglichen 30.000.000-Kuli-Bedarf geliefert wird. Skurril in diesem Reservat des Artensterbens auch der Holländer Paagman, er entwickelte einen "Däumling" , einen daumendicken daumenkurzen Schreiberling. Pfiffig dieser "Mr. Answer" mit seinem Schülerstift, in den er einen ausrollbaren Spickzettel versteckt hat. Bleistifte zum Verknoten, Drehfüllhalter ohne Kappen, neue Griffmulden für den Pinzettengriff der Kids. Firmen, die sich "The fashion of writing" betiteln, die, wie "Cleo Skribent" , den Holzstift des humanistischen Gelehrten Conrad Gessner nachbauen gegen die mediokre China-Qualität zu chinesischen Dumping-Kosten. Oder der Gegensteuermann Räder aus Bochum, der Entschleuniger vom Dienst; er lässt aus dem Material seiner Schüler-Schiefer-Tafel ganze Schreibtisch-Accessoires arbeiten, mit gravierten Lebenshilfe-Mottos wie "Man muss immer tun, was man nicht lassen kann" oder "Pencil and a dream can take you anywhere!"
Klingt alles wie Notwehr! Selbst das Firmen-Programm "Papier, das Freunde macht!" der Schweizer Papier AG Artoz - ein Hilferuf? Die Padrona Doris Kufferath fragt: "Wie rettet sich das Selbst des Individuums in diesem Mittelmaß?" Sie druckt Papiere, einen Himmel voll freudvoller Farben und so viel davon, als wolle sie die IT-Zeit wieder wenden zu "love letter times" . Auch sie beschäftigt, wie so viele Aussteller, wie die Paperworld-Messe-Leitung selbst, Künstler. Künstler, die am Stand mit den Ausstellungsprodukten garantiert echte Anwendung vorführen. Wiederbelebungsversuche? Authentizitätsgeröchel! Das ist, angesichts der analogen Apokalypse, die Groteske an sich und nur noch dem Paläografen, dem Handschriftenkundler, verständlich, der sich in dieses Frankfurter Freilichtmuseum verirrt hat: Da thront die Kalligrafin als Nachfolgerin der mediävalen Nonne und schönschreibt mystifizierend die Namen der Besucher - als Giveaway, sagt sie. Und einen Gang, hier "Boulevard" genannt, weiter, fertigt eine spitzenbebluste Dame Scherenschnitte, lässt Biedermeiers grüßen! Was könnte das Regiment des Bildschirms, den Siegeszug dieser evolutionären Zwangserrungenschaft über meine Lebenszeit, unerbittlicher bestätigen?
Ich hätte meinen Nachruf lieber schöngeschrieben. (Peter Roos, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.02.2010)