Budgetsanierung per Datenklau?

1. Februar 2010, 18:37

Ökonomie und Moral am Beispiel Deutschland - Von Burkhard Müller-Ullrich

Zweieinhalb Millionen Euro sind natürlich ein Klacks, wenn hundert Millionen als Rendite winken. Soviel an hinterzogenen Steuern könnte der deutsche Staat bei den Betroffenen eintreiben. Oder zweihundert Millionen, wie der SPD-Vizevorsitzende Joachim Poß posaunte. Woher will er das wissen? Hat er die geklauten Daten schon gesehen und geprüft? Woher kommt überhaupt das ganze öffentlichkeitswirksame Geheimnis-Geplauder?

Angenommen, es gäbe diese ominöse CD gar nicht, irgendeine Steuerfahnder-Truppe hätte das unsittliche Angebot eines angeblichen Daten-Diebs bloß erfunden, so wäre doch der Hauptzweck allemal erfüllt. Denn allein aufgrund der bisherigen Berichterstattung werden bei den Finanzbehörden jede Menge Selbstanzeigen von Leuten, die etwas zu befürchten haben, eintrudeln.

Wie wäre ein solches Vorgehen rechtlich und moralisch zu bewerten? Darf der Staat lügen, um die Wahrheit zu ermitteln? Da es sich um eine Medienkampagne und keine offizielle Bekanntmachung handelt, wird man keine staatliche Stelle der Lüge überführen können. Es gibt also keine rechtlichen Konsequenzen. Moralische Entrüstung kann man sich auch schenken, schließlich gehört die Einschüchterung der Bürger zu den gängigen Mitteln des Staates bei der Durchsetzung seiner Normen und Ziele - allerdings mit gewissen Unterschieden: in Deutschland grundsätzlich mehr, in der Schweiz eher weniger.

Vielleicht ist an der Sache aber doch was dran. Vielleicht hat ein Krimineller dem Finanzminister tatsächlich diesen dreckigen Deal vorgeschlagen, und vielleicht geht die Regierung der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich darauf ein. Dann wird man das genauso rechtfertigen wie beim letzten Mal, nämlich damit, dass dieses Geschäft trotz seiner Verwerflichkeit eine Menge Geld in die Staatskasse spült. Dieses durch die aktuelle Finanznot des Landes ungemein verstärkte Super-Argument sollte Volk und Staat von den letzten Skrupeln ob der Legalität des Vorgehens befreien. Wie wäre es, den Reichen ihr Geld einfach wegzunehmen und sie aus dem Land zu jagen? Das brächte sicherlich noch mehr als zweihundert Millionen Euro.

Manche von denen können sich ja eine neue Existenz als Datendiebe aufbauen. Dafür bekommen sie von den deutschen Behörden jede Unterstützung. Aber Achtung! Der Markt ist fast schon überlaufen. Wie man nebenbei erfährt, bekommen die Finanzverwaltungen ständig irgendwelche Daten aus trüben Quellen angeboten. Und allmählich sinkt der Preis für solche CDs. Seit der Liechtensteiner Affäre vor eineinhalb Jahren um circa 50 Prozent. Wieder eine Wachstumsbranche mit beschränkter Zukunft. (Burkhard Müller-Ullrich, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 02.02.2010)

Zur Person

Burkhard Müller-Ullrich ist freier Journalist in Köln und Mitglied des Autorennetzwerks im OnlinePortal "Achse des Guten"

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    St. Tkocz
     
    01
    INSM im Standard?

    ... wenngleich mir die Zeit zu "beweiskräftiger" Recherche fehlt, deutet doch einiges darauf hin, dass der Autor dieses Artikels zumindest mit der INSM sympatisiert. Falls dem so ist, wundert der Inhalt natürlich gar nicht.
    Schade, denn mit geringem Recherche-Aufwand hätte sich sicherlich ein guter Artikel über die (mindestens) an Rechtsbeugung grenzenden sogenannten Pannen der deutschen Steuerfahndung und ihrer Vorgesetzten schreiben lassen. Da ging es um Zumwinkel, die abgesägte Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen, die Schwerpunktabteilung 35 für Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität und dreistellige Millionenbeträge. Nebenbei auch um den Rotary-Club. Alles nachzulesen hier http://tinyurl.com/y9whbud - und unter dortigen Links.

    S. Enfspender
    00
    Der Staat darf natürlich nicht lügen..

    ... aber er tut es ja permanent und warum soll er es in diesem Fall nicht tun?

    Geh!danke
    00
    In diesem Punkt habe ich kein Verständnis für die Schweiz, die sich gern auf ein Podest der hohen moral. Standards stellt!

    Wir erinnern uns an die lange Zeit geleugneten Konti ausgrotteter jüdischer Familien in der Schweiz, wir wissen um die afrikan. Gelder (teils Entwicklungshilfe), die auf Schweizer Konten thesauriert werden oder um die Steuerflüchtlinge aus den USA od. aus Deutschland bzw. Österr., die ihr Geld an den Steuerbehörden vorbei in die Schweiz trnasferierten. Schweizer Banken erfüllen die Rolle des Tathelfers, der um die eigene Zwielichtigkeit weiß, aber in geschickter Umwertung daraus ein ehrenhaftes Metier machte.
    Das nenne ich Chuzpe, wenn diese Schweizer White-collar-Ganoven die Deutschen der Hehlerei zeihen!

