Bildstarkes Erzählkino zum Anfassen

04. Februar 2010 18:38
  • Artikelbild
    vergrößern 500x223
    Foto: andy urban

    Großes kleines Kino: Lyle Lovett (li.) und John Hiatt unterhielten sich (und das Publikum) prächtig. Dazwischen wurde musiziert.

Zwei Männer in Anzügen, drei Gitarren. Mineralwasser und viel Text. Vor allem zwischen den Liedern. Die US-amerikanischen Songwriter John Hiatt und Lyle Lovett gastierten im Wiener Wuk

Wien - Wenn bei einem Konzert im Jahr 2010 die auftretenden Künstler keinen Verkaufsstand mit CDs oder T-Shirts betreiben, dann darf man davon ausgehen, dass das Eigenheim zu Hause schon abbezahlt ist. Entsprechend gelassen saßen am Mittwoch Lyle Lovett und John Hiatt in einem ausverkauften Wiener Wuk.

Die beiden US-amerikanischen Songwriter gönnen sich zurzeit einen Buddy-Urlaub in Europa, dem zwischen dem Sightseeing mit etwas gemeinsamem Musizieren zusätzlich Sinn verliehen wird. Mit drei akustischen Gitarren im Gepäck rückten sie ihre Stühle zusammen, baten darum, das Licht zurückzunehmen, um sich die kahlen Stellen nicht zu verbrennen - und hauten rein. John Hiatt eröffnete mit einem den Abend programmatisch verortenden Drive South, Lyle Lovett zierte sich noch etwas und bog mit LA County zuerst Richtung Westküste ab.

"Across The Borderline"

John Hiatt lebt in Nashville, und seine Songs wurden und werden von dutzenden Künstlern interpretiert und in die Charts gebracht. Von Größen wie Bob Dylan, Emmylou Harris oder Willie Nelson. Auch die berühmte Grenzland-Ballade Across The Borderline hat Hiatt mitgeschrieben. Er veröffentlicht seit 1974 Alben, sein 1987 erschienenes Bring The Family, auf dem neben Nick Lowe auch Ry Cooder gespielt hat, gilt als sein bestes und führte zur Gründung der kurzlebigen Supergroup Little Village mit Cooder, Hiatt, Lowe und dem kongenialen Schlagzeuger Jim Keltner.

Der Texaner Lyle Lovett veröffentlicht seit 1986 Country-Rock-Alben, ist hierzulande aber eher aus dem Kino als aus dem Radio bekannt. Lovett ist ein gefragter Nebenrollen-Darsteller in Hollywood. Der Mann mit dem so langen wie schiefen Gesicht spielte unter anderem in The Opposite Of Sex oder in den Robert-Altman-Filmen Cookie's Fortune und dessen Los-Angeles-Epos Short Cuts. Während der Dreharbeiten zu The Player lernte er Julia Roberts kennen und lieben. Ihr ging's nicht anders, und die beiden heirateten.

Live gab der wieder geschiedene Lovett neben musikalischen Leckerbissen immer wieder auch Vorstellungen seines schauspielerischen Talents. Denn die intime Show lebte zu einem Gutteil von den Geschichten, die die beiden zwischen den Songs erzählten. So vieldeutig nichts sagen wie Lovett muss man erst einmal können!

Die einäugige Fiona

Da saßen sie also und hatten viel Spaß mit sich und dem Publikum. Hiatt, der Expressionist und dominantere der beiden, gab früh sein Memphis In The Meantime. Lovett, abgesehen von seiner anhaltenden Begeisterung für George W. Bush ein grundsympathischer Typ, hielt mit spröden Balladen dagegen - der Impressionist im Team. Man diskutierte Songtitelmissverständnisse und Deutungsunterschiede anhand der einäugigen Fiona, die für Lovett eine Frau mit Augenklappe, für Hiatt ein Zyklop ist. So ging das launige zweieinhalb Stunden.

