Drei Monate vor dem Urnengang schauen Öffentlichkeit und Medien den Tories erstmals genauer auf die Finger
Eine ausgelaugte, Ideenlosigkeit mit Arroganz überspielende Regierung; ein unpopulärer Kabinettschef; die schlimmste Wirtschaftskrise seit 70 Jahren; das höchste Staatsdefizit aller großen Industrienationen - eine bessere Ausgangsposition kann sich eine Opposition kurz vor der Wahl kaum wünschen. Und tatsächlich war für den britischen Konservativen David Cameron der Amtssitz in der Downing Street monatelang in greifbarer Nähe.
Doch drei Monate vor dem Urnengang schauen Öffentlichkeit und Medien den Tories erstmals genauer auf die Finger und entdecken viele Unzulänglichkeiten. Hinter dem PR-freundlichen Chef steht ein profilloses Team, allzu viele Politikideen wirken unausgegoren, Alternativen zur Labour-Regierung sind nicht erkennbar. Vor allem hat ausgerechnet die Partei Margaret Thatchers ihre Kompetenz in Wirtschafts- und Finanzfragen eingebüßt. Schatten-finanzminister George Osborne beschwört gar eine Schuldenkrise à la Griechenland - als ließe sich die immer noch sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt mit einem Land vergleichen, das nur durch Beschönigung der Wirtschaftsdaten überhaupt Mitglied der Eurozone werden konnte.
Schon maulen einflussreiche Blätter wie die Financial Times, die Konservativen müssten "sich zusammenreißen" . Wenig spricht dafür, dass die Briten nach 13 Jahren Labour ihre Liebe zu Gordon Brown entdecken. Von der Alternative überzeugt sind sie aber längst noch nicht. (Sebastian Borger/DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2010)