Gedenken an Briefbombe

Der Hund, der neben dem Toten saß und weinte

Wolfgang Weisgram, 03. Februar 2010 18:15
  • Artikelbild
    Foto: apa

    Oberwart, das auf Burgenland-Romani Erba heißt, vor 15 Jahren: Die Trauer um die vier ermordeten Roma ging tief. Denn sie nährte sich vom Schock über das Verbrechen.

  • Artikelbild
    Foto: apa/ulrich schnarr

    Nach dem Vierfachmord in der Nähe der Oberwarter Romasiedlung - der erste rassistisch motivierte Mord der Zweiten Republik - begann Stefan Horvath zu schreiben - über das Biotop, in welchem Franz Fuchs solche Vorsätze fassen konnte. Stefan Horvath ist Dichter und Vater eines Opfers

Am 4. Februar 1995 tötete die Sprengfalle des Franz Fuchs vier Roma. Der Schock über den Mord saß tief. Aber nicht nachhaltig genug, fürchtet Schriftsteller Stefan Horvath

Oberwart (Erba) - Am Donnerstag, ist Stefan Horvath in Radstadt und tut dort, "was ich eigentlich immer in meiner Freizeit tue" . Er geht in Schulen und erzählt. Erzählt von sich und den Seinen. Erzählt davon, wie es war und wie es ist. Und davon, wie einer so lebt und wie einer so stirbt - als "Zigeuner" .

Und immer wieder erzählt er von dem einen Tag. Heute vor 15 Jahren zerfetzte eine perfide Sprengfalle, die Franz Fuchs, der Briefbomber, in der Nähe der Oberwarter Romasiedlung deponiert hatte, den 40-jährigen Josef Simon, den 27-jährigen Peter Sarközi, den 22-jährigen Karl Horvath und den 18-jährigen Erwin Horvath.

Peter Sarközi war der Sohn des Stefan Horvath, die drei anderen Nachbarn, Freunde. Der Peter hatte einen Hund, einen Dackel, der hieß Murli. Mit dem ging Stefan Horvath zum Tatort und, so schrieb er es einmal, "zum ersten Mal habe ich einen Hund gesehen, der neben einem Toten saß und weinte" .

Er selbst, der Stefan Horvath, konnte das nicht. "Ich fuhr" , erzählte er einmal dem Standard, "mit einem Freund in ein Kaffeehaus nach Bad Tatzmansdorf, hab ihm nichts gesagt. Erst dann bin ich wieder zum Tatort zurück."

Polizei ermittelte mit beinahe ungewohntem Eifer

Da aber war dort und in der Nähe schon, im Vollsinn der Redewendung, der Teufel los. Die Polizei ermittelte mit beinahe ungewohntem Eifer. Sie durchsuchte - die Häuser der Roma-Siedlung, also den Wohnort der Opfer. Und sie dokumentierte damit etwas, das weit in die Politik hinein auf offene Ohren stieß.

Jörg Haider legte nach

Noch ein knappes halbes Jahr nach dem Attentat, im Juli 1995, erklärte Jörg Haider: "Wer sagt, dass es da nicht um einen Konflikt bei einem Waffengeschäft, einem Autoschieber-Deal oder um Drogen gegangen ist?" Und legte wenig später im Standard nach: "Warum schreiben Sie dann nicht, wie die Hintergründe der Familien der Opfer sind? Wie das mit dem Rauschgifthandel ist oder mit den Vorstrafen von Familienmitgliedern?"

Strafregisterauszüge waren vollkommen leer

Unter anderem deshalb sah Stefan Horvath sich gezwungen, in seinen Kurzporträts der Opfer quasi deren Strafregisterauszug anzuhängen, der, mit einer einzigen, jugendsündenartigen Ausnahme, vollkommen leer war.

Stefan Horvath begann zu schreiben

Nach dem Vierfachmord - der erste rassistisch motivierte Mord der Zweiten Republik - begann Stefan Horvath zu schreiben. 2003 erschien der Erzählband Ich war nicht in Auschwitz, 2007 der Roman Katzenstreu, der rund um den Mord und den Mörder kreist. Und das Biotop, in welchem Franz Fuchs solche Vorsätze fassen konnte.

Ein Biotop, das wieder an Konsistenz gewinnt. Stefan Horvath hat wieder ein Theaterstück geschrieben. Es dreht sich um die Paintball-Vorfälle in der Mauthausen-Außenstelle und die Ausfälle Wiener Gymnasiasten im KZ Auschwitz, wo Horvaths Eltern gewesen sind. "Warum" , so fragt sich Horvath, "ist das immer noch so aktuell für die Jugend?"

Das Theaterstück wird zurzeit von Oberwarter Schülern zur Bühnenreife gebracht und Ende April in Oberwart uraufgeführt. Und in der Arbeit mit den Schülern hat Stefan Horvath eine mögliche Antwort gefunden:"Die Kinder übernehmen 1:1, was im Wirtshaus geredet wird."

Gerede über "die Zigeuner" deutlich sensibler

Er meint damit nicht das Gerede über "die Zigeuner" . Diesbezüglich sei man seit dem Attentat "deutlich sensibler geworden, das muss ich sagen" . Aber was da in der Debatte ums nahe Eberau hochkocht, das "erschreckt mich" . Es werde nicht ansatzweise differenziert, nur "allgemein verurteilt" . Das erinnert ihn durchaus an die Stimmung der 1990er-Jahre, als die FPÖ ihr Ausländer-Volksbegehren durchzog.