Mitunter gab es da natürlich Längen, da dieses Erzählkino zum Anfassen aufgrund seiner schlanken Instrumentierung stellenweise Dynamik vermissen ließ. Leider. Mehr Mut zum Duett wäre da dringend gefragt und notwendig gewesen, aber kaum einmal spielten und sangen die beiden gemeinsam. Die meiste Zeit wurde Sing-Song-Ping-Pong gespielt.

Dennoch gab es in diesem Hin und Her Höhepunkte. Etwa das etwas heftiger vorgetragene My Baby Don't Tolerate auf Lovetts Seite, Hiatt schlich sich wiederum mit Have A Little Faith In Me in die Publikumsherzen oder flutete mit der bildstarken Trennungsschmerzballade Crossing Muddy Waters die Äuglein harter Lederjackenträger im Saal.

Ein kleines Beserlschlagzeug hätte die Qualität des Sets wahrscheinlich multipliziert, ein charmanter Abend mit zwei Sympathen war es allemal. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2010)

 

Kommentar posten
24 Postings
Michael Aires
05.02.2010 17:02
fürwahr interessant

welch kapitilistische preise diese basis-marx..demokratische institution verlangt.

PuBär
08.02.2010 10:30

Hiatt und Lovett sind ja keine Unbekannten am Musikmarkt und damit auch nicht als Schnäppchen zu haben. A bisserl nachdenken vor dem Schreiben.

Isis Voyage
 
05.02.2010 23:05
endlich sagt's mal wer

das wuk ist teuer, lieblos betreut und das bier kann auch nix.

Affe&Affe
05.02.2010 16:53
Meine Lieblingsnummer von John Hiatt: "Slow turning"

PuBär
05.02.2010 10:00

John Hiatt is God.

Günter Schwaiger
05.02.2010 08:41
wrong place

großes konzert am falschen ort. da allein schon die mimik von lovett den eintrittspreis wert war, ist es wahrlich schade, dass alle besucher unter 1.80 praktisch nichts gesehen haben, da die bühne für die sitzenden protagonisten einfach zu nieder war. in der stadt der theater ist es einfach eine schande solche kaliber nicht in einer adäquaten umgebung präsentieren zu können. das wuk ist für vieles ein geeigneter veranstaltungsort, diesmal war es falsch gebucht. PS: lieber michael schottenberg, solche veranstaltungen würden dem ruf des volkstheaters nützen und wahrscheinlich durch die vermietung auch noch gewinn abwerfen, von der kantine red ich da gar nicht.

Holarähdulijeh
06.02.2010 12:11
Das war eine Fremdveranstaltung

Zur Verteidigung des WUK sollte man wissen, dass das Konzert von Lovett & Hiatt nicht vom WUK veranstaltet wurde, es war eine Fremdveranstaltung (von den Veranstaltern die u.a auch das Nova Rock Festival organisieren).
Dass das WUK ungeeignet war, die Bühne zu nieder, das Bier fad schmeckte und der Raum vor dem Saal verraucht war, stimmt. Das Konzert selbst war ein absoluter Hammer.

evil carnivel
05.02.2010 11:18

und zudem war die stimme von lyle lovett dermassen leise abgemischt, dass etwas weiter hintenstehende nichts verstehen konnten (verstärkt durch das endlose gequatsche einiger), woraus sich die wort-zu-lied bilanz etwas ärgerlich ausnahm, und das gefühl enstand, dass das, was oft als entspannt und souverän empfunden wird, einige reihen weiter hinten als eitel, kaltschnäuzig und selbstgefällig rüberkommt. nun wird man ja tontechnisch hier nicht gerade eben verwöhnt, aber dass dann nicht einmal zwei stimmen in verhältnis gebracht werden können, hat mich dann doch am linken fuss erwischt. autsch!

karl fluch
05.02.2010 09:19

stimmt. es hätte auch schon gereicht, die beiden auf ein 30cm podest zu setzen. aber das hätte ja jemand behirnen müssen ...

pardon!
05.02.2010 13:25

na hoffentlich liest das jemand vom wuk - das blöde bei der ganzen geschichte ist ja noch dazu, dass die mit sicherheit ausreichend podeste hinter der bühne haben. wirklich intelligent war das jedenfalls nicht und für die meisten wohl nur ein, wenn auch sehr schönes, hörspiel. schade, mitdenken wäre in diesem fall wirklich hilfreich gewesen!

