Die schwarz-gelben Träume sind geplatzt

Birgit Baumann, 2. Februar 2010, 19:06

Hundert Tage regiert Schwarz-Gelb nun in Deutschland. Das Zwischenzeugnis der Bürger ist so schlecht wie die Stimmung

In wichtigen Fragen schafft Kanzlerin Merkel keinen Konsens mit ihrem einstigen "Wunschpartner"  FDP.

***

Ein Gläschen Sekt zu trinken ist nicht geplant. Das übermorgige erste Jubiläum ihrer gemeinsamen Regierungszeit verbringen die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und ihr Vize Guido Westerwelle (FDP) getrennt. Zu feiern gibt es ohnehin nichts. Einhundert Tage sind die beiden nun im Amt - und das Zwischenzeugnis der Bürger fällt schlecht aus.

Bereits drei Monate nach Amtsantritt hat Schwarz-Gelb in Umfragen keine Mehrheit mehr. Vor allem die FDPverlor rasant in der Gunst der Wähler. Nur noch neun Prozent würden laut einer Forsa-Umfrage für sie stimmen. Bei der Wahl hatte sie noch 14,6 Prozent erreicht. Die Union hält sich immerhin bei 36 Prozent.

Dabei waren CDU/CSU und FDPvor einhundert Tagen eigentlich als "Wunschpartner" angetreten. In der großen Koalition seien eben immer nur große Kompromisse möglich. FDP und Union aber würden endlich in eine Richtung marschieren, tönte es während des Wahlkampfes unablässig.

Auch bei der Präsentation des Koalitionsvertrages Ende Oktober war man noch bester Dinge. "Um 2.12 Uhr waren wir mit der Arbeit fertig, und seit 2.15 Uhr sagen wir Horst und Guido zueinander" , verkündete der sichtlich zufriedene Westerwelle nach einer letzten, langen Verhandlungsnacht neben Kanzlerin Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer. Doch von derlei Aufbruchsstimmung ist nichts mehr zu bemerken. "Geistlos, planlos, lustlos" , sei die Koalition, konstatiert die Berliner Zeitung.

Wie aber konnte es dazu so schnell kommen? Politische Beobachter sind sich einig: Der Hund liegt im Koalitionsvertrag begraben. Den haben Union und FDP im Eiltempo ausverhandelt. Nach nur drei Wochen stand das Werk, als wollte man damit besondere Tatkraft in wirtschaftlich schwieriger Zeit beweisen.

Vieles im Vertrag ist daher ungefähr formuliert, häufiger als in anderen Koalitionsverträgen wurden offensichtlich strittige Fragen in Arbeitsgruppen ausgelagert, die erst noch entscheiden müssen.

Auch beim zentralen Vorhaben bleiben die Koalitionäre vage. Ja, man wolle zwar grundsätzlich eine Steuerreform (24 Milliarden Euro Entlastung jährlich), heißt es, aber bloß "möglichst" ab dem Jahr 2011. Und auch nur, wenn es die Staatsfinanzen zulassen.

"Wir wollen ein Deutschland, in dem sich Leistung lohnt" , betont Westerwelle seit Amtsantritt nahezu wöchentlich und weist auch darauf hin, dass das deutsche Steuersystem "geradezu enteignungsgleiche Züge" habe. Runter also mit den Steuern, lautet seine Botschaft. Die Union hingegen bremst. Kurz nach Weihnachten waren die Koalitionäre so zerstritten, dass Merkel, Westerwelle und Seehofer zu einem Krisengipfel zusammenkamen. Danach speiste man demonstrativ Steak in einem Berliner Nobelrestaurant und versprach einen Neustart.

Apropos Steuersenkung. Es ist ja nicht so, dass die Regierung noch überhaupt gar nichts zustande gebracht hat. Am 1. Jänner trat das "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" in Kraft. Dieses entlastet Familien mit hohem Einkommen, Erben und Hoteliers um 4,8 Milliarden Euro im Jahr. Doch wenig später wurde bekannt, dass die FDPzuvor eine Millionenspende von einem Hotelier bekommen hatte. "Reine Klientelpolitik" , betreibe die FDP, schimpfte die Opposition. Selbst der schwarz-gelben Landesregierung in Nordrhein-Westfalen wurde angesichts des nahenden Landtagswahltermins bange, sie forderte Korrekturen bei der (zuvor von ihr mitgetragenen) Vergünstigung für Hotels. Doch Merkel will jetzt nichts mehr daran ändern. "Ich mache mir keine Illusionen. Das wird keine einfache Legislaturperiode" , sagte sie anlässlich ihrer 100-Tage-Bilanz in einem Interview mit der Welt am Sonntag.

