Wirtschaftskammer und UBIT warnen erneut vor fehlenden Fachkräften in der IKT-Branche
Die Wirtschaftskammer Österreich und der für die IKT-Branche zuständige Fachverband UBIT warnen einmal mehr vor einem Mangel an IT-Fachkräften in Österreich. Aus Sicht von WKO und UBIT würde es "zu wenig Jugendliche, zu wenig Weitblick in der Berufswahl und auch zu wenig Frauen in der IT-Branche geben".
Mehr ExpertInnen am Arbeitsmarkt
Aufgrund der wirtschafltichen Situation gab es in der jüngeren Vergangenheit viele Kündigungen in der IT-Branche - Siemens oder Microsoft seien hier nur beispielhaft genannt - dennoch sollen Fachkräfte fehlen? Viele Betroffene können die "IT-Fachkräfte-Mangel"-Meldungen nicht nachvollziehen und sehen die Hauptprobleme in mehr Verantwortung, wachsendem Druck und deutlichen Gehaltskürzungen, die einen Job in der Branche immer uninteressanter machen. Auf der anderen Seiten wird ins Treffen geführt, dass es zu viele SpezialistInnen und zu wenig Basis-Wissen gebe, gerade das aber für die Unternehnmen wichtig sei, um daraufaufbauend die MitarbeiterInnen entsprechendend den spezifischen Anforderungen zu schulen. Außerdem würde aus der Tatsache, dass die geburtenstarken Jahrgänge, also jener Generation aus der die erste IT-Fachkräfte entstammen und die nun in Richtung Pension gehen, und den kommenden geburtenschwachen Jahrgängen, die weniger neue IT-Fachkräfte bringen, ein großes Problem erwachsen.
Nachwuchssorgen
So meint etwa der Wirtschaftskammer Oberösterreich-Präsident Rudolf Trauner
in einer Aussendung, dass die Nachwuchssorgen in der IT-Branche zur Konjunkturbremse für die gesamte Wirtschaft zu werden
drohen: "Oberösterreich droht im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie ins Hintertreffen zu geraten. Wenn IT-Unternehmen heute klagen, dass sie immer mehr offene Stellen dauerhaft nicht besetzen könnten, so wird damit nämlich nur die Spitze eines nahenden Eisberges sichtbar. Geht die Schere zwischen steigendem Bedarf und Absolventenzahlen weiter auseinander, fehlen schon bald tausende qualifizierte IT-Fachleute in allen Bereichen der Wirtschaft. Der jetzige Fachkräftemangel ist nur ein lauer Vorgeschmack auf die herannahende Flutwelle an offenen Stellen in den Informations- und Kommunikationstechnologiebranchen." Aus Sicht der Wirtschaftskammer können bis zu 47 Prozent der heimischen IT-Unternehmen jetzt schon dringend benötigte Stellen nicht qualifiziert besetzen.
Hemmschuh für die Gesamtwirtschaft
"Die demografische Entwicklung – das nahende Pensionsalter der ersten Generation an IT-ExpertInnen einerseits und geburtenschwache Jahrgänge unter den Berufseinsteigern andererseits – wird zunehmend auf eine Branche einwirken, deren Bedeutung für unseren Wirtschaftsstandort und unseren Wohlstand unaufhaltsam steigt", so die Aussendung.
"Der IT-Fachkräftemangel hemmt damit nicht nur eine Branche, die sich in den letzten Jahren zu einem essenziellen Wirtschaftsfaktor entwickelt hat, dieser Hemmschuh droht zu einer Konjunkturbremse für unsere gesamte Wirtschaft zu werden, denn: Informations- und Kommunikationstechnologien sind zur Lebensader von Industrienationen geworden und haben sich vom Handel über Industrie bis hin zum Finanzmarkt zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor entwickelt."
IT-Nachwuchs bleibt aus
Von den über 220.000 IKT-Fachkräften in Österreich sind nur etwa 20 Prozent bei IT-Unternehmen beschäftigt, 80 Prozent finden sich in Schlüsselstellen in allen Bereichen der Wirtschaft wieder.
Seit Jahren bleiben die Absolventenzahlen technischer Hochschulen hinter dem Bedarf zurück. "Während der Zustrom zu den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und den Geisteswissenschaften ungebrochen ist, absolvieren in Österreich nur knapp mehr als 3.000 Studierende pro Jahr erfolgreich ein Technikstudium. Nur etwa 16 Prozent davon sind Informatiker", sorgt sich die Wirtschaftskammer.
