Schriftliche und mündliche Texte wirken nicht nur visuell oder akustisch, sondern werden "multimodal" aufgenommen - KünstlerInnen nützen das, um Texte ästhetisch zu gestalten
Welchen Einfluss haben Stimme und Schrift darauf, wie wir Texte wahrnehmen? Diese Frage haben sich Wissenschaftlerinnen des Instituts für systemische Medienforschung in Wien gestellt. Sie haben sich mit der ästhetischen Gestaltung von Texten beschäftigt und heimische KünstlerInnen zu deren Methoden befragt.
Sechs Sprachmedien
"Texte sind nicht blutlose Informationskonserven, ganz im Gegenteil: Die Wahrnehmung von Schrift- und Lautbildern stimuliert alle unsere Sinne und fordert damit auch den Körper im Lese- und Schreibprozess heraus", erklärt Sibylle Moser, die wissenschaftliche Leiterin des Projekts. "Grundsätzlich werden Texte in sechs Sprachmedien gestaltet und wahrgenommen", erklärt die künstlerische Projektleiterin Katharina Gsöllpointner. Dazu gehören Stimme, analoge und digitale Aufzeichnung der Stimme, Handschrift, Druckschrift und Digitalschrift. Die Wahrnehmung von Texten passiert "multimodal", das heißt in diesem Fall mit fünf Sinnen. Schriftliche Texte werden also nicht nur visuell, sondern zum Beispiel auch auditiv oder haptisch wahrgenommen, mündliche Texte etwa auch in ihren kinästhetischen ("fließend") oder visuellen Eigenschaften ("dunkle Stimme"). "KünstlerInnen nutzen diese Wahrnehmungsmodalitäten, um bestimmte Aspekte der Textbedeutung durch Medien, Materialien und Techniken ‚aufzuladen‘", so Gsöllpointner. "Sie tun dies besonders, indem sie ihre Texte und Kunstwerke medienreflexiv gestalten."
Sich bewegende Wortskulpturen
Medienreflexivität in der sprachlichen Kommunikation bedeutet, die normalerweise als "blinde Flecken" der Wahrnehmung ausgeblendeten Eigenschaften von Sprachmedien bei der Gestaltung von Texten zu berücksichtigen. "KünstlerInnen tun das, indem sie zum Beispiel Gestaltungsmöglichkeiten des jeweiligen Sprachmediums - etwa die Beweglichkeit digitaler Schrift - in seiner Sprachform - etwa als sich bewegende Wortskulpturen - betonen, wiederholen oder spiegeln, das heißt reflektieren", sagt Gsöllpointner. Sie weist in diesem Zusammenhang auf die Computerinstallationen des Künstlers Peter Weibl hin.
Interviews mit KünstlerInnen
Für das Projekt "Ästhetisches Know-How. Sprache - Technologie - Medialität" haben die Forscherinnen 15 qualitative Interviews mit zeitgenössischen KünstlerInnen geführt, die sich mit der ästhetischen Gestaltung von Texten beschäftigen. Das über zwei Jahre laufende Projekt wurde vom Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) gefördert.
Ästhetisches Know-How
Hintergrund der Forschungsarbeit war, dass Medientheoretiker häufig die Materialität der Medien ("Medium" oder "Hardware") dem Inhalt ("Information" oder "Software") gegenüberstellen. Genau hier setzt das Projekt an: Es sollte empirisch konkretisiert werden, dass zwischen der Materialität und der kulturellen Bedeutung eine systemische Beziehung besteht. Anders gesagt: Man nimmt Texte nicht nur aufgrund ihres Inhaltes wahr, sondern auch aufgrund der Art und Weise, wie sie präsentiert werden. Für diesen bewussten Einsatz von Stimme, Schrift und ihren technischen Aufzeichnungen entwickelten die Forscherinnen den Begriff "Ästhetisches Know-How". Dazu gehört auch, dieses Wissen zu reflektieren und die Gegenüberstellung von Stimme und Schrift oder von Körper und Technologie infrage zustellen. "Der Begriff bezieht sich auf die These, dass dieses Know-How - als ein Aspekt der Medienkompetenz - auch vermittelt und erlernt werden kann", erläutert Gsöllpointner. Und Moser ergänzt: "Denn wer sich in den multimedialen Umwelten von Social Media erfolgreich ausdrücken will, der muss lernen, seine Texte für Augen und Ohren, aber auch für den Tastsinn - Stichwort: Interfaces - zu gestalten."
Homepage zum Ausprobieren
Für die anschauliche Darstellung der Forschungsergebnisse wurde die Homepage www.sprachmedien.at ins Leben gerufen. Dort kann der Rezipient anhand von Beispielen aktiv ausprobieren, auf welche vielfältigen sinnlichen Arten man Texte produzieren und wahrnehmen kann. (mak, derStandard.at, 10.2.2010)