Minilöhne, Video-Überwachung und Toiletten-Verbot? derStandard.at hat sich als Kassiererin die "dunkle Ecke" des Job-Markts angesehen
Begonnen hat es mit der naiven Idee, eine Schlecker-Mitarbeiterin zu
interviewen. Die Kassiererin kniet vor einem Regal und schlichtet am
Sortiment. Zwei Kunden sind im hinteren Teil des Ladens. Ich grüße,
knie mich neben die Angestellte und frage mit gedämpfter Stimme: "Kann
ich Ihnen kurz ein paar Fragen stellen?" Was folgt, lässt mich
zusammenzucken. Die Dame fährt mich schreiend an: "Kommt darauf an,
welche."
Ich bleibe ruhig und erkläre ihr, ich würde Sie gerne interviewen.
Anonym natürlich. "Nein", bellt sie lautstark zurück, während sie
direkt in die Videokamera über ihrem Kopf schaut. Die beiden Kunden
starren jetzt reglos in unsere Richtung, die Hände fest an ihren
Einkaufswägen. Ich fühle mich wie ein Ladendieb. "Danke", sage ich noch
und frage mich in der gleichen Sekunde, wofür. Sie hat Angst, geht es
mir durch den Kopf, während die Tür hinter mir ins Schloss fällt. Und:
Wenn die Angestellte nicht nach außen gehen will, muss ich eben rein.
***
"Keine Erfahrung im Verkauf?" "Keine", antworte ich
wahrheitsgemäß. "Haben Sie einen Lebenslauf mit?" Michaela Römer* fragt
forsch, aber freundlich. Sie ist Bezirksleiterin und "Herrin" über 22
Schlecker-Filialen. Mit meiner Karriere ist es laut Papier nicht weit
her. Hauptschulabschluss, ein Jahr Polytechnikum, keine weitere
Ausbildung. Nach Zeugnissen fragt R. nicht. Nur eine Meldebestätigung,
zwei Passbilder und ein polizeiliches Leumundszeugnis soll ich
nachbringen.
Mein Gehalt? 492 Euro brutto für 16 Wochenstunden, macht 412 Euro
netto. Klingt nicht viel, liegt aber laut Gewerkschaftsangaben sogar
ein klein wenig über dem gesetzlichen Kollektivvertrag für
Handelsangestellte.
Noch bevor ich als Kassiererin beginne, habe ich eine Vorstellung
von den Arbeitsbedingungen bei Schlecker: Die kleinen, oft etwas
schmuddelig wirkenden Drogerie-Läden sind meist nur mit einer
Teilzeit-Mitarbeiterin besetzt, die dem Alltag ausgeliefert ist, ohne
Telefon, aber mit umfassender Verantwortung ausgestattet und stets mit
dem Risiko vor Augen, dass ein Testkäufer oder Kontrolleur hereinkommen
und die Lage inspizieren könnte.
Kassieren, putzen, räumen
Meine Filiale ist noch kleiner, als ich es mir vorgestellt habe. Die
Nacht über hat es geschneit, Straßenbahnen und Busse weggeweht und ich bin an meinem ersten Arbeitstag
um einige Minuten zu spät. Nicht der beste Einstieg, das ist mir klar.
Die Filialleiterin, Erna Wedenig*, nimmt meine Entschuldigung zur Kenntnis
und stellt mich meiner Kollegin vor. Es überrascht mich nicht, dass sie
das Thema dann doch noch aufnimmt: "Pünktlichkeit, Sauberkeit und
Freundlichkeit sind das Wichtigste." Das gibt es auch schriftlich - an
der Innenseite der Bürotür klebt ein vergilbtes Plakat: Freundlichkeit
gegenüber den Kunden ist unser oberstes Gebot. An der Wand hängt ein
gerahmtes Bild, das ein freundlich-harmlos wirkendes Ehepaar Schlecker
zeigt. Er, Anton, im Countryhemd und schwarzen Jackett, Christa im
adretten Kostüm mit weißer Bluse, beide lächeln, beide blicken starr.