Frauenanteil in IT-Berufen minimal
Auch der geringe Frauenanteil macht der Wirtschaft Sorgen. Dazu die Aussendung: "Obwohl Frauen beste Voraussetzungen für IT-Berufe mitbringen und im österreichweiten Durchschnitt bereits die Mehrheit der Studierenden bilden, wählt nur ein verschwindender Prozentsatz (unter zehn Prozent) entsprechende Ausbildungswege. Dementsprechend gering ist der Frauenanteil in IT-Berufen. Im Gegensatz zu Ländern Osteuropas oder Indien liegt in Österreich das Potenzial weiblicher Fachkräfte für die Informationstechnologie nahezu brach."
Falsches Berufsbild
Einen wesentlichen und wichtigen Ansatz um diese Entwicklung zu ändern, sieht die WKO in einer Änderung von Image und Berufswahlverhalten. So sei das Image von IT-bezogenen Berufen längst überholt: "Noch immer ist das Bild von IT-Spezialisten von den Programmierern der ersten Stunde geprägt, die den ganzen Arbeitstag einsam vor ihrem Bildschirm verbringen. Jugendliche sind sich weder der vielfältigen Einsatz- und Aufgabenbereiche bewusst, die sich ihnen mit einer IT-Ausbildung erschließen, noch wie sehr ihre Kreativität, Teamfähigkeit und Lösungskompetenz in diesen Jobs gefragt sind", so die WKO.
Die Berufswahl
Es müsse zudem eine bessere Information und Orientierungsmöglichkeit der Jugendlichen bei der Berufs- und Ausbildungswahl geben. Ein wesentlicher Negativfaktor sie hier, dass "bereits früh in unserem Bildungssystem Mathematik und viele naturwissenschaftliche Fächer als Angstfächer gelten. Nur wenigen SchülerInnen und StudentInnen gelingt es, einen Bezug zur persönlichen Lebenswelt herzustellen. Daher werden technische Studienrichtungen gemieden, in denen diese Fächer Hauptursache für die hohe Rate an Studienabbrechern sind."
"Ein massives Problem"
Die IT hat sich in den vergangenen Jahren vom Kosten- zum Wettbewerbsfaktor gewandelt - damit ist das Angebot von IT-Fachkräften zu einem wesentlichen Standortfaktor geworden. Und gerade hier habe Österreich ein massives Problem, betonen Wilfried Seyruck, Stv. Obmann des Fachverbandes UBIT, und René Tritscher, Geschäftsführer des Fachverbandes Telekom (beides WKO), im IT-Jahrbuch "IT-Business in Österreich 2010", das vom IKT-B2B-Monatsmagazin Monitor zum bereits neunten Mal herausgegeben wird.
"IT-Offensive 2020"
Der Fachverband Unternehmensberatung und Informationstechnologie (UBIT) hat daher unter der Bezeichnung "IT-Offensive 2020" einen Umdenkprozess und eine breite Palette an Maßnahmen initiert, die dem Fachkräftemangel effektiv und langfristig entgegenwirken sollen. „Wir können aber nur Initiator, nicht aber alleiniger Träger der erforderlichen Maßnahmen sein“, so Seyruck. "Eine gemeinsame Kraftanstrengung ist nötig, getragen von den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft, allen voran jenen, die die Bildungs- und Ausbildungswege in Österreich maßgeblich gestalten."
IT-Koordinator
Aus diesem Grund fordert Seyruck dingend ein Gipfelgespräch mit allen betroffenen Institutionen, unter anderem mit dem Wirtschaftsressort des Landes, dem AMS, dem Landesschulrat, den Fachhochschulen, der Universität und der WKOÖ. "Langfristig brauchen wir einen fix installierten IT-Koordinator", so eine der Forderungen. "Es liegt an uns allen, den Schatz, der in der Kreativität unserer Jugend schlummert, für eine aussichtsreiche Zukunft zu heben", so die WKÖO.
Politik gefordert
"Die Probleme in der IKT-Branche werden von der Politik noch nicht als immanent wahrgenommen. Die Bedeutung der IT gerade für den Wirtschaftsstandort Österreich ist hier noch nicht tief genug in den Köpfen. Es bedarf daher einer gemeinsamen Linie und Vorgehensweise. Eine Stabstelle „IKT-Koordinator" würde deutliche Verbesserungen bringen, da die Kompetenzen an einer Stelle gebündelt würden", so Seyruck.