Gedenken in Oberwart

Am Donnerstag, wird in Oberwart dem Vierfachmord gedacht. Bischof Iby und Superintendent Manfred Koch feiern einen ökumenischen Gottesdienst. Verteidigungsminister Norbert Darabos und Volksgruppenchef Rudolf Sarközi werden auch da sein. Johann Baranyai vom Oberwarter Romaverein wird eine Botschaft des Bundespräsidenten verlesen. Nur Stefan Horvath ist, wie gesagt, in Radstadt. Weil er reden will. Nein:wohl muss. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe 4.2.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 119
1 2 3
Don Vincenzo
04.02.2010 16:12

Derart widerliche Aussagen durfte der Haider bzgl. den ausländischen Opfern tätigen, aber Hauptsache das gesamte Standard-Forum wird gesperrt, wenn man etwas über Haiders Tod schreiben wollte...

widiwutsch
04.02.2010 18:15
Zumal die Opfer m.W. gar nicht ausländisch waren, oder?

Waren eben "ganz normale" Burgenländer Zigeuner (bitte nicht abwertend zu verstehen).

catfish eyes
04.02.2010 18:05

DerStandard ist eben auch nur eine Zeitung eines verlogenen, verschissenen Landes.

belgma
 
04.02.2010 14:16
ein klassiker zu diesem thema!

http://www.youtube.com/watch?v=r09HyMgvx6Q

Ahnungs Loser
04.02.2010 13:00
heutzutage

würden die leute applaudieren...

rompitasche
04.02.2010 17:27

damals hat der ORF ein paar Zuschauer einer Haider-Veranstaltung interviewt.

Die viel tats. der Satz "naja, man kann sich ja nicht alles von den Ausländern gefallen lassen".
Eine deutlichere Billigung dieser Morde würden Sie auch heute nicht in der Öffentlichkeit zu hören bekommen.

guzo
04.02.2010 21:20
Deutlichere nicht,

aber bedeutend mehr.

Horstl Schorschl
04.02.2010 16:29
Hinter verschlossenen Türen am Na** Ball.

poerney
04.02.2010 15:21

20 bis 25% zumindest.

belgma
 
04.02.2010 15:48

war damals auch nicht viel anders!

hab aus vielen richtungen nicht wirklich applaus, aber zumindest ein gewisses "verständnis" für den anschlag gehört oder mutmaßungen, dass das sowieso die roma selber waren.

alles in allem hat sich die betroffenheit in manchen kreisen jedenfalls sehr in grenzen gehalten :o(

Telerudi Telerudi
04.02.2010 12:20

Meiner Ansicht war der erste rassistisch motivierte Mord der Zweiten Republik, der an dem Pensionisten Ernst Kirchweger in den 60er Jahren, der vor der Uni erschlagen wurde.

do the evolution
04.02.2010 16:52
das mag viel gewesen sein

aber ein mord war es keiner

widiwutsch
04.02.2010 17:01
Sorry, mein Fehler, hier ging es um etwas anderes...

widiwutsch
04.02.2010 17:00
Nein, denn es war ein Vierfachmord.

Und zwar ein besonders hinterfotziger noch dazu.

Harry
04.02.2010 13:16

das war der erste politisch motivierte mord in der 2. republik!

Michl52
04.02.2010 22:56
Es gab schon mehrere politisch motivierte Morde in der 2. Republik.

Ernst Kirchweger gehört dazu - ist aber kein rassistischer Mord.
Heinz Nittl wurde erschossen - wahrscheinlich aus rassistischen Motiven.

W.Hammerl
04.02.2010 16:15

Weder noch, von Mord kann keine Rede sein. Es war Unfall oder möglicherweise Totschlag. Kirchweger war dem Täter nicht einmal bekannt.

Don Flamenco
05.02.2010 08:35

ah wenn man jemanden niederhaut ist das ein unfall?

Blanc de Blancs
06.02.2010 19:32

Bei unserer Justiz - Ja. Siehe Fall Natschläger.

Schwester Stern
04.02.2010 13:37

seh ich auch so.

Schreck
04.02.2010 11:40

Im Zusammenhang mit den Briefbombenmorden wurde übrigens auch die Bude der Teutonia durchsucht, die in dringendem Verdacht stand den Tätern/dem Täter Unterschlup zu gewähren und sich personell im umfeld zu bewegen.

Soviel zu Burschenschaften.

Mögen die Opfer, aber auch die Täter und ihr eMotive nie vergessen werden.

Michl52
04.02.2010 22:59

nur: Franz Fuchs war Mitglied der SPÖ.

so go
04.02.2010 09:50
Zum Glück bleiben uns Haiders Hetzen künftig erspart

Wenigstens konnte er noch ein letztes Zeichen setzen - oder besser gesagt: eine Ortstafel versetzen.

Wenn sich der Mann mehr Respekt verdient hätte, müsste ich heute nicht pietätslos sein.

Guhl der Shampoonierte
04.02.2010 17:51
Leider ist das mit dem Herrn Haider so wie mit Innenministern!

Kaum bin ich beruhigt weil der eine nicht mehr das ist kommt ein Ärgerer nach.
(Caspar Einem sei hier ausgenommen, dieser war diesbezüglich offensichtlich eine Fehlbesetzung)

Mir wird bei Strache genauso schlecht wie bei Haider und bei Fekter genauso wie bei Platter, Prokop, Strasser, Schlögl, Löschnak, ...!

thomazz
04.02.2010 15:08

die aktuell umtriebigen haider-klone stehen dem ziehvater um nichts nach. im gegenteil. und wieder laufen so viele österreichische dummschafe hinterher.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 119
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.