Vergleicht man Archivbilder, dürften die zwei in den letzten zwanzig
Jahren nicht mehr gealtert sein.
Mein erstes Einsatzgebiet: Sortiment sichten. Die Filiale ist
tipptopp geputzt, die Artikel stehen stramm gereiht an ihren Plätzen.
Etikett nach vorne." Alles muss schön gespiegelt sein", erklärt mir
W. das strenge Regiment in den Regalen. "Wenn gerade kein Kunde da
ist, wische ich schnell die Shampooflaschen mit Glasreiniger ab oder
Staub weg."
Auf Reinigungsfirmen verzichtet Schlecker gänzlich. Fürs
Toiletten-Putzen, Bodenwischen und Schaufensterwaschen sind die
Mitarbeiter zuständig. Punkt eins im Dienstvertrag hält fest: "Der
Arbeitnehmer wird mit allen in der Verkaufsstelle anfallenden Arbeiten,
einschließlich Inventur- und Reinigungsarbeiten, nach näherer Anweisung
der Firma bzw. des Vorgesetzten beschäftigt."
Zweites Wohnzimmer
Neun Jahre arbeitet W. bereits hier, die Arbeit hat sie zur
Chefsache erklärt. "In meinem Wohnzimmer ist es ja auch sauber, warum
soll es hier nicht so sein?" Demonstrativ schnappt sie sich ein Stück
Küchenrolle und wischt Schmutz vom Boden auf. "Wenn kein Kunde da ist,
gehst du schnell mit dem Besen durch." Dass sie mich plötzlich duzt,
irritiert mich, weil es eine pseudo vertraute Situation schafft, die
mir unangemessen erscheint. Um Distanz zu bewahren, bleibe ich
konsequent beim "Sie".
Über manche Preisschilder sind transparente Schildchen gelegt.
"Grün heißt, dass wir davon noch Ware im Lager haben, gelb heißt, dass
die Haltbarkeit bald abläuft", klärt mich W. auf, während sie einige
Tafeln Schokolade nach ihrem Ablaufdatum schlichtet. Die frischesten
kommen nach hinten.
Eine Pause gibt es erst nach sechs Stunden, sagen die Vorschriften.
Für mich gibt es demnach keine, denn länger als sechs Stunden dauert
meine Arbeit nie. Noch schmerzlicher als das Magenknurren trifft mich
das strenge Rauchverbot selbst vor der Filiale. Zeitweise fühle ich
mich wie auf einem Langstreckenflug. "Da machen wir keine Ausnahme,
nimm dir halt ein Zuckerl mit", versucht mir W. beizustehen. "Ich sag
dir, wenn eine Kontrolle kommt... die haben Nasen, die riechen alles."
Ganz nebenbei werde ich angewiesen, mein Handy stets bei mir zu
tragen. Ob es denn kein Telefon in der Filiale gebe, frage ich
nach. "Doch, aber das funktioniert nur für leitstelleninterne
Nummern." Und - so erfahre ich später - bei Notrufen wie Polizei
oder Rettung. Ansonsten gilt: Wird jemand krank oder soll für einen
anderen einspringen, verständigt man sich übers private Mobiltelefon . "Ich bin rund um die Uhr erreichbar, fügt W. hinzu. "Du kannst mich
immer anrufen."
"Holen Sie sich den Kassaschlüssel", begrüßt mich W. am nächsten
Tag. Sie blickt mich kaum an, siezt mich wieder und ist kurz
angebunden, während sie sich mit der anderen Teilzeit-Mitarbeiterin
angeregt unterhält. Einen Moment fürchte ich, sie hat mich enttarnt. "Von wo?" frage ich. Kurzes Schweigen. "Am Schreibtisch, wo sonst."
Ein Kunde betritt das Geschäft, W. 'spiegelt' Artikel im Gang mit den
Kosmetika und Rasierklingen oder tut zumindest so. "Diesen Gang darf
man nie aus den Augen lassen, hier stehen die teuersten Waren", bläut
sie mir mehrmals ein. In der Filiale gibt es weder Videokameras, noch
Spiegel, noch Sicherheitseinrichtungen an der Tür.
