Drei Gründe für das Nein zu Swift

Thomas Mayer, DER STANDARD, 4. Februar 2010, 23:55

Die Empfehlung des Innenaussschusses des Europäischen Parlament an das Plenum, bei der für nächste Woche geplanten Abstimmung gegen das Swift-Abkommen mit Nein zu stimmen, fiel ziemlich deutlich aus

Die Empfehlung des Innenaussschusses des Europäischen Parlament an das Plenum, bei der für nächste Woche geplanten Abstimmung gegen das Swift-Abkommen mit Nein zu stimmen, fiel ziemlich deutlich aus. 29 gegen 23 Stimmen bei einer Enthaltung verspricht in der Vollversammlung eine klare Mehrheit gegen den transatlantischen Austausch von Bankdaten. Zumindest so, wie ihn die EU-Innenminister Ende November unter Umgehung der Parlamentarier geplant haben. Denn auch die Mehrheit der Fraktionslosen von ganz rechts und links bis hin zur Hans-Peter-Martin-Gruppe sind eher dagegen.

Aber die Datenschützer sollten sich mit ihrer Vorfreude zurückhalten: Noch wird hart gekämpft und lobbyiert. Bis zum Votum ist es noch eine ganze Woche. Die größte Fraktion der Christdemokraten hat heute eine Verschiebung um einen Tag auf Donnerstag erwirkt, um Zeit zu gewinnen. Und auch die Sozialdemokraten sind keineswegs so geschlossen, wie sie tun: Die USA-treuen roten Briten und Spanier, stets verlässliche Sicherheitspartner, werden wohl für Swift stimmen. Die Nato mischt im Hintergrund mit.

Als ich gestern vormittag bei Abgeordneten im Brüsseler Parlamentsgebäude in dieser Sache recherchierte, trugen sich seltsame Dinge zu: Mandatare erzählten aufgebracht Geschichten von US-Vertretern, die bei den Fraktionen heftig intervenierten, um die weit verbreiteten Bedenken - vor allem aus Datenschutzgründen - in letzter Minute zu zerstreuen, um doch noch eine Mehrheit für das geplante Interimsabkommen zustandezubringen.

Es wird also von beiden Seiten intensiv um das Abstimmungsverhalten gerungen. Auch die Gegner des Bankdatenaustausches sind nicht gerade faul. Und viele Mandatare sind ehrlich unsicher, ob man sich eine Brüskierung der USA bei der Terrorbekämpfung wirklich leisten sollte, weil es dabei ja zweifelsohne auch um die europäische Sicherheit gehe.

Aus meiner Sicht sprechen drei Gründe stark dafür, dass das EU-Parlament das Abkommen, so wie es daliegt, ablehnt: aus inhaltlichen, aus rechtlichen, und aus politisch-strategischen Erwägungen.

Inhaltlich ist vieles unklar in der Vorlage der Innenminister. Das Parlament hat bereits im Herbst einen Rahmen definiert für die Art und Weise, wie mit den Bankdaten der Europäer in den USA umgegangen werden müsste. Daran haben sich die Innenminister offensichtlich aber nicht gehalten. Weder wurde berücksichtigt, dass die Menge der übermittelten Daten von vornherein minimiert werden muss, noch gibt es im Text eine klare Definition über die Zweckbindung und die Verhältnismäßigkeit der angewendeten Maßnahmen der Sicherheitsdienste. Die hätten im Zweifel ziemlich freie Hand, was sie mit den Daten machen, was der amerikanischen Tradition entspricht, nicht aber jener in vielen Ländern Europas.

Eine zweite Schwäche liegt in den Rechtsunsicherheiten. Es ist nicht klar, welchen Rechtsschutz Europäer genießen, wenn ihre Daten missbraucht wurden, an wen sie sich wenden können, wenn sie klagen wollen - die Vergehen lägen ja in den USA, etwa wenn Daten an Dritte weietrgereicht werden. Es ist offenbar auch nicht zwingend vorgesehen, dass ein unabhängiger EU-Rechtsschutzbeauftragter ständig prüft, was mit den Daten überhaupt geschieht, so sie einmal geliefert sind.