    Bruno Flex
    00
    Möchte wissen

    wer wirklich ein MORALISCHES Problem mit diesem Deal hat.

    Zulässig sind m. E. lediglich rechtliche Erwägungen. Ich sähe diesen Deal in einer Analogie zur Kronzeugenregelung: dabei man wird großer Kriminineller habhaft im Tausch gegen Freizügigkeit gegenüber kleinen.

    Moralisch OK und rechtlich auch.

    roßmann
    00

    pfuuhh, das ist ja eine extrem üble Seite, auf die da verlinkt wird. der Broder-Artikel auf der Startseite sagt schon alles aus... da kann sich der Unterberger noch was abschneiden...

    zu der Steuer-CD-Sache gabs heute in der Süddeutschen einen ziemlich erhellenden Artikel von Heribert Prantl, mit richtigen Argumenten, nicht billiger Polemik wie hier.

    azurro.
    14

    Hier von Datenklau aus kriminellen Motiven zu reden, ist völliger Nonsens.

    Denn an solche Daten kommt man ja nicht einfach so, sondern es ist wohl anzunehmen dass der Anbieter aus dem Bankenmilieu kommt und Zugriff auf diese Daten hat.

    Genauso sicher ist, daß er/sie nach Weitergabe der Daten dort nicht mehr sitzt und sich eine neue Existenz, wenn nicht neue Identität aufbauen muss.

    Dasselbe trifft auf Überläufer aus ähnlich mafiosen Kreisen zu und wird von der Justiz auch völlig legal genützt und mit ebenso hohen Beträgen finanziert.

    Auch Datenschutzprobleme sehe ich nicht. Im Gegensatz zum SWIFT-Abkommen etwa werden ja nicht alle Bankkonten ausgespäht, sondern lediglich eine Liste grosskrimineller(!) Steuerhinterzieher übergeben.


    tg77
    10

    ich hoffe das sich jemand dieser Drecksau persönlich annimmt

    grifter
    00

    Und ich hoffe, dass sich der Staat der Kriminellen (also der Steuerhinterzieher) annimmt.

    Bertel Mann
    02
    Alle die hier so aufgeregt von "Hehlerei" und "Straftat des Staates" quatschen, sollten sich einfach folgenden Link zu Gemüte führen:

    http://derstandard.at/126370647... -Datenklau

    Steuerhinterziehung ist und bleibt ein Verbrechen. Und im Gegensatz zu manch anderen Straftaten ganz sicher ein vorsätzlich geplantes. D.h. eine höhere Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden wirkt ganz sicher abschreckend.

    Plabutsch
    01
    Auf einmal so empfindlich ?

    Staaten haben sich immer auch Methoden ausserhalb der Legalität bedient - zB. im Geheimdienstbereich - um ihre Interessen zu wahren. Nur wenn es um Super-Reiche und um die Bekämpfung von Steuerhinterziehung geht, wird man plötzlich pinkelig ? Sehr seltsam.

    Was mich wundert : Wieso wurde diese Affaire überhaupt bereits vor Abschluss publik ? Ist doch sicher eher eine Geheimaktion, oder ?

    Lord Chaos
    00


    Wieso die Affaire publik wurde? Weil Deutschland einen dreifachen Vorteil daraus zieht:

    - Das offenbar mangelhafte schweizer Bankgeheimnis kommt massiv ins Gerede. Das ist genau das was Banken überhaupt nicht gebrauchen können. Sozusagen eine mediale Strafexpedition.

    - Die betroffene Bank wurde wohlweislich nicht genannt. Damit lebt jeder Steuerhinterzieher in D der Geld in der Schweiz deponiert hat mit der Gefahr enttarnt zu werden. Dadurch kommt es vermehrt zu Selbstanzeigen, auch von eigentlich nicht Gefährdeten.

    - Es ist ein klares Zeichen, dass Steuerhinterziehung viel stärker verfolgt wird und soll die Hemmschwelle heben.

    Simon Peters
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    Es ist lustig, wie sich die versammelte Poster-Gemeinde ständig und zu recht über das mangelnde (Un)Rechtsbewusstsein diverser Amtsträger (vom ehemaligen Finanzminister abwärts) aufregt, eine Straftat des Staates selbst aber laut bejubelt. Wenn sich schon der Staat selbst nicht mehr an seine Gesetze hält, warum sollen es dann seine Amtsträger oder generell seine Rechtsunterworfenen tun?

    qball
    07

    wie ich heute schon mal geschrieben habe: der deutsche staat hat nach derzeitiger rechtslage das recht in die privaten konten von ALGII emfängern einsicht zu nehmen. da ist es nicht recht weit her mit dem datenschutz.

    aber wenn der reichtum groß genug ist, soll man sein geld steuerschonend in der schweiz parken dürfen?!? das geht irgendwie am gleichheitsgrundsatz vorbei.

    im übrigen: wenn ich mich recht entsinne, verstöst der vorgang ja gegen kar kein deutsches gesetz.

