Worum ein Autor des 21. Jahrhunderts einen in Vergessenheit geratenen Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts beneidet
Was muss Johann Georg Kohl für ein Leben gehabt haben!
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"Ich habe den Modus meines Alltagslebens jetzt höchst befriedigend arrangiert" , schreibt der Bremer Weinhändlersohn Johann Georg Kohl 1855 in La Pointe auf der Apostelinsel (heute: Madeline Island, Wisconsin) in sein Notizbuch und malt dann aus, wie er tagsüber durch die herrlichen Landschaften wandert, mitten unter den Menschen, die ihn so sehr interessieren, wie er abends heimkehrt in sein kleines Wigwam, ein bescheidenes Feuerchen entzündet, Gäste zum Palaver empfängt, beinahe täglich neue Leute kennenlernt und neue Geschichten und neues Material für seine Studien. "Alles, was ich sehe und höre, entzückt mich so sehr, daß ich die Vorbereitungen zum Löschen des Feuers, und wenn es schon Mitternacht ist, mit größter Trauer und Enttäuschung bemerke. Denn alle meine Tage hier scheinen mir zu kurz."
Vier Jahre später hat er diese Notizen in einem seiner erfolgreichsten Bücher veröffentlicht. Niemand kennt Kohl heutzutage, niemand liest seine dickleibigen Reisereportagen, die sich einst in Bestseller-Auflagen verkauft haben. Auch mir war er kein Begriff. Durch Zufall bin ich auf ihn gestoßen, wollte mich wegen des Familiennamens ein wenig mit ihm beschäftigen und bin nun von ihm besessen.
Auf dem Foto, das die Aufschlagseite von Kohls umfangreichen Berichten von Leben und Bräuchen der Ojibbeway an den großen nordamerikanischen Seen zwischen Wisconsin, Minnesota und Ontario ziert, blickt er kühl den Leser an; sehr distanziert, aber auch weich und verletzlich wirkt er. Kitchi-Gami: Life Among the Lake Superior Ojibway, so der Titel dieses ethnologischen Juwels, ist eines der wenigen nicht seit Jahrzehnten vergriffenen Werke aus Kohls umfangreichem Œuvre, nur auf Englisch ist es erhältlich, herausgegeben im Jahr 1985 von der Minnesota Historical Society Press. Das deutschsprachige Original von 1859, Kitschi-Gami oder Erzählungen vom Oberen See: Ein Beitrag zur Charakteristik der Amerikanischen Indianer, gibt es nur noch antiquarisch. Oder als elektronisches Faksimile auf den Homepages amerikanischer Universitäten.
Mit hartnäckig wachsender Angst vor dem Scheitern arbeite ich seit Jahren an einem Romanprojekt, das die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, also den oberösterreichischen Donauraum, zusammenbringen soll mit der Gegend, nach der ich damals Sehnsucht hatte: dem Wilden Westen Nordamerikas. Aber nicht jenem der Arizona-Tafelberg-Kulissen aus den Hollywood-Western. Mein Sehnsuchtsort war das Indianerland, wie es sich Karl May im sächsischen Erzgebirge zusammengedacht hatte.
Eine Vorlage plus einer perfekt stimmigen Hauptfigur für den einen Handlungsstrang, der an der Donau zwischen Passau und Zeiselmauer spielt, drängte sich geradezu auf: der oberösterreichische Zweit-Landesheilige Severin, der spätantike Abwickler des Imperium Romanum in den unwirtlichen und kalten Nordprovinzen des untergehenden Reiches. Aber Zeiten und Räume und Menschen im Nordamerika meiner Buben-fantasien, in denen sich das wüste Untergangsszenario der Völkerwanderungszeit an der Donau spiegeln ließe, wollten sich einfach nicht finden lassen. Ich suchte lange herum bei Franz Boas, dem deutschstämmigen Geografen und Ethnologen, der sich lange bei den Kwakiutl-Stämmen in den pazifischen Küstenregenwäldern im Norden der USA und Kanadas aufgehalten hatte, und der sein Metier unwiderruflich verändert hatte mit seinem Ansatz des Kulturrelativismus: Jede Kultur ist nur aus sich selbst heraus zu verstehen.
