Wie gehen Ärzte mit eigener Krankheit um, fragte Julia Harflinger den Psychiater Friedrich Wurst und den ehemaligen Arzt und Coach Klaus Ratheiser
Standard: Der Arztberuf gilt als besonders fordernd. Orten Sie deshalb spezielle Gesundheitsrisiken?
Ratheiser: Im Spitalsalltag ist Stress, es bleibt oft nicht einmal Zeit, Pausen einzulegen. Eigentlich wissen Ärzte am besten, dass sie ihre eigenen Grundbedürfnisse vernachlässigen.
Standard: Wann ist die psychische Belastung besonders hoch?
Ratheiser: Wenn Ärzte in der Ausbildung alleingelassen werden oder Dinge tun müssen, die sie eigentlich noch nicht können. Denn daraus entsteht Angst vor dem Scheitern. Ebenfalls belastend sind dramatische Situationen, über die man nicht sprechen kann - etwa der Tod von Patienten oder Konflikte mit Kollegen.
Wurst: Ärzte haben schon immer viel gearbeitet und sich in einer besonderen Weise berufen gefühlt. Eines hat sich aber in letzter Zeit sehr verändert: der bürokratische Aufwand. Verwaltungsaufgaben halten Ärzte davon ab, ihren eigentlichen Beruf auszuüben. Budgetvorgaben und Reglementierungen geben ihnen das Gefühl, in Prozesse ihrer beruflichen Tätigkeit nicht eingreifen zu können. Lange Arbeitszeiten und Schichtdienste gehören auch zu den Belastungen.
Standard: Sind Ärzte häufiger krank als andere Berufsgruppen?
Wurst: Nein. Zur Gesundheit von Ärzten gibt es viele Studien. Die Datenlage ist allerdings unklar, denn zur Erhebung wurden unterschiedliche Instrumente verwendet. Auf dieser Grundlage kann man nicht mit Überzeugung sagen, dass Ärzte häufiger krank werden. Doch bloß weil eine Krankheit nicht häufiger vorkommt, ist das nicht bedeutungslos. Wenn Ärzte krank werden, brauchen sie selbstverständlich auch Behandlung.
Standard: Herr Ratheiser, Sie bieten als Präventionsmaßnahme Supervision für Ärzte an. Warum?
Ratheiser: Ich schaffe eine Atmosphäre, in der wir Auswege finden und Rahmenbedingungen verändern können. Ärzte empfinden es als Erleichterung, wenn sie über Erlebnisse und Gefühle reden können. Wo unausgesprochene Spannungen herrschen, ist es, als ob ständig eine Wespe durchs Zimmer schwirrt. Ich habe in meiner Ausbildung noch gehört "Gefühle sind Pseudoprobleme und müssen draußen bleiben". Jetzt gibt es dafür mehr Bewusstsein. Bis vor kurzem hatten viele Ärzte Scheu, über den Druck zu sprechen, unter dem sie stehen. Die Belastung kann sie an den Rand des Erträglichen bringen und zu Depression oder Suizid führen.
Wurst: Gilt das im besonderen Maße für Ärzte? Oder auch für andere Berufsgruppen? Das Klima ist doch insgesamt sehr rau, etwa für Polizisten oder Lehrer.
Ratheiser: In Spitälern ist die Dichte an emotionalen und dramatischen Erlebnissen sehr hoch.
Standard: Soll man Supervision verpflichtend verordnen?
Ratheiser: Ich bin dafür, dass es ein freiwilliges Angebot bleibt. Supervision wird zum Glück mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit, auch wenn sie rein zeitlich betrachtet schon Luxus ist. Es gibt ein Recht auf Supervision.
Standard: Sind Ärzte Vorbilder, wenn es um Gesundheit geht?
Wurst: Jeder ist aufgefordert, auf sich zu achten, das traue ich Ärzten auch zu. Es gibt Stimmen, die Übermenschliches verlangen, zum Beispiel dass sie sich auch im Privatleben immer vorbildlich verhalten sollen, etwa regelmäßig Sport treiben, keinen Alkohol trinken und ein ausgeglichenes Beziehungs- und Sexualleben haben. Hier muss man sehr vorsichtig sein, um die Ärzte nicht zu stigmatisieren. Und ein Eindringen in die Privatsphäre muss ausgeschlossen sein. Ärzte sind nicht besser, aber auch nicht schlechter als der Rest der Bevölkerung.