Dort erklärte sie auch, warum es mit dem einstigen "Wunschpartner" FDP so arg rumpelt und gar nicht harmonisch läuft: Das "Staatsverständnis" sei es, was Union und FDPtrenne. Aus Sicht von CDU/CSU könne der Staat nur dann stark sein, wenn "Leistungsträger ihre Leistung nicht permanent daran messen, was sie dafür zurückbekommen" . Mit diesem Seitenhieb meint Merkel:Ich will mich um alle kümmern, die FDP hingegen schaut nur auf das Wohl ihrer eigenen Wähler.

Der Frust des Ministers

Viel Spielraum lässt im Koalitionsvertrag auch das Kapitel Gesundheit zu. Der neue, junge Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) interpretiert es so, dass er eine Kopfpauschale einführen soll. Dies würde bedeuten: Jeder in Deutschland zahlt gleich hohe Krankenkassenbeiträge. Geringverdiener bekämen einen steuerlichen Ausgleich. "Wenn es mir nicht gelingt, ein vernünftiges Gesundheitssystem auf den Weg zu bringen, will mich keiner mehr als Gesundheitsminister haben" , meinte er dieser Tage etwas resigniert. Doch in Bayern sitzt CSU-Chef Seehofer und wehrt sich vehement gegen die seiner Ansicht nach "unsoziale" Kopfpauschale.

Auch wenn die ersten Monate im Amt desillusionierend waren - jetzt dürfte ein wenig Ruhe einkehren. Nordrhein-Westfalen wählt am 9. Mai. Dort geht es für Merkel und Westerwelle um jede Stimme. Denn wird die schwarz-gelbe Landesregierung unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) abgewählt, ist die bürgerliche Mehrheit im Bundesrat dahin. Und Merkel wird es noch schwerer haben, Politik zu machen. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2010)

Wissen:

Auch wenn die Polit-Performance zu wünschen übrig lässt, es gibt dennoch zu lachen. Nachdem sich Außenminister Guido Westerwelle (FDP) kurz nach Amtsantritt mit den Worten "Wir sind hier in Deutschland" weigerte, eine Frage auf Englisch zu beantworten, sorgt nun ein Video auf Youtube für Erheiterung. Es zeigt unter dem Titel "worse than Westerwave" , wie der künftige EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) miserables Englisch spricht.

Beide haben angekündigt, noch Englisch lernen zu wollen. Kanzlerin Angela Merkel spricht die Sprache übrigens gut, hat aber anderswo (lässliche) Schwächen. Wie der Spiegel herausfand, enthält ihr Promotionszeugnis einen Einser in Physik, aber nur ein "Genügend" im Fach "Marxismus-Leninismus" .

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 55
1 2
Raptor Jesus
00
Es ist Schade, wie so eine Bürgerrechtspartei zu einer Lobbyistengruppe degenerieren ließ, die immernoch den Anspruch hat, die Bürgerrechtler zu vertreten.

Früher hat sich die FDP immerhin für KPD-Anhänger Amnestie gefordert, nachdem diese nach dem umstrittenen Verbot politisch verfolgt wurden.
Sowas kann ich mir heute unter Guido Westerwelle garnicht vorstellen.
Auch bezeichnend war der Bruch der FDP mit ihrer damaligen Hochschulgruppe LSD. Mitlerweile vertreten die Piraten den Bürgerrechtsgedanken um einiges Realistischer.
Aber die frage bleibt; was ist bloß schief gegangen?

Gregg Popovich
00
FDP bricht weiter ein

Nach der neuesten Infratest-Umfrage hält die FDP nur noch bei 8%, während die CDU konstant bei 36% bleibt. Die Grünen sind mit 15% im Umfragehoch.

http://www.wahlrecht.de/umfragen/index.htm

Dass die Wähler vor allem die FDP abstrafen, während sich CDU/CSU halten können, dürfte bald für neuen Zündstoff in der Koalition sorgen.