Die dritte Erwägung für ein Nein zum Interimsabkommen hat einen eher prinzipiellen, aber umso wichtigeren Hintergrund. Mit dem EU-Vertrag von Lissabon hat das Parlament seit 1. Dezember ein Mitentscheidungsrecht in allen Fragen der inneren Sicherheit, bei Justizfragen, bei Asyl, Migration etc., bekommen. Indem der Innenministerrat der Staaten dieses Abkommen am 30. November in letzter Minute durchgedrückt hat, nur um die Parlamentarier zu unterlaufen, hat er selber einen Misserfolg praktisch vorprogrammiert. Die EU-Abgeordneten müssten masochistisch sein, bei etwas zuzustimmen, woran man sie ausgeschlossen - und getäuscht - hat.

Bis heute verweigert der Rat bestimmte Papiere und Informationen. Das ist in einem Gesetzgebungsverfahren aber unerträglich. Ich hatte Gelegenheit, in einem strengstens vertraulichen Bericht des Richters Jean-Louis Bruguière über die Ergebnisse von Terrorbekämpfungsmaßnahmen (TFTP) der USA seit 9/11 im Jahr 2001 zu lesen, der an das Parlament ging: Es ist unglaublich, wie vage hier über Verfolgungsmaßnahmen berichtet wird, verblüffend, wie wenig den Abgeordneten in der Substanz berichtet wird - immer mit der Versicherung, dass die USA nur die allerhöchsten Standards von Datenschutz und Bürgerrechten garantieren würden.

Wer's glaubt wird selig. Swift wird eine Nagelprobe für das Europäische Parlament. Dieses Datenaustauschabkommen muss in aller Ruhe ausgehandelt werden, nach den Vorgaben von Parlamentariern, die die neue Grundrechtscharta im Auge haben, und nicht von der Exekutive, für die diese Grundrechte offenkundig eher nicht so wichtig ist. Deshalb wäre alles andere als ein Nein in Straßburg überraschend.

Was die Regierungen in Washington und in den EU-Hauptstädten in ihrem Eifer übersehen haben ist der Umstand, dass es für das Parlament um viel mehr geht als nur um Datenaustausch und Terrorbekämpfung. Sie müssen beweisen, dass ihnen die Mitsprache bei der Gesetzgebung zur Inneren Sicherheit ein Kernanliegen ist. Sonst könnten sie auf diesem Gebiet gleich zu Beginn des EU-Vertrages von Lissabon einpacken und sich zur willigen Abstimmungsmaschine für den EU-Ministerrat ausrufen.

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16 Postings
brusselsblogger
00
Mehr Infos

Hier mehr Infos zum Inhalt des SWIFT agreements - auf Englisch. Wer dem danach noch zustimmt dem ist nicht mehr zu helfen: http://brusselsblogger.blogactiv.eu/2010/02/0... agreement/

Österreich neu gründen
02
Frage: Welche Daten bekommt die EU von den USA ?

Christoph ************
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Die Mitgliedsstaaten bekommen Ergebnisse der Auswertungen die diese anders nicht bekommen könnten, da sie eigentlich schlichter Gesetzesbruch bzgl. Datenschutzrichtlinien etc sind.

Da man die USA aber mit diesem Abkommen effektiv rechtlich kaum beikommen kann, haben die Mitgliedsstaaten auch was davon.

Im Ganzen betrachtet eine sehr kreative Art des staatlich sanktionierten Gesetzesbruch.

Tricky Kid
00
würde mich auch interessieren

Ist SWIFT ein vice versa Abkommen, oder gehen die Daten nur in eine Richtung ---> USA? Wenn nicht, warum sollte sich die EU den Wettbewerbsnachteil geben? Dass in den USA alle Daten zu bekommen nur eine Frage des Preises ist, dürfte klar sein. Warum sich dieser Gefahr, ohne Rechtssicherheit ausliefern?

M.Honeybee
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One way ticket (bestenfalls Aufklärungsdaten z.b. um Verdächtige zu fassen - im EU-Raum).

Warum? Weil EU-Rat und Regierungen in der EU mitmachen.

frune
01
Wer diesem Murksabkommen

zustimmt, bei der Art und Weise wie es unter Umgehung des Parlamentes zustandegekommen ist, zeigt sich als Feind der Freiheit jedes einzelnen EU-Bürgers!

Wenn jetzt, wo endlich das Parlament die Möglichkeit hat, die Rechte des Souveräns (welcher ja der Bürger sein soll, NICHT der Kommissionspräsident oder Rat) zu vertreten und zu beschützen, dieses Skandalabkommen durchgewunken wird, dann wäre das ein beispielloser Skandal.

