Emile Zuckerkandl fordert vom Belvedere das Klimt-Gemälde "Mohnwiese" zurück, das er nach dem Krieg Rudolf Leopold verkauft hatte
Der Fall erfülle, so Anwalt Alfred Noll, die Bestimmungen des Rückgabegesetzes.
Wien / Los Angeles - Auch der Familie Zuckerkandl blieb nichts anderes übrig, als zu fliehen: 1938 wurde das von Josef Hoffmann gestaltete Sanatorium Westend in Purkersdorf samt allen Kunstgegenständen durch die Kontrollbank "arisiert" und an das NSDAP-Mitglied Hans Gnad verkauft. Emile Zuckerkandl, der 1922 in Wien geborene und in Los Angeles lebende Sohn des einstigen Sanatoriumsbesitzers Fritz Zuckerkandl, kämpft noch immer um die Rückgabe von Liegenschaften.
Nach dem Weltkrieg erhielt die Familie zumindest einige Kunstwerke zurück, darunter die Mohnwiese von Gustav Klimt aus dem Jahr 1907. Eine Genehmigung zur Ausfuhr erhielt sie vom Bundesdenkmalamt aber nicht. Denn: "Das Interesse an dem malerischen Werk Klimts ist noch immer im Steigen begriffen, und vor allem das kunstinteressierte österreichische Publikum hat ein Recht darauf, die Landschaften des heimischen Malers Gustav Klimt zu sehen."
Die Beschwerde der Zuckerkandls wurde vom Unterrichtsministerium abgeschmettert: Man wusste, dass die Österreichische Galerie ein hohes Interesse am Erwerb des Ölgemäldes hatte, und empfahl, sich mit dem Belvedere in Verbindung zu setzen. Was man - notgedrungen - auch tat: Im Juli 1949 gab die Österreichische Galerie bekannt, dass man 15.000 Schilling zu zahlen bereit wäre.
Emile Zuckerkandl antwortete, dass der Wert des Bildes, wie ihm mehrfach versichert worden war, weit höher sei: Er forderte 20.000 Schilling - "ein Preis, der nach Angaben der Spezialisten noch immer ein recht bescheidener ist". Doch das Belvedere hielt ihn für nicht diskutabel; es lehnte auch das Kompromissangebot von Zuckerkandl (17.500 Schilling) ab.
Ein paar Jahre später, 1955, bekundete der Wiener Augenarzt Rudolf Leopold Interesse. Zuckerkandl pokerte hoch - und nannte eine "extravagant" hohe Summe. Leopold ging in sich und machte Ende 1956 einen Kompromissvorschlag: "Da Ihr Bild in meine Sammlung sehr gut passen würde, bin ich jetzt bereit, Ihnen einen solchen wirklich außerordentlichen Preis zu bezahlen, nämlich 30.000 österr. Schilling." Zuckerkandl willigte im Jänner 1957 ein.
Ein Klimt gegen zwei Schiele
Leopold wollte das Gemälde aber gar nicht für seine Sammlung erwerben: Wenige Tage später bot er der Österreichischen Galerie die Mohnwiese an - im Tausch gegen zwei Werke von Egon Schiele, die ihn weit mehr interessierten, nämlich Kardinal und Nonne sowie Zwei kauernde Frauen aus der ehemaligen Sammlung Rieger.
Das Belvedere war einverstanden: Die beiden unmoralischen Bilder waren nicht ausstellungsfähig. Man dachte, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Denn die beiden Schieles hatte man 1950 um 11.500 Schilling erworben - und erhielt dafür einen Klimt, für den Leopold 30.000 Schilling bezahlt hat. Zudem musste der Augenarzt noch eine Holländische Landschaft von Rudolf Ribarz und einen Heiligen Aegydius drauflegen. Leopold schlug ein: Bereits am 16. Februar ging der Deal über die Bühne. Heute gilt Kardinal und Nonne als ein zentrales Werk von Egon Schiele - und ist viel wertvoller als die Mohnwiese von Gustav Klimt.
Emile Zuckerkandl hätte das Bild dennoch gerne wieder zurück. 2003 wandte sich dessen Anwalt Alfred Noll an Ernst Bacher, den damaligen Leiter der Kommission für Provenienzforschung. Und dieser antwortete, dass der Sachverhalt seines Erachtens eine Restitution nach dem Rückgabegesetz ausschließe.
Doch im November 2009 wurde das Gesetz, wie berichtet, novelliert. Seither sind nicht nur Kunstwerke rückgabefähig, die nach den Bestimmungen des Bundesgesetzes über das Verbot der Ausfuhr von Gegenständen unentgeltlich in das Eigentum des Bundes übergegangen sind, sondern alle Gegenstände, die Gegenstand von Rückstellungsverfahren waren. Noll ist der Überzeugung, dass die Mohnwiese daher restituiert werden muss. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2010)