Raptor Jesus
00
Wenn das so weiter geht hat Deutschland bald nur ein 4-Parteien-System

CDU/CSU
Die Grünen
Die Linken
Die Piraten

PERLENQWIEN
 
01
Mit diesem Seitenhieb meint Merkel:Ich will mich um alle kümmern, die FDP hingegen schaut nur auf das Wohl ihrer eigenen Wähler.

Ein Armutszeugnis für Frau Merkel; das hätte sie im Vorfeld wissen müssen.
Machterhalt am Regierungsbankerl um jeden Preis!

NRW ler seid wachsam!

Wir sind die Guten!
11
sehe ich auch so! die FDP ist die partei der wohlhabenden mittelschicht die will ihren wohlstand auf kosten aller mehren!

wie merkel auch nur irgendwie glauben hätte können, die würden etwas anderes mittragen ist mir ein rätsel!

Eman Gnitsop
 
10
"... nur ein "Genügend" im Fach "Marxismus-Leninismus" "


Nach ihrer Politik zu urteilen hätte sie aber eine bessere Note bekommen müssen.

Diese Reformblockade-Politik der C-Parteien würde eher die SPD als Traumpartner prädestinieren...

Käpt`n Blaubär
00
Zu diesem Themenkreis ...

empfehle ich das Buch "Machtwahn -
Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet" von Albrecht Müller (ISBN-13: 978-3-426-27386-9).

Hägel
00

Danke für den Tipp. Ist immer gut, wenn man weiß, warum Verrückte verrückt sind.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
00
Hier

hat man nichtmal Träume die platzen könnten. Leerlauf seit 50 Jahren, gelegentlich unterbrochen von Rückwärtsgang.

Cannondale27
72
Was für ein unsäglicher Artikel...

Was bitteschön soll eine neugewählte Regierung in den ersten 100 Tagen ihrer Amtszeit schon revolutionäres bewegen...???

Irgendwelche saudummen Bilder kann man von jedem Menschen sinnentleert und verfremdet zu einem scheinbaren Stimmungsbild konstruieren !!

Was hat der glorifizierte Obama mit seiner Regierungstruppe eigentlich in 1 Jahr Amtszeit schon bewegt - außer für NICHTS den Nobelpreis inzuheimsen...?? Dumm daherschwafeln, seinen 3. oder 4. Minister austauschen und nix fertigbringen..??

Und die ganze österreichische Leserschaft stürzt sich voller Häme und Schadenfreude auf dieses herbeigeschriebene Szenario bei ihrem Nachbarn, um von ihrer eigenen Chaotenpolitikern und deren Ergüssen abzulenken !!

Neues Österreich
02
Bei solchen Politbeobachtern

und Analysten, darf einen so manches in Österreich nicht wundern.

Redwraithvienna
00
Also Politifact sagt das er im ersten Jahr

91 von 503 Versprechungen gehalten hat, beo 33 einen Kompromiss geschlossen hat und 15 versprechen gebrochen hat.

Aber ich nehm mal an sie kennen sich in der US Innenpolitik nicht unbedingt umwerfend aus und sehen daher einfach nicht wo, was, wann und wie geschieht.

Und ich nehm mal auch an das sie nicht wissen wie wenig politische Macht der US Präsident im eigenen Land hat.

Im gegensatz zur Deutschen Bundeskanzlerin. Die sich ja auf eine vorhandene Mehrheit stützen kann und nicht jedesmal neue Koalitionen suchen muss um auch nur irgendwas zum laufen zu bekommen.

Cannondale27
00
Huch...

in Amerika ist also alles so schwierig und kompliziert und in Deutschland alles so einfach...!!??!!

Wenn Sie Oberauskenner mir das schon früher gesagt hätten, hätte ich eine völlig andere Meinung und ein anderes Weltbild!
(PS: habe übrigens 2 Jahre in Amerika gelebt)

Redwraithvienna
00
politisch gesehen durchaus oder würden sie mir nach

2 jahren erfahung (ich top das übrigens) nicht zustimmen ?

ich mein sind wir doch mal ehrlich ein parlamentarisches system wie in deutschland oder österreich hat den vorteil das wenn man mal die koalition hat es relativ einfach ist gesetze durchzubringen, und seinen sie noch so unpopulär.

in einem kongres system, noch dazu in einem in dem alle 2 jahre gewählt wird ist das durchaus etwas schwieriger.

oder ist ihnen das nicht aufgefallen ?

so go
02
PLATO kennt heute leider kaum noch jemand

denn sonst müssten viele der aktuellen demokratien als ochlokratien bezeichnet werden.