Auf einer Homepage der Washingtoner Library of Congress zum Thema Geschichte und Kultur der First Nations stand auf einmal mein Familienname. Ein gewisser Kohl hatte dazu geforscht und Schriften verfasst, die - in den USA - ihren Rang als fundierte und zuverlässige Quellen bis heute behalten haben. Johann Georg Kohl, geboren 1808, gestorben 1878. Ich besorgte mir sein Kitchi-Gami, was übrigens "Großes Wasser" bedeutet, genau wie "Ysura" , einer der ersten überlieferten Namen für die Donau, und kämpfte mich mit meinen Ann and Pat-Englischkenntnissen durch den Reisebericht von 1859.
Plötzlich ploppte die gesuchte Stimmigkeit und Zusammengehörigkeit auf. Das war es. Dieser Mann hatte monatelang bei den entwurzelten Besiegten gelebt, den Verlierern eines europäischen Kolonisierungsprozesses, deren Welt zusammengestürzt war, die nicht nur die ökonomische Basis verloren hatten, sondern denen nun bevorstand, aller Fundamente von Glauben, Sprache, Religion beraubt zu werden. So wie der heilige Severin, der die dem Untergang Geweihten im Auge hatte, als er durch die Wälder und Auen entlang der Donau gestapft war, sommers wie winters barfuß, falls man seinem Biografen Eugippius glauben darf, und versucht hatte, den Zusammenbruch einer Welt für die Betroffenen erträglich zu gestalten.
Unerschütterlicher Glaube
Die Beschäftigung mit dem Polyhistor, Sprachforscher, Bestsellerautor, Reisenden, Geografen, Ethnografen Kohl öffnete mein Romanprojekt in ungeahnter Weise. Die Geschichte der aboriginalen Stämme, die im Amerika des 19. Jahrhunderts nur noch den verelendenden Rand der enorm wachsenden europäischstämmigen Bevölkerung darstellten, ähnelte frappierend jener der norischen und pannonischen Romanen im 5. Jahrhundert. Die Befindlichkeit der Menschen während der Völkerwanderungszeit in Krems, Passau, Schlögen und Zeiselmauer wiederum muss gewesen sein wie jene der heutigen "kleinen Leute" in Basra, Kabul oder Darfur.
Gekennzeichnet von immer brüchiger werdenden Alltagen und Sicherheiten, umgeben von fremden Bewaffneten mit undurchschaubaren Motiven, stets eines gewaltsamen Todes gewärtig, unrettbar hineingeraten zwischen Interessen und Gruppierungen, die sich gegenseitig bekriegen oder in wechselnden Koalitionen einander traktieren mit Geiselnahmen, Erpressungen, Massakern, guerillaartigen Nadelstichmanövern.
Kohl, der Studienabbrecher und spätere Ehrendoktor der Universitäten von Königsberg und Boston, macht mich neidisch. Seine Notiz von La Pointe beschreibt meine Bubensehnsucht: in ferne Länder reisen, an den Lagerfeuern der edlen Wilden sitzen und ihren Geschichten zuhören. Das rührt an meinen Indianer-Traum, der von Karl May gespeist wurde, von den Büchern, nicht von den schlechten Filmen der 70er-Jahre.
Diesen Kohl und sein von May doch unterschiedliches Indianerbild in meinen Roman hereinzunehmen erweiterte die Möglichkeiten gewaltig. Von ihm ausgehend kann ich zu den Kindheits- und Jugendjahren in den Dörfern entlang der Donau kommen, von diesen Räumen ausgehend zu den Herulern, Rugiern und geplagten römischen Coloni der Severinszeit, von den Auwäldern meiner Knabenjahre zu Kohls indianischen Urwäldern am Lake Superior, und von diesen zu einem anderen Helden meiner Pubertät, der keine zwei Autostunden von Kohls Forschungsgebiet entfernt seine Kindheit und Jugend verbrachte, von Robert Zimmerman ist die Rede, Bob Dylan, geboren in Duluth, aufgewachsen in Hibbing.