Schlecker im Fernsehen
Nach wenigen Stunden Berufserfahrung bin ich bereits großteils auf
mich gestellt, versuche Gänge und Kunden zu beobachten, zu kassieren,
Waren auf ihr Ablaufdatum zu prüfen und an ihren Platz zu stellen.
"Gestern war der Anton Schlecker im Fernsehen", flüstert mir eine
Kundin über das Kassa-Fließband zu. Sie wirkt, als ob sie ein Geheimnis
loswerden will. "Und?" frage ich, bekomme aber keine Antwort. Die
Frau verdreht nur die Augen, zahlt und geht.
W. legt mir meinen Dienstplan für die kommende Woche vor. Die
Arbeitstage ändern sich wöchentlich, stehen aber schon zwei bis drei
Monate im Voraus fest, Überstunden werden mit Zeitausgleich abgegolten.
W. als Vollzeitkraft darf keine Überstunden machen.
"Am Samstag arbeitest du allein." W. hat wieder zu ihrem "du"
zurückgefunden. "Das geht schon. Das Anmelden in der Früh und den
Kassaschluss üben wir bis dahin drei Mal, andere Filialen machen das
nur zwei Mal." Ich muss schlucken, was sie missinterpretiert. "Wenn
du aufs Klo musst, sperrst du ab und hängst das Schild an die Tür."
Hinter der Kassa kramt sie ein Stück Papier in Klarsichtfolie hervor. Komme gleich, lese ich. "Rennst halt schnell nach hinten, beeilst
dich aber."
Misstrauen
Der Einkauf für den Eigenbedarf im Laden erfordert einen
beachtlichen logistischen Aufwand. Als W. mit einer
Mineralwasserflasche bei der Kassa auftaucht und zahlt, unterschreibe
ich den Kassabon, notiere darauf verschiedene Vermerke, kritzle meine
Unterschrift gemeinsam mit dem Nummerncode des Kassabons auch auf die
Flasche, und klebe die Rechnung abschließend noch auf ihr fest. Viel
Vertrauen dürfte Schlecker in seine Mitarbeiter nicht haben.
Nach der Abrechnung am Abend trage ich den Geschäfts-Umsatz in ein
Heft ein, addiere die Zahl der Kunden mit der gestrigen, rechne die
Höhe des durchschnittlichen Einkaufs aus. Alles in allem nicht ganz
einfach mit einem Taschenrechner, auf dem einige Tasten so abgegriffen
sind, dass man die Zahlen nicht mehr sieht. Im Büro dürfen
ausschließlich schwarze Kugelschreiber verwendet werden. Warum das so
ist, weiß W. nicht. "Das ist halt so."
Draußen ist es dunkel. Wir gehen noch ein Stück gemeinsam.
Am nächsten Tag kündige ich, gleichzeitig unterschreibe ich meinen
Dienstvertrag. Zum ersten Mal sehe ich die Vereinbarungen, die darin
festgehalten sind: Unter anderem ist Schlecker berechtigt, den
Arbeitnehmer in einer anderen Verkaufsstelle einzusetzen, eventuelle
Gehaltsüberzahlungen sind der Firma unaufgefordert zurückzuerstatten
und der Arbeitnehmer ist mit dem Urlaubsverbrauch während der
Kündigungsfrist ausdrücklich einverstanden.
In Internet-Foren, wo sich Schlecker-Mitarbeiter austauschen, ist
immer wieder von "Willkür" seitens des Unternehmens, "Schikanen"
und "Sklaverei" die Rede. Derlei Missstände musste ich nicht erleben;
wenn es sie gibt, so offenbar nicht flächendeckend. Praktiken, die aus
dem Arsenal finsterer Mächte stammen, konnte ich in beschriebener
Filiale jedenfalls nicht beobachten, triste Arbeitsbedingungen samt
einer gehörigen Portion Verantwortung schon.
* Namen von der Redaktion geändert. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 2.2.2010)