    Eigeier
    01
    alles scheinheilig...

    schon vergessen oder nicht gehört ? Letztes jahr sind im bundesland Hessen zwei Steuerfahnder in den Vorruhestand und ihr vorgesetzer ins Ministerium versetzt worden. Warum ? Weil sie ihre Arbeit taten und dabei einige größere Fische angelten, die zusammen rd. 2 Mio Euro Steuern hinterzogen hatten. Beide wurden wegen psychischer Probleme - einer in den 30ern der andere ein Mittvierziger - nach angeordneter ärztlicher Begutachtung aufs Altenteil geschickt. Und da soll man an den staatlichen Eifer der Steuereintreibung glauben ? Warscheinlich ist der Verkäufer verwandt oder befreundet mit einem oder mehreren Politiker(n) und soll auch noch aus Steuergeldern bedient werden.

    Bertel Mann
    00
    "...und soll auch noch aus Steuergeldern bedient werden."

    Wenn Sie sich solche Sorgen um das Steuergeld machen: die Nachzahlung alleine der ersten fünf zu "Probezwecken" genannten Verbrecher, machen mehr als einen Million Euro pro Steuerhinterzieher aus.

    der 48er
    06
    am thema vorbei

    Der Artikel geht am Thema vorbei. Die Aussage "Wie wäre es, den Reichen ihr Geld einfach wegzunehmen und sie aus dem Land zu jagen" ist ja lächerlich.

    Im Grunde ist die Frage einfach: Darf der Staat Methoden anwenden, die gesetzlich im Graubereich liegen, um eindeutig illegale Machenschaften aufzudecken? Anders gefragt: Ist der Einsatz eines (sehr) kleines Unrechts gerechtfertigt, um sehr großes Unrecht im Dienste der Allgemeinheit zu korrigieren?

    Die Antwort kann IMHO nur sein: JA.

    In anderen Ländern (Rechtsstaaten) würde sich diese Frage gar nicht stellen. Dort ist es beispielsweise zur Bekämpfung des Drogenhandels möglich, dass die Polizei als verdeckter Drogenkäufer ("Scheinkäufer") auftritt.

    Normal1
    00
    auf den punkt gebracht

    danke

    Dreistein
     
    01
    Warum denn nicht?

    Mal angenommen, ich bin Mitwisser bei einer Straftat. Mal angenommen, mich würden Gewissensbisse plagen und ich würde diese Straftat -zur Anzeige bringen und Milderungsgründe einfordern. Dürfte dann der Staat - nach der Lesart des Hr. Müller-Ullrich - die Sache nicht verfolgen, weil ich doch ein Krimineller bin und mit Kriminellen macht man kein Geschäft?

    Natürlich würde die Justiz darauf eingegehen. Warum also sollte sie das aber nicht tun, wenn es um hochrangige Steuerhinterzieher geht, durchaus auch um die Elite des Staates?

    grumbleduke
     
    11
    Hallo? Ist Ihnen in Ihrem Beispiel nicht eine Kleinigkeit entfallen?

    Die Kleinigkeit von 2 Millionen die der Kriminelle vom deutschen Fiskus haben will?

    Das wird komischerweise bei jenen immer ausgeblendet, die mit Allerweltsbeispielen wie Ihrem daher kommen.

    Dreistein
     
    00

    Es kommt auf die Verhältnismäßigkeit an. Wer ist der größere Verbrecher - der Verräter oder der Täter?

    Bertel Mann
    01
    Die Kleinigkeit von 2 Millionen wird schon durch die fünf "Demobeispiele" von Kriminellen abgedeckt, die jeweils über eine Million Nachzahlung tätigen müssen

    Und Steuerhinterzieher sind Kriminelle.

    t-bonesteak
    03
    d.h. der staat darf dann auch keine

    undercover-cops einsetzen, etwa zur bekämpfung von drogen-, menschenhandel oder kinderprostitution, weil er ja nicht lügen darf?

    Kornmanns Zierrat
    00
    Wie heißt es so schön ?

    Zerscht kummt des Fressn und dann de Moral....

    guzz man
     
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    liebe standardredaktion

    bitte nehmt euch die reaktionen eurer leserInnen hier zu herzen. es freut mich sehr, dass im großen und ganzen hier alle kommentare "äußerst sachlich" zu eurer publikation stellung nehmen.

    die klar geäußerte empörung als plattform für die "achse des guten" (was für eine formulierung ???) zu dienen, kann ich nur bekräftigen.

    österreich braucht dringenst gute medien. ich hab euch bisher immer verteidigt, aber hier habt ihr meiner meinung nach "einen ziemlichen bock geschossen".

    vielleicht könnt ihr ja noch was "geradebiegen".

    mit enttäuschten grüßen
    guzz man

    WAB6
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    lieber guzz man!

    bitte um erklärung: was willst du uns mit deinem posting sagen? vielen dank!

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    Posting 1 bis 25 von 93
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