Lohnniveau
Auch dem Thema Lohnniveau in Österreich widmet sich die Wirtschaftskammer: "Das Potenzial gut ausgebildeter Mitarbeiter und deren Kreativität haben in der Vergangenheit so manches Unternehmen von einer Niederlassung in Österreich überzeugt. Produktivität, Qualität und Innovationskraft machten das hohe, heimische Lohnniveau wett. Umfragen unter Industrieunternehmen zeigen klar, dass qualifizierte Arbeitskräfte für die Standortbewertung wichtiger als die Lohnkosten sind. Das Lohnniveau schätzen nur 18 Prozent der Befragten in der Industrie als „sehr wichtig” ein, 69 Prozent halten hingegen die Qualifikation von Arbeitskräften für „sehr wichtig”. „Wo Fachkräfte fehlen, greifen nicht nur internationale Großkonzerne, sondern auch Mittelstandsunternehmen auf Outsourcing zurück und drohen in der Folge gänzlich in andere Regionen abzuwandern“, warnt Seyruck.
Entscheidende Standortfrage
IT-Unternehmen langfristig absichern
„Ziel unserer Offensive ist es nicht nur, den Bedarf unserer eigenen Mitgliedsbetriebe, der IT-Unternehmen in Österreich, an qualifizierten Fachkräften und damit ihre wirtschaftliche Grundlage langfristig zu sichern“, so Seyruck. „Vielmehr müssen wir auch die Nachfrage der gesamten Wirtschaft und der öffentlichen Verwaltung im Auge haben, die im Interesse von Wettbewerbsfähigkeit und Effizienz immer mehr auf IT-Experten setzen werden. Dieses Ziel wird sich in den kommenden Jahren zu einer entscheidenden Standortfrage entwickeln.“
IT in der Krise
Ein interessanter Aspekt in der Diskussion um den Fachkräftemangel in der IKT-Branche betrifft die Entwicklungen in den letzten Monaten. In vielen Bereichen wurden MitarbeiterInnen gekündigt, diese drängen auf den Arbeitsmarkt, werden dort aber allem Anschein nach nicht gerade mit offenen Händen empfangen. Beschäftigte in der IT-Branche klagen daher über mangelndes Interesse ältere ArbeitnehmerInnen zu beschäftigen und über sinkende Gehälter. Es scheint in diesem Zusammenhang oft so, dass langjährige ExpertInnen, die noch eine Weile bis zur Pension haben, aufgrund der finanziellen Forderungen nicht unbedingt als IT-Fachkräfte willkommen sind.
Spezialwissen nicht gefragt
"Die Wirtschaftsflaute hat zu einer gedämpften Nachfrage bei einigen Branchen geführt, das stimmt schon. Allerdings können die heimischen Unternehmen immer noch freie Stellen nicht qualifiziert besetzen. Durch den Personalabbau bei einigen Grossbetrieben, sind insbesondere IT-Fachkräfte auf den Arbeitsmarkt gekommen, die gut verdient haben und zumeist über sehr spezifische Fachkenntnisse verfügen, die bei anderen Unternehmen weniger gefragt sind. Diese IT-Spezialisten mussten ihre Ansprüche zurückschrauben, um wieder am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Einige sind auch in den Bildungsbereich gewechselt und sind nun als LehrerInnen tätig. Denn auch hier gibt es einen großen Bedarf in Österreich", so Seyruck.
Unternehmen müssen weiterbilden
Die Ausbildung an Universitäten und vor allem an Fachhochschulen sei ebenfalls noch verbesserungswürdig. Es würde auch hier zu sehr auf Spezialwissen gesetzt werden, anstatt ein breites IT-Basiswissen zu schaffen, auf dem de Unternehmen dann mit interner Weiterbildung aufsetzen könnten. "Langfristig kann man nicht davon ausgehen, dass frische Ideen nur durch frisches Blut daher neue MitarbeiterInnen direkt von der Universität oder Fachhochschule bekommen kann. Es bedarf auch einer stetigen Weiterbildung in diesem Bereich. Daher haben wir auch gemeinsam mit der GPA das „Bildungszertifikat" ins Leben gerufen, um Unternehmen auszuzeichnen, die das Thema Weiterbildung konsequent weiterverfolgen. Das Thema Weiterbildung ist wesentlich, man muss die Leute „jobready" halten", so Seyruck.