Standard: Es heißt, Ärzte mit Beschwerden gingen nicht gerne zum Arzt. Stimmt das?
Ratheiser: Ja, da gibt es eine gewisse Scheu.
Wurst: Bei banalen Krankheiten können Ärzte sich selbst behandeln. Oder sie fragen erst einen Kollegen auf informellem Weg. Deswegen entstehen nicht zwingend negative gesundheitliche Folgen. Doch eine gewisse Latenzzeit ist ein Thema. Das hat mit tradierten Erwartungshaltungen zu tun. Untersuchungen haben auch gezeigt, dass Ärzte sich fürchten, von ihren Patienten für inkompetent gehalten zu werden, wenn sie Krankheitszeichen zeigen.
Ratheiser: Wenn ich mich grippig fühle, mache ich mir eine Hühnersuppe. Auch eine Antibiotika-Therapie traue ich mir als Internist zu. Bei überlasteten Ärzten kann es aber sein, dass die Selbstwahrnehmung eingeschränkt ist. Ich könnte mir vorstellen, dass dann Symptome wie Magenschmerzen oder Suchtzeichen nicht gesehen werden. Sich Hilfe zu holen ist keine große Stärke der Ärzte.
Wurst: Das sollte aus meiner Sicht aber eine der Führungsaufgaben im Spital sein. Als Vorgesetzter ist es wichtig zu erkennen, wenn es einem Kollegen nicht gut geht - und es ist wichtig, das auch anzusprechen.
Ratheiser: Wenn die Ärzte in Sicherheit sind, dann sind auch die Patienten in Sicherheit.
Standard: Wie sollen Kollegen einen Arzt auf seine Krankheit aufmerksam machen? Schließlich könnte er Fehler machen.
Wurst: Wenn etwa ein Chirurg betrunken in den Operationssaal stürzt, dann sollen und müssen die Anwesenden das ansprechen. Bei anderen Erkrankungen muss man sich fragen, ob diese im beruflichen Alltag eine Rolle spielen. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Auch Patienten können, wenn sie annehmen, dass ihr Arzt krank ist, ihren Verdacht bei der Ärztekammer äußern. Das wird dann abgeklärt.
Ratheiser: Fehler ansprechen fällt schwer und sollte in einer angemessenen Atmosphäre stattfinden. Wichtig ist, Unterstützung anzubieten und keine öffentliche Hinrichtung zu veranstalten.
Standard: Warum gibt es eigene Gesundheitsprogramme für Ärzte?
Wurst: Das hat nichts mit elitärem Bewusstsein zu tun. In berufsspezifischen Programmen können die Patienten ihre Erfahrungen besser mit den Mitpatienten teilen. Ein suchtkranker Arzt hat einen anderen Kontext als etwa ein suchtkranker Bankkaufmann. Ein hervorragendes Beispiel ist die "Villa Sana" in Norwegen. Ärzte, die sich überfordert fühlen, können hier eine Woche bleiben, ganz ohne Diagnose. Psychiater und Psychotherapeuten sind als Betreuer vor Ort und helfen den Ärzten herauszufinden, welches Problem vorliegt. Ärztespezifische Gesundheitsprogramme sind ein Riesenerfolg, etwa in Kanada. Bei Alkoholkranken aus der Allgemeinbevölkerung hat ein Rehabilitationsprogramm eine Erfolgsquote von 50 bis 60 Prozent nach einem Jahr. Bei Ärzteprogrammen liegen die Abstinenzraten nach fünf Jahren bei bis zu über 90 Prozent. Das ist schon gewaltig.
Standard: Wenn der Arzt Patient wird: Was kann ein Perspektivenwechsel bewirken?
Ratheiser: Ich kann in diesem Punkt aus meiner eigenen Erfahrung sprechen: Durch eine Erkrankung war ich drei Monate außer Gefecht. Für mich als Arzt war die Patientenperspektive neu, etwa die neben den Mitpatienten im Krankenzimmer zu liegen und auf die Arztvisite zu warten. Ich habe mir viele Fragen gestellt, auch: "Werde ich je wieder arbeiten?" In dieser Zeit, nach 20 Jahren als Arzt, ist die Idee zu einer Karenzzeit entstanden. Ich habe beschlossen, ein neues Berufsleben zu beginnen, und wurde Berater für Spitäler, also bin ein Arzt für Ärzte geworden. (Julia Harlfinger, DER STANDARD Printausgabe, 8.2.2010)