Das SWIFT-Abkommen stellte einen Präzedenzfall dar, der als Dammbruch in die Geschichte eingehen würde.
Entweder gelten in der EU rechtsstaatliche Prinzipien oder eben nicht.
Ich denke, ein Versagen des Parlaments in diesem Fall hätte den schrittweisen Zerfall des Projekts EU zur Folge.

iohui
03
es geht vor allem darum, ob ihnen bewusst ist, dass sie gewählte volksvertreter sind, die die interessen der eu zu vertreten haben

oder ob sie sich als söldner der usa im krieg gegen die interessen der eu-bürger und eu-wirtschaft sehen.

das gilt für die abgeordneten genau so wie für die minister.

bezüglich der geheimen zusatzvereinbarungen sollten wir eine unabhängige (vertrauenswürdige, was ja skandalöserweise nun für die eu- justiz- und innenminister nicht mehr gilt, da kein einziger gegen dieses abkommen gestimmt hat) behörde als gericht einsetzen, um den verdacht des landesverrats zu untersuchen und zu ahnden.
ASAP

Ava Tar
11
Interventionen von US-Mandataren bei Abgeordneten des Europaparlaments sind legitim ?

Ist ja lustig.

Vielleicht sollten demnächst 100 serbische oder türkische Vertreter
=>
bei unseren Nationalratsabgeordneten intervenieren

Nur so zum Spaß. Oder wenn's um die nächste Fremdengesetz-Verschärfung geht

100 Russen und 100 Chinesen könnte ich auch auftreiben

Das wird ein Spaß.

Idefix der zweite
 
00

Es wär so schön, wenn Sie aufhören würden, immer wieder (Mist) zu posten.

Ich bin selbst ganz entschieden gegen die Weitergabe von Daten unter den Voraussetzungen, die dieses Abkommen schaffen würde.

Aber was soll nicht "legitim" daran sein, wenn Vertreter der USA bei Abgeordneten des Europaparlaments "intervenieren" - was ja nichts anderes heisst, als dass sie die Abgeordneten kontaktieren und versuchen, ihnen ihre Sicht der Dinge näherzubringen.

Aber es wär ja noch schöner, wenn die pösen Amis ganz einfach mit Europäischen Abgeordneten reden dürften und das auch noch erlaubt wäre, da könnte ja jeder kommen, am Ende sogar ein Türk oder ein Chines, nicht wahr?

Ava Tar
01

Es gabe ine Zeit, zu der Interventionen verpönt waren. Unsere lieben Freunde sollen ihre Argumente auf transparente Art & Weise zusammenfassen und kundtun. Einzelbearbeitungen unserer Volksvertreter können sie sich schenken. Wir hatten ja mal so etwas wie das Bekenntnis zu mehr Transparenz in der EU.

Christoph ************
01

Sehr guter Kommentar der sich auch mit dem deckt, dass ich bisher so gelesen habe. Alle 3 Gründe sind völlig zutreffend.

Ich mache mir nur Sorgen, dass nachdem nicht nur eines sondern drei Artelierregimenter ausgerückt sind (US Delegation, Kommission, nationale Regierungen) und das EP unter heftigen Dauerbeschuss genommen haben, dass es eventuell noch gefährlich wird und eine Mehrheit einknickt. Die offenen Drohungen haben sich ja in ihrer Dreistigkeit ja ganz schön gewaschen. Kann das EP standhaft bleiben wo selbst die deutsche Regierung eingeknickt ist?

Das wäre tragisch aus eben jenen 3 Gründen.

Verzweifelnd
10

Artelierregimenter


???????

Atelier?
Artillerie?
Art?

Christoph ************
00

Korrektur: Artillerieregimenter
Ich hätte ja den Fehler ausgebessert, wäre der Kommentar nicht schon gepostet gewesen.

Haben Sie auch irgendwelche inhaltlichen Argumente vorzubringen?

Skordeno
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Es nennt sich "Foromat-dodging"! (-:

Sir Karl Popper
01
Die Fraktionslosen können oft Zünglein an der Wage sein.


Bei der äußerst knappen Konservativen+Rechten Mehrheit im November gegen eine Untersuchung der Medienfreiheit in Italien waren es genau 3 Stimmen. Mölzer und Co. haben Berlusconi natürlich genauso unterstützt wie die gesamte EVP.


Peter Eichorn
00
Mir erscheinen die Fraktionslosen

sowieso als die "ehrlicheren" Volksvertreter - denn dort herrscht wie ich weis kein Clubzwang, da kann jeder Abgeordnete wirklich unabhängig abstimmen. Deshalb ärgere ich mich auch immer, wenn die Fraktionslosen bei uns in den Medien immer so als unbedeutend dargestellt werden.

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