Über Nacht grau?

  • Die verminderte Aktivität des Enzyms Tyrosinase legt mit zunehmendem Alter die Melaninproduktion in den Melanozyten lahm.
    foto: apa/alessandra tarantino

    Die verminderte Aktivität des Enzyms Tyrosinase legt mit zunehmendem Alter die Melaninproduktion in den Melanozyten lahm.

Abends noch schwarzhaarig, frühmorgens schlohweiß - Was ist dran an dem Mythos, dass Menschen über Nacht graue Haare bekommen?

„Es gibt eine seltsame Interpretation, mit der sich die Wissenschaft das schlagartige Ergrauen nach traumatischen Erlebnissen derzeit erklärt. Ich halte diese Erklärung allerdings für unplausibel", nimmt Jolanta Schmidt, Leiterin der Haarambulanz im Wiener AKH, Bezug auf eine Erkrankung, die sich Alopecia areata diffusa (kreisrunder Haarausfall) nennt. Diese klinische Sonderform des kreisrunden Haarausfalls führt zu einem schlagartigen Ausfall von Haaren über den gesamten Kopf verteilt. Im Fall des plötzlichen Grauwerdens nach einem seelischen Trauma geht man davon aus, dass dieser Haarausfall selektiv nur die pigmentierten Haare betrifft. Zurückbleiben die „Unpigmentierten". Eine Theorie für die es keine wissenschaftlichen Beweise gibt.

Lahme Melanozyten

Keine Frage von emotionalem Stress sondern eher eine Frage des Alters ist das natürliche langsame Ergrauen über Jahre hinweg. Die ersten grauen Haare finden sich, je nachdem ob weiß- oder dunkelhäutig, zwischen 34 und 44 (+/- 9 Jahre) Jahren auf dem Haupt wieder. Wann genau, liegt fest in den Genen verankert, wird möglicherweise aber auch durch Faktoren wie Ernährung, UV-Licht oder Stress etwas anders datiert.

„Mit zunehmendem Alter lassen die Enzymaktivitäten im Haarbulbus nach. Das betrifft vor allem die Tyrosinase, die für die Pigmentierung der Haare verantwortlich ist", erklärt Schmidt, den Mechanismus der hinter dem natürlichen Grauwerden steckt. Die verminderte Aktivität der Tyrosinase legt die Melaninproduktion in den Melanozyten (pigmentbildende Zellen) lahm. Das fehlende Melanin wird durch die Einlagerung von Luftbläschen in das Haar ersetzt. „Mehr Sauerstoff im Haar macht das Haar automatisch heller", ergänzt Schmidt.

Ungelöstes Rätsel

Das alles braucht seine Zeit und betrifft im Regelfall nie das gesamte Kopfhaar auf einmal. „Ist das Haar einmal draußen aus der Kopfhaut, dann ist es nicht mehr beeinflussbar", weiß die Wiener Haarexpertin. Ein plötzliches Grauwerden über Nacht nach einem Schockerlebnis scheint also schon rein physiologisch nicht möglich. Vielleicht ist die Alopecia areata als Erklärungsmodell für den Mythos gerade deshalb so passend. Geht es doch hier explizit um den Verlust von Haaren und nicht um eine mögliche Farbveränderung in einer noch vorhandenen Frisur.

Bei aller Skepsis, ganz ausschließen will Schmidt die Möglichkeit einer raschen Grauwerdung dennoch nicht. Davon ausgehend, dass jedoch jedes Haar einem zwei bis sechs Jahre anhaltendem Wachstumszyklus unterliegt, vermutet die Expertin aber eher, dass traumatische Erlebnisse zeitlich etwas weiter zurück liegen.

Aus grau wird wieder schwarz

Das Rätsel um das eventuelle Ergrauen innerhalb weniger Stunden bleibt weiter ungelöst. Über die möglichen medizinischen Ursachen einer neuerlichen Repigmentierung grauer Haare weiß man dagegen etwas besser Bescheid. Das Phänomen wurde unter anderem bei Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), einer Porphyria cutanea tarda oder nach einer Strahlentherapie beobachtet. Nach der täglichen Einnahme hoher Dosen Paraaminobenzoesäure wurde sogar schon 1950 (Zarafonetis C.J.D. Darkening of gray hair during para-amino-benzoic acid therapy. J Invest Dermatol 1950;15:399-401.)von einem Dunklerwerden der Haare berichtet.

Dass Haare grau erscheinen, liegt laut vieler Experten übrigens alleinig im Auge des Betrachters. Angeblich erzeugt nur die Mischung aus weißen und schwarzen Haaren den optischen Eindruck grau. Physikalisch betrachtet, gibt es die Farbe Grau tatsächlich nicht, das „graue" Haar existiert laut Schmidt aber trotzdem: „Es gibt einzelne Haare die am Anfang nicht gänzlich unpigmentiert sind. Sie besitzen eine Mischfarbe, die wir unserem Sinneseindruck entsprechend als Grau bezeichnen". (derStandard.at, 4.2.2010)

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