Von Dylans Ansingen gegen die "Masters of War" kann ich die Schleife zurückführen zu meiner dumpfen Dorfkindheit in den Nestern mit den schweigenden Vätern und resignierten Müttern, die vergessen hatten, wie sie einst an jenem 12. März an der Straße draußen gestanden waren und ihren sie heim ins Reich holenden "Masters of War" ihr "Heil, Heil!" zugebrüllt hatten; an jenem Verkehrsweg, auf dem Jahrhunderte früher der barfüßige Severin gestapft war, um seine Schützlinge aus Künzing und Schlögen ins gerade noch sichere Mautern zu schaffen, und auf der ein paar Jahrhunderte weniger früher die Nibelungen gen Osten gezogen waren, um in Attilas Residenz zu sterben.
Ich beneide Johann Georg Kohl um den unerschütterlichen Glauben, es sei möglich herauszufinden, was all das bedeutet, das man sieht und hört und erzählt bekommt. Beneide ihn um die Hartnäckigkeit, mit der er jahrzehntelang durch Europa und Nordamerika reiste und alle Arten von Informationen sammelte, offensichtlich aus demselben Motiv, das 100 Jahre später den Herrn Hanta in Bohumil Hrabals Roman Allzu laute Einsamkeit antrieb: Die lustvolle Hoffnung, etwas zu erfahren, das er noch nicht gewusst hat über die Welt und das Leben und sich selbst, und die "Hoffnung, einmal etwas zu finden, das uns qualitativ verändert hätte" . Der Schreibende Hrabal aus dem 20. Jahrhundert macht sich allerdings, anders als der Schreibende Kohl im 19. Jahrhundert, keine Illusionen mehr. Leidenschaftslos merkt er an, dass diese Hoffnungen des Herrn Hanta töricht sind.
Ich beneide Kohl darum, wie er den Dingen und Gegebenheiten entgegengetreten ist mit dem unerschütterlichen Willen, alles zu erklären, und dem unverdrossenen Glauben, alles sei erklärbar. Und ich beneide ihn um seine Leser. Immer wieder sind in der deutschsprachigen Erstausgabe von Kitschi-Gami Sätze, ja, ganze Absätze in Englisch und in Französisch verfasst - ohne dazugestellte Übersetzung! Wohin nur ist es entschwunden, solch ein Publikum für Populärliteratur mit großen Auflagen, die von den Lesenden mehr fordert als ein paar Mausklicks bei Amazon und ein paar Stunden Lektürezeit.
Am meisten jedoch beneide ich Johann Georg Kohl um die Haltung, mit der er sich in seiner Zeit und Welt positioniert hat. Exemplarisch dafür das Motto, das er dem Bändchen Reise von Linz nach Wien vorangestellt hat. Da war sein Buch über Russland und die Ukraine kurz zuvor zum Bestseller geworden. Kohl hatte offensichtlich jene Abgeklärtheit gefunden, die auch in seinen Texten zunehmend spürbar wurde. Er hatte den Flop seines allerersten Buches, Des Deutschen Mundes Laute, das keinen einzigen Käufer gefunden hatte, verkraftet. Und er war dabei, den gewaltigen Erfolg seines Russland-Buches zu verdauen, das heute noch Maßstab und Muster für jeden sein könnte und sollte, der sich dem Schreiben übers Reisen in fremde Länder fächerübergreifend nähert.
Es hat mich umgehauen, dieses Motto: Gesegnet werde, wer da lobt, gesegnet werde, wer da zischt. (Walter Kohl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.02.2010)
Zur Person:
Walter Kohl, geb. 1953 in Linz, ist seit 1996
freiberuflicher Autor. Zuletzt erschien: Wie riecht Leben (Zsolnay
Verlag, 2009). Er lebt in Eidenberg bei Linz.