"jeder schaut auf sich selbst, dann ist für alle gesorgt"

vor rund 80 jahren wurde von freud die psychoanalyse gegründet! 50 jahre später arbeitete schon jedes unternehmen mit den erkenntnissen dieser wissenschaft und bezeichnet diese zivile Nutzung der PRopaganda als PR.
in den letzten 30 jahren sind übergriffe auf den rationalen verstand eines jeden einzelnen zum alltag geworden. wir haben uns daran gewöhnt, dass man uns desinformiert, damit wir auf das 'gut erzogene' unterbewusstsein angewiesen sind.

welch furchtbar schändlich werk'
wie schrecklich dass ich es bemerk
dort drüben steht der menschen berg
und ich hier fast allein, ich zwerg!

eric hurican
30
Das Problem in der schwarzgelben Koalition hat einen Namen: CSU*!

Mit Parteichef Horst Seehofer, den verlängerten Arm von Benedictus PP. XVI (bürgerlich Joseph Alois Ratzinger).
So hat jede Koalition ihre Eisenkugel am Fussgelenk.
Siehe die rotgrüne Koalition unter Schröder; da war es Mister Wendehals Joschka Fischer (zuerst in den 70ern mit Steinen gegen die Staatsgewalt, danach als Aussenminister Zustimmung und Freude am Bombenabwurf durch die Nato am Balkan)... usw.

hans wurst
 
00

wesentlich besser als ein Haider oder Schüssel, die ihr Leben lang die selbe rückständige Einstellung hatten.

diskdusk
 
20

Man ist ein Wendehals wenn man als Politiker innerhalb von 30 Jahren etwas an seiner Einstellung ändert? Dürfen die denn überhaupt nichts dazulernen?

eric hurican
00
Erst wenn man sich von seinem früheren Handeln DISTANZIERT, ist man kein Wendehals!

Sonst hat man nichts dazu gelernt. Ob heute, gestern oder in 30 langen Jahren!

Gschamster Diener, Herr Direktor!
01

Was ist schwarz-gelb und zerstört Deutschland?

- Eine gigantische, intergalaktische Killerbiene!

New Hampshire
01
Nur bedingte Freude

An dieser prekären Situation innerhalb der Regierung hat aber niemand wirklich Freude...

Auch der großen Oppositonspartei geht es schlecht (die SPD ist in Umfragen auf 21 % runtergerasselt - ein extrem schlechtes Ergebnis für eine Volkspartei).

Die Linke ist im Eck, nachdem Lafontaine krankheitsbedingt das Handtuch wirft und die Ost- & Westfraktion erbittert streiten.

Momentan spiegelt die deutsche Politik ein konfuses und armseliges Bild wider....der größte Staat innerhalb der EU sollte dringend eine vernünftig und zielgerichtet arbeitende Regierung bekommen....Österreichs & Griechelands & Italiens gibt's in der EU schon genug.

Dr. Wolfgang S. (Kanzler a.d.)
00
hi hi!

freu!

personal antivirus
03
ich komme um zu bleiben! ich komme um zu bleiben!!

oder doch nicht!

auch deutschland hat seine politiker verdient!
ein kurioses gespann! in der tat!

Wolfgang Keim
01
Ob das an der FDP liegt ?

und nicht an dem wirtschaftlichen sturzflug-luxury-wallowing der CDU dass der Laden noch nicht läuft. Halt auch unbeliebt sinnvolles Sparen.

angehender Medientechniker
 
00
FDP ist unschuldig

Der FDP mach ich keine Vorwürfe. Die vertreten Ihre Wähler(und das sind nun Mal Reiche die ihr Vermögen mehren wollen). Wär so als würde sich einer darüber aufregen, dass die Grünen sich für die Umwelt stark machen.

Vorwürfe sind eher der CDU zu machen. Die sehen sich doch selbst als Volkspartei, also sind die zur Verantwortung zu ziehen, wenn Entlastungen nicht alle treffen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 55
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.