Angemessene Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen
Auf Seiten der ArbeitnehmerInnen werden hingegen die seit Jahren sinkenden Gehälter und eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen als Hauptgründe für einen Ausstieg aus der IT-Branche beziehungsweise mangelndes Interesse an IT-Jobs ins Treffen geführt. Nach dem Platzen der dotcom-Blase sei es zu einem dramatischen Wandel in der Branche gekommen, der sich auch in der jüngeren Vergangenheit - allen Fachkräftemangel-Meldungen zum Trotz - nicht geändert hat.
"Immer noch sehr gut bezahlt"
"Es stimmt, dass vollkommen überzogene Gehälter, die wegen des extremen Fachkräftemangels zur Zeit der Jahr-2000- und Euro-Umstellungen bezahlt wurden, mittlerweile der Vergangenheit angehören. Das Gehaltsniveau ist aber weiterhin vergleichsweise hoch. Trotz hoher Mindest-KV-Gehälter gibt es in der IT-Branche immer noch eine deutliche Überzahlung. Insbesondere bei Leitungsfunktionen im Raum Wien sind die Überzahlungen sehr hoch. Aber auch die Einstiegsgehälter sind auf einem sehr guten Niveau", so Seyruck.
"Es muss einen Wandel geben"
Das Thema der Überzahlung sieht man auch bei der Gewerkschaft - allerdings differenzierter. "SpezialistInnen, etwa im Bereich von Datenbanken, bekommen immer noch sehr gut bezahlt, aber dabei handelt es sich nur um einen verhältnismäßig kleinen Teil der ArbeitnehmerInnen", so Bernhard Hirnschrodt von der GPA. "Es muss auch in den Unternehmen einen deutlichen Wandel geben. Es mangelt bei älteren ArbeitnehmerInnen nicht an deren Qualifikation, sondern an der Bereitschaft der Unternehmen für entsprechendes Know How auch zu zahlen." Gerade weil sich derzeit der Arbeitsmarkt an sich wandle, müssten Unternehmen umdenken und die vorhandenen Potenziale auch nutzen.
Die Wirtschaftslage
Der Wandel müsse sich zudem auch im Bereich der Aus- und Weiterbildung niederschlagen. "In manchen Firmen geht man immer noch davon aus, dass man seine MitarbeiterInnen nicht adäquat weiterbilden muss - was im Bereich der IT natürlich ein großer Kostenfaktor ist - und man stattdessen die Arbeitskräfte billig am Arbeitsmarkt einkaufen kann. Dies ist aber langfristig keine zielführende Strategie", so Hirnschrodt. Der IT-Arbeitsmarkt sei generell sehr abhängig von der Wirtschaftslage - so sind seien die Gehälter vor zwei Jahren wieder merklich in die Höhe gegangen. Nun aber wieder auf ein niedrigeres Niveau gesunken.
Attraktivität steigern
Einigkeit zwischen Gewerkschaft und Wirtschaftskammer gibt es auch in der Frage der weiblichen Beschäftigten. "Wir haben in der IKT-Branche den niedrigsten Frauenanteil in allen Branchen. Auch dies gilt es zu verändern", so Hirnschrodt. Es liege auch an den Unternehmen die Attraktivität der IT-Berufe zu steigern und so für neue MitarbeiterInnen interessant zu machen.
Wenig Motivation
Ein weiteres großes Problem stellen gerade in der Telekombranche auch die mangelnden Aufstiegschancen dar. "Heute ist es vielfach so, dass die ArbeitnehmerInnen zwar lange im Unternehmen bleiben, es aber kaum Aufstiegschancen gibt. Die Beschäftigten sind am Ende ihrer Karriere meist noch immer auf den Posten wie beim Einstieg. Das ist auch keine große Motivation", so Hirnschrodt. Gerade was die Überzahlung in den Leitungsfunktionen betrifft, ortet die Gewerkschaft noch ein weiteres Thema: "Gerade in den großen Firmen gibt es zwar sehr wohl die Überzahlungen, aber auf der anderen Seite sind auch die Anforderungen stark gestiegen und die Arbeitsauslastung sehr gewachsen, dies führt zu einer großen Belastung und Stress." (Gregor Kucera, derStandard.at vom 4.2.2010)