Isis Voyage
 
05.02.2010 10:03
@ podest

stimmt. es ist mir ein rätsel, warum fast keine konzert-location in der lage ist, eine bühne so zu bauen, dass man (und v.a. frau!!!) hinsieht.

das wär mal einen sonderartikel wert.
bittedanke!

Michael Aires
05.02.2010 17:03
GASOMETER, STADTHALLE, SZENE

überall das gleiche, ebene hallen und kaum erhöhte bühnen.

Alter Knochen
05.02.2010 18:34

Szene ist mMn mit leicht abschüssigem Boden angelegt. Stadthalle geht durch ihre hohe Bühne noch, Gasometer ist bei vollem Haus aber echt mühsam.

Oliver Schmid
 
04.02.2010 22:58
zur erklaerung

ich bin durchaus bereit, fallweise ein wenig tiefer in die tasche zu greifen. mir scheint allerdings, dass sich die eintrittspreise fuer abendveranstaltungen der besonderen art von der leistbarkeit fuer jedermann wegentwickeln. zum beispiel haetten mich in diesem monat (u.a.) die folgenden events interessiert:
03.02. lyle lovett + john hiatt: 33 euro
06.02. henry rollins: 25 euro
09.02. element of crime: 30 euro
plus anfahrt, plus getraenke etc. ...
polemisch formuliert koennte man meinen, dass zuviel interesse an kunst und kultur mit solchen preisen bestraft wird. was ich allerdings so nicht verstanden wissen will.
und: ich bin niemandem neidig, der sich das leisten kann. ich koennte es und bin trotzdem nicht dazu bereit.

MrCostello
05.02.2010 11:41
Bedanke...

...dich bei den downloadern, keine CD-Verkäufe mehr, daher Einnahmequelle Konzerte, daher diese Preise... alles klar ?

TheBassplayer
05.02.2010 14:30

die preise sind aber schon angestiegen, bovor die download era losbrach!

Oliver Schmid
 
04.02.2010 19:32

kenne durchaus einige leute, die gerne dabei gewesen waeren, es sich angesichts von 33 euro eintritt aber anders ueberlegten. ging mir selber auch so.
kein wunder, dass die eigenheime der beiden kuenstler (und die der veranstalter/agentur) als abbezahlt betrachtet werden ...

Jo eh, aber...
04.02.2010 22:21

Also wenn ich früher erfahren hätten, daß die beiden hier spielen werden (und nicht erst am selben Tag), die 33 Euros wär mir das auf jeden Fall wert gewesen.

Truhe
 
04.02.2010 22:26

Haben Sie sich ihre "Liebe zur Musik" auch gekauft?

sdfad sdfaf
04.02.2010 20:36

33 Euro gleich... Der Preis ZWEI CDs... Wenn einem ein Konzert nicht einmal das wert ist, schätzt man wohl die Musik nicht wirklich.

henryandjune
04.02.2010 19:54

und die milch erst! die wrd auch immer teurer!

Die Schwalbe
04.02.2010 19:19
Danke

Es war ein wunderbarer Abend, und dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

lucarelli
05.02.2010 06:37

1) es war ein wunderbares konzert, man (fluch) darf aber hinzufügen, dass ein paar mehr gemeinsam vorgetragene nummern und eventuell ein dezentes schlagzeug ganz nett gewesen wären.

2) kritik an der entwicklung der ticketpreise finde ich im allgemeinen berechtigt. € 33,00 schienen mir für hiatt UND lovett aber eher günstig.

Michael Aires
05.02.2010 17:01
mit einem Schlagzeuger

wär sich aber nicht ein weiterer Koi im jeweiligen Riesen-Badesee ausgegangen.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.